Verteilt über eine Vielzahl von düsteren universitären Gängen in Großbritannien, findet man vier Tutoren, die eine Sache gemeinsam haben: Sie sind allesamt verwirrt. Vor der Wahl stehend, ob sie ihr Leben weiterhin betrunken und verschuldet als Studenten verleben wollen, oder aber betrunkene und berühmte Rockstars sein wollen, kann man ohne Umschweife sagen, dass den vier Jungs, die sich später The Automatic nennen sollten, eigentlich nur eine Wahlmöglichkeit blieb.

„Ursprünglich sah unser Plan so aus“, setzt Iwan Griffiths an, „dass wir uns zunächst ein Jahr frei nehmen, um zu sehen, wie es mit der Band läuft. Nach zwölf Monaten, im September des Folgejahres, wollten wir dann endgültig festlegen, ob wir es nun tun oder nicht.“

„Ich holte mir ein Formular, aber die von der Uni sagten mir, dass ich das postalisch klären müsste“, räumt Alex Pennie ein. „Und da hatte ich keinen Bock drauf. Inzwischen werden sie es wohl gecheckt haben.“

Pennie entschuldigt sich vorsichtshalber schon jetzt bei all denjenigen, denen er in seiner vermeintlichen Karriere als Psychotherapeut hätte helfen können. Stattdessen steht für ihn nunmehr einzig Rock’n’roll auf dem Programm. Pennie spielt Keyboard bei The Automatic, außerdem hüpft er gerne wie ein Gibbon herum und grölt schräge Hintergrundgesänge, wenn Sänger Rob am Mikrofon abgeht. Weiß er einmal nicht mehr weiter, so schlägt er laut eigener Aussage „einfach auf eine Kuhglocke. Die erste Platte, die er sich in jungen Jahren zulegte, war „höchstwahrscheinlich `Now 35´, aber das ist nicht gerade cool, oder?“


Pennie wurde erst später Teil der Band. Er hatte sie – damals allerdings noch unter dem Namen White Rabbit – schon Jahre zuvor im Rahmen eines nachmittäglichen „Teen-Spirit“-Konzerts in Cardiff gesehen. Damals dachte er sich schon, dass die ja „ziemlich cool“ sind.

Unter anderem sah er damals Rob Hawkins, die neuste Reinkarnation eines singenden Bassisten. Fragt man Rob heute über die Band, so erzählt er einem, dass „das Beste daran ist, dass man sich nie langweilt.“ Als Pennie ihn zum ersten Mal auf der Bühne sah, befand er sich noch im Abiturstress und war gerade dabei, über einen zweiten Gitarristen abzustimmen. „Das artet bei uns jedes Mal zu einem richtigen Kampf aus.“


Der erste Gitarrist jedoch war schon immer James Frost. Der Mann mit dem unterkühlten Namen ist ein großäugiger Emo-Typ, ein prädestinierter Superheld: Würde er heute nicht ein in den höchsten Tönen gelobter Gitarrist sein, so wäre ihm eine Karriere als Golfprofi sicher! Vor die Wahl gestellt, würde er sich lieber von einer Mumie als von einem Skelett verfolgen lassen – Mumien sehen nämlich schlechter. „Ich bin nicht gerade ein Ass als Läufer“, setzt er an. „Aber ich denke mal, dass eine Mumie auch nicht allzu krass abgehen wird.“

Vervollständigt wurde das Line-up der Band schließlich mit Iwan Griffiths, der schon seit geraumer Zeit von seiner eigenen Strandbar auf Hawaii träumt. Natürlich ist er auch mit seiner Rolle bei The Automatic durchaus zufrieden, schließlich gäbe es hier „Freibier, und zwar dafür, dass ich mit meinen Kollegen abhänge!“ Dazu kommt natürlich noch das Geld. Er hält Frankenstein übrigens für eine „Pussy“.

Als ihnen irgendwann die Idee kam, einen elfenartigen Keyboarder (mit einer Art Bühnen-Tourettesyndrom) als weitere Aushilfskraft ins Punk-Pop-Boot zu holen, schickten sie all die angedachten Gitarristen kurzerhand in die Wüste und schnappten sich Pennie, der seine beschränkten Fähigkeiten damals noch auf einem KORG-EA1 auslebte. „Das ist so etwas wie `Mein Erstes Keyboard´.“ Als sich Pennie schließlich als Sänger einer At The Drive-In-Coverversion versuchte, wurde allen im Handumdrehen klar, dass man mit einer solchen Performance jeden vom Hocker hauen kann. Inzwischen hat sich Pennie zu einem Alhesis Micron bzw. dem „old-school Roland Juno“ gemausert –, und The Automatic haben unterdessen ihren ganz eigenen Sound gefunden.

Was die Jungs zusammenhält, ist ein Faible für Blur, Ash und Radiohead. Da sie allerdings in der überaus ruppigen Szene von Cardiff großgeworden sind, standen sie schon immer auch experimentellen Hardcore-Bands wie Jarcrew sehr nahe. Diese ungewöhnliche Mischung prädestiniert sie zu einem einzigartigen Sound.

