Dass die Jungs immer wieder gut sind für Überraschungen, ist nichts Neues. Dass sie sich diesmal aber um 180 Grad drehen und eine warme, fast offenherzige Sammlung von elf Songs präsentieren, hätte nach ‘The Invisible Invasion’ keiner gedacht.

‘The Invisible Invasion’ ist ein kleiner Trickser. Während sich ‘In The Morning’ noch gefällig gibt und fröhlich aus dem Radio tönt, gestaltet sich der Rest des Albums als harte Kost. Düster und mit hängenden Schultern begeben sich The Coral durch den Morast der englischen Küste und thematisieren den Selbstmord in Einsamkeit. Die Spirale dreht sich immer schneller, während James Skelly, Ian Skelly, Bill Ryder-Jones, Nick Power, Lee Southall, Paul Duffy und John Duffy immer mehr in den blauen Dunst hineingezogen werden. Trotz des Erfolges dank ‘In The Morning’ sind die Jungs kurz vorm Ausbrennen und Gitarrist Bill Ryder-Jones verlässt die Band.

“Wir sind ein bisschen vom Weg abgekommen. Uns fehlte die Kraft, uns aufzurappeln. Wir haben uns eine Pause gegönnt, uns wieder dran erinnert, warum wir das alles machen und worum es bei The Coral geht. In dieser Zeit sind viele seltsame Sachen passiert, und Nick und James spiegeln diese Erfahrungen auf dem Album wider. Wir brauchten die Zeit, um die Songs alle beisammen zu kriegen.”

Zwei Jahre brauchen The Coral aus der Gegend von Liverpool, Bis ‘Roots & Echoes‘ im Kasten ist. Zeit, die bitter nötig war und die Band in einem neuen Licht erscheinen lässt. Und verlorene Söhne wie Bill Ryder-Jones wieder in ihre Heimathäfen lenkt. Heute präsentiert man sich mit stampfenden Nothern-Soul-Akkorden (‘Who’s Gonna Find Me’), traut sich fast träumerische Lieder zu (‘Jacqueline’) und wartet mit Orgel-Einlagen der ersten Klasse auf (‘She’s Got A Reason’).

Der klassische sehr warme Sound spricht an und stellt abermals unter Beweis, was für eine hervorragende Band The Coral sind, die leider immer noch zu wenig Beachtung findet. Die bereits für den Mercury Prize nominierte Band agiert am Rande und inspiriert damit immer wieder junge Bands – nicht zuletzt die Arctic Monkeys, die sie als Support für ihre Tour eingeladen haben. Die jungen Arctic Monkeys Fans verstehen die Musik nicht. Besser gesagt, sie wollen sie nicht verstehen. Irgendwann werden sie aber merken, dass die Hauptband des Arctic Monkeys-Konzerts eigentlich The Coral waren. Aber bis dahin müssen wir ihnen noch etwas Zeit geben und sie weiter mit Fakten füttern.

Ein Fakt wäre zum Beispiel, dass kein Geringerer als Noel Gallagher The Coral sein Studio für die Aufnahmen von ‘Roots & Echoes’ zur Verfügung gestellt hat. Der bekennende The Coral-Fan und Supporter war seinerzeit nicht in der Stadt und so konnten die Jungs sich in Noel’s Studio austoben: “Es war großartig. Die ganzen alten Instrumente plus ein Studio für lau zu haben. Als wir das erste Mal ins Studio kamen, fühlten wir uns wie Kinder auf einem Spielplatz. Es war sehr cool von Noel, dass er uns sein Studio nutzen ließ.”

Text: Tanja Hellmig