Tender Games ist das neue Projekt der beiden -eigentlich- eigenständigen Produzenten Marlon Hoffstadt und HRRSN. Am 18. Juli haben sie ihr gleichnamiges LP-Debüt 'Tender Games' veröffentlicht. Gemeinsam Musik machen die beiden Produzenten schon länger: als Marlon Hoffstadt und HRRSN haben sie auch vor Tender Games schon zusammen gearbeitet, allerdings mit einem anderen Sound. Mit dem neuen Album sind sie weg von straighten House-Klängen hin zu satten Harmonien mit Gesang und verschiedensten Einflüssen. Mit dem Signing bei Suol, wurde quasi "Tabula Rasa" gemacht und "from scratch" angefangen. Erst kam der neue Sound, dann der neue Name: als Tender Games wollen Marlon Hoffstadt und HRRSN das machen, was sie wollen. Deswegen hatten wir eigentlich den Plan, mit den -eigentlich gar nicht so neuen- Newcomern über ihre Musik zu sprechen. Irgendwie sind wir dann aber sehr schnell bei der Pro- und Contra-Liste von Indie vs. Major und Deutschland vs. England gelandet. Neben diesen nerdigen Insider-Themen haben wir noch genug Platz gefunden, über alles, was links und rechts von ihrer Musik passiert, zu sprechen: Emotionen, Träume, Ziele- und das Berghain. Also Ladies and Gentlemen – vorgestellt: Tender Games!

Wenn 'Tender Games' also eine Art Neuanfang ist, und ihr -wie ihr selbst sagt- mit neuem Label und neuem Sound "Tabula Rasa" gemacht habt: warum sich dann nicht auch so nennen?!

Marlon: Wir hatten erst das Wort “gaze” und haben tatsächlich in einem Online-Generator für Namen rumgebüffelt, in dem man Kombinationen aus zwei Wörtern eingeben kann. So hatten wir zwischendurch auch noch ein paar andere Namen. Irgendwann sind wir dann aber bei “tender” angekommen und haben überlegt, was dazu passt. Uns ist nicht sofort aufgefallen, dass der Name "Tender Gaze" ausgesprochen zu Verwirrungen führen kann. So haben wir uns letztendlich für 'Tender Games' entschlossen. Das Design hatten wir auch schon- und im Gesamtbild passte es dann alles sehr gut zusammen!

HRRSN: Es passt schon alles ganz gut zu unserer Musik- es geht ja viel um Zwischenmenschliches und auch viel um Spielereien. Darum, dass man Sachen sagt und eine Reaktion erwartet. Das Spiel mit der Liebe zum Beispiel.

Auch wenn man immer das Beste hofft, kann nach einem Debütalbum alles passieren. Was also, wenn der Neunanfang nicht funktioniert? Gibt es für Euch einen Plan B zur Musik?

HRRSN: Nee. So doof und cheesy das klingt, aber ich kann auf Ewig nichts Anderes als Musikmachen. Wenn ich eine Woche lang keine Musik mache, fängts schon an mir schlecht zu gehen.

Ist Musikmachen echt so therapeutisch?

HRRSN: Voll! Ich habe erst was Anderes gemacht- bin den Standardweg mit Studium gegangen. Und fand die Vorstellung davon am Devisenmarkt zu traden total geil! Aber irgendwann wurde ich immer unglücklicher. Und mit der Musik ist dieses Gefühl weggegangen. Egal wie lange ich jetzt darüber nachdenke: die Option, etwas Anderes zu machen, existiert für mich nicht. Ich sehe mich nicht wo anders im Leben. Gar nicht. 

Ihr geht also "all in". Wie habt ihr den richtigen Sound dafür gefunden?

Marlon: Ullrich (Anm.d.Red.: HRRSN) hat bei den Marlon Hoffstadt und HRRSN-Projekten nur House gemacht, weil ich so 'ne House-Nudel bin. Und bei dem Album sollten auch vor allem Ullrichs Einflüsse rauskommen. Ich komme voll aus dem House – Berliner Kid, hier aufgewachsen, noch recht jung und früh Feiern gegangen. Da war irgendwie klar: wenn ich selbst Mucke mache, dann wahrscheinlich House. Bei Ullrich kommen die Einflüsse eher aus dem Folk, R’n’B, Garage- eben vielen verschiedenen Richtungen. Dadurch ist auf dem Album viel durch ihn gekommen. Wir machen beide noch nicht all zu lange Musik- aber Ullrich noch ein bisschen länger als ich und er hat dadurch schon ein bisschen mehr durch an Genres. Ich kann auch kein Klavier spielen, keine Gitarre und die Stimme bin ich leider auch nicht. Die Einflüsse kommen also von Ullrich und wir produzieren das dann gemeinsam aus. Wenn doch House-Einflüsse dabei sind, dann weil Ullrich einen Kompromiss eingegangen ist (lacht).