„Die Tatsache, dass wir diese unterschiedlichen Einflüsse haben, hat uns absolut positiv beeinflusst“, berichtet Frost. „Dadurch waren wir von dem Druck befreit, wie all die anderen Bands klingen zu müssen. Wir haben uns auch keine Bands angeschaut und gesagt, `Weil die jetzt so klingen, müssen wir etwas total Gegenteiliges machen.´ Wir haben uns einfach nur die besten Elemente, die Teile, die wir mochten, rausgepickt und sie in unseren Sound integriert.“

Auf diese Weise haben The Automatic es vollbracht, einen noch unbeschrifteten Sound zu kreieren, in dem sich Robs knallhartes Bassspiel um Iwans nukleare Schlagzeugtexturen wickelt, während Frost und Pennie blitzartig über dieses Fundament gleiten und gemeinsam eine klangliche Fantasieinsel aus Glam und Hardcore entwerfen, die so ambitioniert, gestört, wütend und verdammt lustig zugleich zu klingt, wie man es sich für den Sound von Morgen nur wünschen kann…

Ihr Debütalbum, das sie vor kurzem in Liverpool, Cardiff und Lincoln aufgenommen haben, ist die wohl bewegteste Platte, die dieses Jahr erscheinen wird. Wie schon ihre indirekten Vorfahren, die Manic Street Preachers, halten The Automatic an einer strikten „Keine-Balladen-Politik“ fest. „Und dann hat Rob noch gesagt, dass er nie im Leben mit Lederhosen rumlaufen würde“, ergänzt Pennie. „Dabei ist doch jetzt schon absehbar, wie er in einigen Jahren in einer Lederhose auf die Bühne des Millennium Stadions kommen wird.“

Während wohl alle den Ohrläppchen verbrennenden Rundumschlag von einer Single – „Recover“ – bereits kennen werden, ist schon beim ersten Anhören des Albums klar, dass sich hier eine ganze Reihe von absonderlichen Songs tummelt. Unfassbar heiß ist dabei das a-pop-kalyptische „By My Side“, der erste Song übrigens, an dem sie gemeinsam gearbeitet haben und zugleich der letzte, den sie fertiggestellt haben. Der Song „That’s What She Said“, den The Automatic heute als ausgewachsene Disco-Metal-Nummer präsentieren, war ursprünglich nicht mehr als ein 210 Sekunden kurzes Prog-Pop-Instrumentalstück. Dennoch war es dieser Song, der ihr heutiges Management dazu brachte, dieser unbekannten Band nachzugehen – schließlich war das die „arroganteste Nummer, die wir jemals gehört haben.“


Ihr momentaner Live-Partygarant „Monster“ beinhaltet einen Refrain, den man schon bald von sämtlichen Spielplätzen, Fußballtribünen und sogar von fremden Planeten hören wird. Die „Monster“, um die es hier geht, sind die vollgetankten Stadtmenschen in Sherman-Klamotten, die jeden Samstag durchs nächtliche Cardiff ziehen. Wäre Rob ein echtes Monster, so würde er übrigens „wie Gary Glitter, aber in grün“ aussehen; die besondere „Superpower“ von Iwan wäre „ein magnetisches Gesicht“.

Momentan bereiten sich The Automatic darauf vor, ihre überdimensionale zweite Single abzufeuern. Es handelt sich dabei um ein umwerfendes Brett von einer Punk-Hymne, die nicht nur Dringlichkeit versprüht sondern sich zugleich – im leicht traurigen Unterton – vor einem geheimnisvollen Sandwich-Chefkoch, der in der Nähe ihres Proberaums operiert, verneigt. Der Mysteriöse heißt „Raoul“.

„Wir proben in Cardiff, und er besitzt ein Café gleich gegenüber. Und er macht Sandwichs“, berichtet Rob. „Der Song handelt davon, wie man sich letztlich doch immer auf die Erwartungen seiner Mitmenschen einlässt bzw. sich ihnen beugt. Es geht um das Gefühl, wenn man immer nur das tut, was andere von einem erwarten und man schließlich doch in einem Job landet, den man nicht ausstehen kann. Wir gehen einfach immer rüber zu Raoul, wenn wir gerade keinen Bock mehr haben und nicht mehr weiterwissen. Für uns sind es eher die kleinen Dinge, das sind die eigentlichen Rückzugsorte.“

„Die Sache mit Raoul ist so: Wir kamen mit dem Text für einen neuen Song nicht so richtig weiter. Also gingen wir wieder einmal auf die andere Straßenseite, machten eine Pause. Wir gingen los, um Raoul zu treffen.“
Und so wurde – wie durch einen Zauber – alles wieder gut. Man kann nur hoffen, dass es auch den vier erschöpften Tutoren so oder ähnlich ergehen wird. Denn eins steht fest: The Automatic werden definitiv nicht an die Uni zurückkehren.

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