War es wirklich vor 7 langen Jahren? Vor 7 Jahren als die 5 Jungspunde von Kansas City, Kansas, jede Teenager Punk-Party im Lande mit ihren unverschämten Hooklines und besessener Intensität sprengten. Vor 7 Jahren, als die Get Up Kids entschlossen ihre Ärsche hochzukriegen und mit Four Minute Mile ein fetziges Debüt hinlegten, das brillanten zuckersüßen Midwestern Power-Pop mit zerreißendem Punk fusionierte und wieder mal unter Beweis stellte, dass so etwas nur von jungen, frustrierten und unglücklich verliebten Vorstädtern stammen konnte. Uncool, unbekannt und absolut ahnungslos von der Welt, die sie umgab, wurden genau diese Anfang 20jährigen die Lieblinge des Undergrounds. Und wie uns wohl bekannt sein dürfte, klopften sämtliche großen Plattenfirmen an ihren Türen, um eine weitere aufblühende Szene zu ihren Gunsten auszunutzen. Doch entschieden sich diese Get Up Kids mit dem vielversprechenden Indielabel Vagrant, einen Vertrag abzuschließen. Something To Write Home About, das 1999 erschien, war eine der letzten großen Scheiben des 20. Jahrhundert und machte unsere Protagonisten zum heißesten Geheimtip der gesamten U.S.A. Nach 200,000 verkauften Kopien reisten die Kids wildentschlossen durchs Land und eröffneten für Bands wie Weezer oder Green Day, spielten gleichzeitig aber noch in winzigen Kellergeschossen. Mit dieser mehr als ungewöhnlichen Mentalität konnte sich die heranwachsende Generation von Musikfans sofort identifizieren und machten so Matt Pryor`s ehrliche Gefühlsgeständnisse zu regelrechten Indiehymnen. Nun gab es kein Halten mehr, die Mundpropaganda lief auf Hochtouren, tonnenweise T-Shirts wurden verkauft, die Brillen der Kids wurden artgetreu imitiert, doch versteht mich nicht falsch: Es war emotional, aber trotzdem ist hier nicht die Rede von Emo, sondern von talentiertem Songwriting und unglaublicher Zielstrebigkeit.

Jetzt war der Weg für Hunderte Pop-Punk Klone geebnet, die mit ihren glamourösen Luxusbussen genüsslich die Straßen unserer Helden befuhren. Die ganze Zeit wird nun von den wahren Ursprüngen des Emos gequatscht, dabei sollten wir uns lieber über die Get Up Kids unterhalten. Nicht dass es ihnen etwas ausmachte, ganz im Gegenteil, schließlich sind die Kids keine Kinder mehr. Zwar sind die meisten Mitglieder gerade mal 26 Jahre alt, berücksichtigt man aber die schnelllebige und vor allem austauschbare Musikszene von heute, könnte man sie ohne schlechtes Gewissen zur alten Garde zählen. So sieht es auch Songwriter Matt Pryor selbst: “Um ehrlich zu sein, bin ich froh darüber, schon länger im Geschäft und kein blutjunger, naiver Newcomer zu sein. Würden wir jetzt erst mit der Band in die Pötte kommen, wären wir so gut wie erledigt. Wir sind heutzutage in einer komfortablen Lage, die heranwachsenden Indiegruppen der Neuzeit sicherlich nicht.”

Das Jahr 2002 war der Tiefpunkt dieser sinnlosen Ausbeute der Undergroundbewegung. Für die Get Up Kids, die ohne mit der Wimper zu zucken gemächlich ihr Ding durchzogen, änderte dies jedoch nichts. Statt eine lupenreine Kopie des Albums Something To Write Home About aufzunehmen, widmeten sie sich ihren inzwischen fast genau so beliebten Seitenprojekten (Pryor`s Folktruppe The New Amsterdams und Keyboarder James DeWees’ Popsatire Reggie & The Full Effect), bevor sie sich schließlich mit dem legendären Produzenten Scott Litt in Connecticut zusammenschlossen, um einen weiteren Longplayer einzuspielen: Das für die Get Up Kids eher untypische Drittwerk On A Wire, das eine riskantere und tiefgründigere Seite dieser Formation zeigte. Pryor`s Verständnis für die eigene Musik hatte sich überaus rasant weiterentwickelt und Songs wie “Overdue” und “Fall From Grace” setzten sich mit durchdachteren Themen wie dem Älter werden und Kinder kriegen auseinander. On A Wire fand sich in den Charts wieder und führte zum ersten TV Auftritt bei Late-Night Star Conan O`Brien. Nach einer harten und sehr zähen Tour wurde sich Matt aber einer wichtigen Tatsache bewusst: Der Band fehlte etwas.