HRRSN: Ach – ich mag House. Also zum Feiern geht bei mir eigentlich auch nur House, seit ich in Berlin lebe. Den Vibe und das Feeling finde ich bei House einfach am besten. Die musikalische Findung des Albums war eigentlich gar keine Findung. Es kam eher ganz natürlich raus. Wir hatten 30 Skizzen, die alle in eine Richtung gingen: bisschen housy, bisschen modern, bisschen soulig.

Hat Berlin bei der Albumproduktion eine große Rolle gespielt? Braucht ihr die Metropole? Oder hättet ihr den gleichen Sound auch in Ober-Ursel machen können? 

Marlon: Ohne Berlin hätten wir uns wahrscheinlich nicht getroffen. Weil ich ohne Berlin gar nicht erst in die House-Richtung gekommen wäre. Wir machen aber einen Sound der nicht unbedingt typisch für Berlin ist. Wir nehmen schon das auf, was wir hier erleben – ohne den typischen dunklen, schweren Berlin-Sound zu machen. Kein Techno. Kein Deep-House. Die Intention war, als deutscher Act ein Cross-Over-Ding entstehen zu lassen, das gerade in England so abgeht- also ein bisschen in Richtung UK-Garage gehen. Den UK-Sound nach Deutschland zu bringen, ohne irgendjemanden zu kopieren, sondern sein eigenes Ding zu machen. Das wäre schön.

Ihr habt auf Facebook auch angegeben, dass Artists, die ihr abfeiert, zum Beispiel  Jungle und SOHN sind – auch UK Acts. Was ist es denn gerade in England, das so prickelnd ist? Und warum ist das in Deutschland noch nicht so angekommen?

HRRSN: England ist ja allgemein musikalischer Vorreiter, seit Jahrzehnten. Und gerade was diese Art von Musik betrifft. In England gibt es kein Genre, das sich nicht beeinflussen lässt von anderen. In Berlin merkt man beim Auflegen, dass wenn man zu verspielte Sachen spielt, es den meisten Tanzenden schon zu viel ist. London ist nicht nur ein extremer Schmelztiegel, sondern da wird das Zusammenschmelzen auch richtig praktiziert. Jeder nimmt von jedem etwas auf. Und deswegen ist, glaube ich, die Musik so vielfältig. Garage zum Beispiel – wie entsteht so was? Es ist ein extrem ungewöhnlicher Beat – hat schwarze Einflüsse, weiße Einflüsse, Techno. Einfach alles. Das gibt es hier auf diese Weise nicht. In Deutschland sind die Musikrichtungen deutlicher abgegrenzt. Aber es wird auch nur eine Frage der Zeit sein, bis es von der Insel herüber schwappt. Einer muss damit anfangen. Und in Deutschland muss etwas erstmal “cool” sein, bis sich mehrere dazu bekennen. In England hört gefühlt jeder alles! Und so geht es uns auch – wir hören uns alles an. Manchmal höre ich in der einen Minute Radiohead und in der nächsten Danny Brown. Es gibt viele Leute in Deutschland, die sich auf ein Camp beschränken, für dieses kämpfen und wütend werden, wenn Du das nicht magst. In England ist es die Offenheit gegenüber anderer Kulturen und die Offenheit gegenüber kulturell anderer Musik. Auch die krasse Club-Kultur in London. Wir waren letztens im Notting Hill Arts Club. Da sind ganz normal Bands aufgetreten, die alle super krass sind, obwohl sie gerade einen ihrer ersten Auftritte machen. Du kannst gar nicht anders, als inspiriert zu sein.

Marlon: Die hatten so ungefähr noch nicht mal zehn Follower, haben da gespielt und man dachte richtig: Oh Gott! Was ist jetzt los??? Ich würde von meiner eigenen Musik nicht behaupten, das sie super inspiriert und revolutionär ist. Aber mit Tender Games haben wir jetzt wirklich mal versucht was anderes zu machen. Etwas, von dem es in Deutschland noch nicht so viel gibt. Musik, die nicht einfach nur mitreitet, bei dem was gerade gut geht.

