Dass zunehmend Ursprünglichkeit gepaart mit rustikalem Wertebewusstsein den Weg zurück in das aktuelle Musikgeschehen nimmt, ist eine begrüßenswerte, wie auch schon etwas länger andauernde Trendwende. Trotzdem sind blutjunge Burschen wie die neuseeländischen Checks, die mit der Chuzpe und der Innbrunst ganz alter Hasen auf ihrem Debütalbum ‚Hunting Whales’ den basischen Bluesrock mitsamt all seiner unverfälschten Unmittelbarkeit zelebrieren, stets aufs Neue ein Faszinosum.

Es gibt Konzert-Abende, an denen man vorher weiß was einen erwartet. Nicht so dieser Donnerstagabend im Berliner Lido, wo die Checks im Rahmenprogramm der diesjährigen Popkomm ihre deutsche Bühnenpremiere feiern. Und das ganz nach der Devise Feiern und gefeiert werden. Denn bereits nach den ersten Takten wähnt man sich in der Traditionalisten-Twilightzone. Das ebenso wie die Band doch recht jugendliche Publikum springt und hüpft ekstatisch in den ersten Reihen – ein Bild, was nicht so verwunderlich wäre, wäre da nicht der Soundtrack zu dem dieses geschieht: Sänger Ed Knowles scheint die tiefen Töne direkt aus den entlegendsten Winkeln seiner Seele zu hieven, Basser Karel Chabera, Schlagzeuger Jacob Moore und Gitarrist Callum Martin grooven im Dampfross-Takt längst vergangener Rhythmus-Dekaden, während Gitarrist Sven Pettersen solistisch seine Sechssaitige zuweilen Mark- und Herzerschütternd monologisieren lässt. Der Verschwörungstheoretiker in mir erwacht: Sind die Checks in Wahrheit vielleicht Neuseelands älteste Bluesband, die mit Hilfe moderner plastischer Chirurgie von der Plattenfirma auf ein juvenil ansprechendes Erscheinungsbild geschnippelt wurden? Eine Recherchen-volle Nacht, drei Staffeln ‚Nip/Tuck’, der Lektüre einer Michael Jackson-Biographie und des Buches ‚Die Körper-Konservierungs-Kunst der alten Ägypter’ später, konfrontiere ich Ed und Sven zu Interview-Beginn mit meinem Verdacht. Und ernte amüsiertes Lachen. Nein, die Checks sind echt und wirklich so jung, auch wenn sie sich im Inneren musikalisch eher alt fühlen. „Eigentlich hören wir alles mögliche an moderner Musik, sogar Hip Hop. Aber es ist eben dieser traditionelle alte Blues der, wenn wir etwas spielen immer aus uns heraus bricht und für uns einfach am Natürlichsten klingt – alles andere hört sich bei uns aufgesetzt und würde nicht funktionieren”, erklärt Ed. Und so erfolgreich wie die Dinge für die Band, die sich im Schulchor gefunden hat, gerade laufen, wäre es auch töricht etwas anderem als dieser inneren Stimme zu folgen. Zumal der klassische Werdegang von der Cover-Kapelle zu Neu Seelands heißesten Newcomern von den Checks komplett im schnellen Vorlauf absolviert wurde. Und dann ist da ja auch noch die Sache mit R.E.M.. Der Legende nach hat niemand geringeres als Michael Stipe persönlich die Jungs zum neuseeländischen Tour-Supportact seiner Alternative-Instanz-Band geadelt. Ed bestätigt: „Michael rief uns tatsächlich an. Als wir gerade im Erdkunde-Unterricht saßen…” Sven kommt daraufhin mit der ganzen Vorgeschichte um die Ecke. “Es gibt dieses Magazin, das weltweit jeden Monat eine neue Stadt vorstellt. Und in der Auckland-Ausgabe waren wir auf der CD-Beilage mit ‚Tired of Sleeping’ vertreten. R.E.M. waren gerade auf Tour in Wien und haben da wohl dieses Heft in die Hände bekommen. Und sie konnten sich mit unserem Song anscheinend total identifizieren, denn das Lied lief bei ihnen im Tourbus rauf und runter. Und als sie dann in Neu Seeland waren, haben sie uns angerufen und ins Vorprogramm eingeladen.” Vom 100-Mann-Pub ab ins Stadion – so schnell kann es gehen. Der Band-Umzug nach London war dann nur der nächste logische Schritt auf der Karriereleiter, schließlich ist nicht nur die Plattenfirma dort ansässig, sondern auch ein größeres Publikum. „Neuseeland ist toll, aber es gibt dort eben nur 4 Millionen Leute. Und um seine Musik unter Volk zu bringen braucht man schon ein paar mehr. Anfangs haben wir uns ein bisschen wie die Jungs vom Lande dort gefühlt, aber mittlerweile geht’s.”, so Ed, der seine neuseeländischen Wurzeln keinesfalls verleugnet. Im Gegenteil, er ist ihnen dankbar. „Ich glaube die Tatsache, dass wir uns nicht von irgendwelchen Moden sondern unseren direkten und ursprünglichen Gefühlen leiten lassen, hat was mit unserer Herkunft zu tun. Wenn man so isoliert lebt, hat man vielleicht auch die größeren Träume.” Den Robert Johnsonschen Kreuzungs-Scheidewegpreis haben die Checks dafür bereits bezahlt: In Form der kontinentalen Trennung von Freunden und Familie. Aber das hält die Jungs nicht davon ab, es weiter mit den Erfahrungs-Weisheiten alter Männer zu halten. ã Ich hab mal in einem Nick Cave Interview gelesen, das für ihn das schwierigste sei, einen Anfang für etwas zu finden. Insofern ist unser Plan erst gar nicht mit dem Schreiben und Touren aufzuhören, damit wir uns diesen schwierigen Neustart sparen können”, so Sven. Dabei ist das alte ‚Aller Anfang ist schwer’-Sprichwort in Betrachtung der bisherigen Erfolgsgeschichte der Checks mindestens genauso weit hergeholt wie Kiwis im hiesigen Obstladen.

Text: Frank Thießies