“Wir bemerkten alle schnell, dass es uns mehr Spaß machte On A Wire zu Hause zu hören, als es live vor Leuten zu spielen. Nun ist es an der Zeit, wieder Songs mit mehr Saft und Kraft rauszuhämmern.” Also taten sie, was jedes andere berühmte Ensemble in ihrer Lage tun würde, sie fuhren wieder nach Kansas. Mit dem etwas großzügigeren Aufnahmebudget der neuen Platte kauften sich die Get Up Kids ein eigenes Heimstudio, das sie Black Lodge tauften, inspiriert von der TV- Serie Twin Peaks. Als Produzent wählten sie ihren langjährigen Freund, das geheime sechste Mitglied Ed Rose, und beschlossen, etwas Spezielles mit ihm auf Band zu fangen. Nach 8 zerreißenden Monaten und, so Pryor, dem besten Musikerlebnis seines Lebens, war die vierte Scheibe die Guilt Show endlich fertig.

“Keiner von uns war von On A Wire enttäuscht,” erzählt das Mastermind Pryor, ” nur war diese ganze Zeit sehr anstrengend, denn wir wollten unbedingt etwas neues ausprobieren. Wir haben schon immer die Musik für uns selbst geschrieben, deswegen war es uns egal, dass wir uns so viel Zeit bei den Aufnahmen ließen. Bei so einem Unterfangen braucht man jemanden, der uns alle gut kennt und die Band versteht. Scott Litt hörte ein paar Demos von On A Wire und wusste nicht wirklich, was er damit anfangen sollte. Ed kennt uns schon eine halbe Ewigkeit, was alles sehr einfach und angenehm für uns machte.” Genau diese Familiarität der Gegebenheiten erlaubte Pryor, im Haus ein Mikro aufzuhängen, das jegliche seltsame Geräusche, wie zum Beispiel ungeplante Schreie, einfing. Auf dem düsteren Drum-Machine Track “Is This A Way Out” findet man genau solche Zufälle wieder.

Die 13 Songs auf Guilt Show berücksichtigen die Vergangenheit dieser Musiker, setzen aber auch Zeichen für eine spannende und ungewisse Zukunft. Sie verneinen nicht den einmaligen Popcharme der Get Up Kids Klassiker, begrüßen aber gleichzeitig die subtilen Untertöne von On A Wire. “Wir versuchen immer auf unserem Grundgerüst zu bauen,” versichert Pryor, “doch haben wir von Scott Litt und durch unsere Seitenprojekte gelernt, alles aus uns rauszuholen. Außerdem sollte sich unser Songwriting nicht verschlechtern oder wenigstens das gleiche Niveau halten. Wenigstens hoffe ich das!”

Guilt Show, das in letzter Sekunde nach einem verlesenen Eudora Quilt Show Straßenschild betitelt wurde, beschäftigt sich mit tiefschürfenden Inhalten (Ablehnung, Verrat und die Widersprüchlichkeit der Religion), die aber von wunderbaren Melodien gestützt werden. Das Album beginnt mit einer hastigen Aussage, dem 1 ½ minütigen “Man Of Conviction”, das sprichwörtlich in der Mitte abrupt beendet wird. Die Get Up Kids können noch immer schneller und härter als sämtliche Kollegen spielen, doch achten sie auch auf die kleinen Unterschiede wie die Liebe zur Harmonie. “The One You Want” ist der perfekte Albumeinstieg mit seinen perfekten Popanleihen. “Zur der Zeit habe ich viel T-Rex erhört,” erzählt Pryor, “also dachte ich mir, diese Band braucht einen Glamsong.” Das textlich herausragende Stück “Holy Roman” ist jedoch sein absoluter Favorit. “Es ist politisch, jedoch wollte ich es sehr vage vermitteln. Wir sind ja auch nicht Rage Against The Machine. Mit diesen Song und auch “Martyr Me” und “Dark Night Of The Soul” wollten wir ein paar intelligente Rocknummern schreiben. Die letzten Tracks auf Something To Write Home About waren sehr voraussehbar und strukturiert, so etwas sollte sich nicht wiederholen. Unser Herangehensweisen sollte an The Clash und Elvis Costello erinnern. Du kannst Popmusik schreiben und trotzdem interessant sein.”

Nach 6 umfassenden Jahren sollte jeder inzwischen verstanden haben, dass die Get Up Kids nicht des Geldes wegen musizieren oder eine Alternative zum Studieren gesucht haben. Es ist ihre Karriere, ihr Lebenswerk. Mit ihrem vierten Tonträger Guilt Show beweist diese Truppe ein weiteres Mal, dass sie zu den spannendssten Bands Amerikas gehören. Nicht mehr und nicht weniger! Hört nicht auf die anderen, den Kindern geht es bestens. Und sie werden dabei immer besser.

Im Juli 2005 geben die Emorocker ihr letztes Konzert in Kansas City bekannt. Sänger Matthew Pryor widmet sich verstärkt seinem Soloprojekt The New Amsterdams. Im November 2008 gibt die Band dann über ihre MySpace-Seite bekannt, dass sie für das Jahr 2009 eine Reunion planen. Ein Jahr später veröffentlicht die Indieband eine Jubiläumsedition ihrer Platte “Something To Write Home About” auf DVD mit unveröffentlichten Material sowie Konzertmitschnitten. 2010 wird die neue EP „Simple Science“ veröffentlicht.  

RYAN POPE – drums
ROBERT POPE – bass
JAMES DEWEES – keyboards
MATTHEW PRYOR – guitar, vocals
JIM SUPTIC – guitar, vocals