HRRSN: Es gibt in Deutschland ja prinzipiell genau so viele Leute, die richtig geil Musikmachen können. Es sind ja nicht die Menschen, die so festgefahren sind. Sondern die eben angesprochenen Gruppen und Industrien. Einem A&R in England ist so was scheiß egal. Wenn ihn irgendwas zeckt, dann singt er es. In Deutschland ist es so: Geil – aber jetzt hake ich erstmal meine Liste ab. Kann ich das machen? Kann ich das nicht machen?

Marlon: Man wird als Künstler auch unglaublich reduziert. Jetzt gerade sind gewisse Musiker in Deutschland angesagt – Klangkarussel, Wanckelmut – und wenn Du dich jetzt mit Deiner Musik, deinem Sound vor der Industrie präsentierst, wird erstmal geguckt, ob Du da reinpasst. Die sehen nicht das gesamte Projekt, sondern picken zwei, drei Sachen. Hits, die dann ausgeschlachtet werden und der Rest wird weggeworfen, weil es nicht in ihren Zeitgeist passt.

HRRSN: In England liegt es wahrscheinlich aber auch daran, dass es mehr große Indie-Labels gibt. Es gibt wirklich viele Indie-Labels, die fast wirken wie Majors, weil sie einfach Kohle haben. Zum Beispiel XL Recordings, die jetzt Jungle gesignt haben, und damals schon Adele – mit 19! Oder auch Young Turks – Labels die riesig sind und dadurch auch riesige Möglichkeiten haben, aber trotzdem Indie sind. Und von diesen wirklich großen Indies gibt es in Deutschland noch nicht so viele. Die auch einfach mal hier signen, da signen – Hauptsache die Musik ist gut und nicht: wie vermarkte ich das? Aber das ist in Deutschland ja auch im Kommen. Suol – unser Label – ist ein mittelgroßes Indie-Label. Und wir sind froh bei einem Indie gesignt zu sein. Und haben auch nicht vor zu 'nem Major zu gehen. Weil künstlerische Freiheit im Vordergrund steht. Und wenn Du weißt, wie Du dich vermarkten möchtest, eine Idee hast und das Label steht hinter Dir…Es gibt genug Leute, die Zugang zu Musik haben. Nicht wie früher: Du musst dir eine CD kaufen, um an Musik zu kommen. Jeder geht einfach an den Rechner, Soundcloud, kann dich liken, kann dich supporten und damit dafür sorgen, dass du auftrittst. Du kannst quasi direkt am Kunden bzw. Hörer arbeiten.

Wie sehr hat man denn den Anspruch, das Soundrad neu zu erfinden? Wenn man eh weiß, die werden alle schreien: klingt wie…in Eurem Fall Disclosure.

Marlon: Wir sitzen nicht im Studio und denken, wir müssen uns neu erfinden. Sondern wir sitzen im Studio und wissen, wir müssen das machen, worauf wir Bock haben. Wir wurden auch letztens gefragt, ob wir so genre-offene Musik gemacht haben, um ein möglichst breites Publikum abzugreifen. Es ist aber wirklich weniger Kalkül, als einfach das zu machen, worauf man Bock hat. Und ohne jetzt selbstvermessen klingen zu wollen- einfach gute Musik zu machen.

Aber woher nimmt man die Sicherheit bzw. das Selbstbewusstsein zu wissen: das was ich mache, ist gut?

Marlon: Durch Freunde. Meinen eigenen Sound finde ich nicht so gut wie den Sound von anderen. Es kommt viel durch Freunde, durch andere Musiker, durch Leute, mit denen man arbeitet.

HRRSN: Ich sehe das auch nicht so eng mit dem Vergleich. Wir haben vielleicht zwei housige Tracks auf dem Album, die in die Richtung gehen. Aber wenn man sich das ganze Album wirklich anhört, dann erkennt man relativ schnell, dass es nicht so disclosure-esque ist, wie manche meinen. Da würde ich eher noch sagen SBTRKT. Weil ich das auch wirklich viel gehört habe.

Und was sind Eure Kriterien für gute Songs? An welchen Maßstäben messt ihr gute Musik?

HRRSN: Wenn ich  beim Hören eines Liedes, Sehnsucht danach bekomme, selber Musik zu machen. Dann ist es ein guter Song. Oder ich denke mir: Fuck, meine Musik muss besser werden! Bestes Beispiel ist, Bipolar Sunshine – Love more, worry less. Das finde ich so krass produziert und da habe ich mir letztens gedacht: Was machst Du eigentlich für Mukke?! Wenn ich so etwas denke oder empfinde, dann weiß ich: den Song werde ich noch lange mögen.

Marlon: Ich gucke nicht so stark darauf, wie das Lied gemacht ist. Sondern was es in mir auslöst. Ich bin eher der emotionale Typ. Was nicht bedeutet, dass ich zu Musik direkt anfange zu weinen, aber es muss sich schon etwas in mir regen. Wenn ich zum Beispiel einen richtig krassen Techno Song höre, der mich voll vorantreibt, habe ich nicht automatisch das Bedürfnis Musik zu machen, weil ich einfach keinen Bock habe, Techno zu machen. Es gibt Lieder, die mich zum Tanzen bringen, oder dazu gute Laune zu haben, oder aber auch zum Traurigsein. Es gibt kein wirkliches Kriterium, sondern nur das, was ich in dem Moment empfinde.

Ist das auch die Message, die ihr transportieren wollt? Gute Emotionen? Und diese dem Hörer hinwerfen und sagen: mach damit, was Du willst?

HRRSN: Ich dachte immer, unser oberster Ziel sei es, aufrichtige Musik zu machen. Deswegen ist unsere Musik – auch wenn man in Texten metaphorischer werden kann- durchgehend straight, einfach und normal. Ehrlich gehalten, um die Aufrichtigkeit zu transportieren. Es gibt Leute, die schreiben ganz natürlich so, es gibt aber solche, die so schreiben – um so zu schreiben! Ich finde, man sollte immer das schreiben, was auch am Ende gesamt rauskommt. Und bei uns ist es von den Melodien wirklich alles so, bisschen Herzschmerz, bisschen wie die erste naive Liebe. Klar ist das rückblickend alles beschissen gewesen- aber in dem Moment ja nicht. Da war es alles für einen. Und solche Musik wollen wir machen: ehrliche Musik. Die ins Herz geht. Oder eben in die Lenden. Wie auch immer. (lacht)

Bei was fangt ihr denn an zu tanzen?

HRRSN: Blood Orange – On the Line. Immer und sofort. Da könnte ich auch alleine in meinem Zimmer rumtanzen!

Marlon: Jungle – Time. Das ist der Track, der mich momenten durch den Tag bringt. Und grundsätzlich: House Musik. Zu House – auch bischen härter – tanze ich echt gerne. 

Seid ihr Berghain-Gänger?

HRRSN: Ich war noch nie im Berghain. Ich gehe da auch nicht hin – bis wir in der Kantine spielen (lacht). Bei mir war die erste Club-Erfahrung, die ich in Berlin gemacht habe, Ritter Butzke. Mein erstes Mal richtig feiern in Berlin und seitdem gehe ich auch immer wieder gerne hin.

Marlon: Club Recorder war mein erster Club. Kennt ihr den noch? Da war ich 15, und mit Party-Zettel von Mutti unterwegs. Irgendwann haben wir uns dann in den Suicide Circus geschlichen. Berghain ist auch gar nicht meins – ist mir einfach zu anstrengend. Wir sind aber auch gar nicht so die Party-Hasen. Wir turnen genug in Clubs rum, wenn wir auflegen. Und wenn wir mal nicht auflegen, sind wir froh mal entspannt zu machen.

HRRSN: Krasse Langweiler. Aber naja. (lachen)

Was sind denn die Hoffnungen und Träume für die nächsten Wochen, Monate, Jahre mit Tender Games?

Marlon: Ich sehe das eher in Jahren. Mir ist gar nicht mal wichtig, wo haben wir gespielt. Wichtig ist mir vor allem, dass wir ein gutes Standing bei den Leuten haben. Leute, die auch zu hause unsere Musik hören und die zu unseren Konzerten kommen und mitsingen können! Das ist das Allerwichtigste. Und was Clubs und Gigs betrifft: auf jeden Fall nächstes Jahr Melt!, Coachella wäre auch mega. Und wenn es die kleinsten Bühnen sind, und wir auf den Plakaten ganz, ganz unten stehen – hauptsache Festivals spielen! Und in Berlin in der Pannebar mal ein DJ-Set zocken wäre auch ganz geil.

(Fotos: Ali Kanaan)