20 Jahre können eine verdammt lange Zeit sein. Und sind doch wie im Fluge vergangen. Jene, die in dieser Zeit aufwuchsen, haben sicherlich mehr erlebt, als mancher vor ihnen in seinem ganzen Leben. Und wer für sich in Annspruch nehmen kann, dass die Popmusik der beiden vergangenen Jahrzehnte den Soundtrack zum Erwachsenwerden geliefert hat, ist mit großer Wahrscheinlichkeit um Phillip Boa und seinen Voodooclub nicht herumgekommen.

Wohl kaum ein anderer Musiker der letzen beiden Dekaden hat so tiefe Spuren im weiten Feld der deutschen Popkultur hinterlassen wie der Vorsteher des Voodooclub. Wenn er nicht gar sein Erfinder ist, so muss man Boa wenigstens zugestehen, derjenige gewesen zu sein, welcher den ursprünglich spärlich gefüllten Mantel „Independent Pop made in Germany“ mit Inhalt gefüllt hat, ihn über die Jahre nie abgelegt oder gewechselt und vor allem nie nach dem Wind gehangen hat. Er prägte und prägt noch immer die nachrückenden Generationen jener, die sich gelangweilt und verarscht fühlen von all dem Unrat, den der Mainstream immer wieder mit sich führt.

Früher oder später ließ uns die Suche nach Besserem beim Lord of Indie landen. Und von da aus noch viel weiter. Diejenigen, die er, direkt oder indirekt, zur Gründung eigener Bands inspiriert, zum Verfassen eigener Songs angeregt hat, danken es ihm noch heute. Vor allem mit Respekt. Und bringen mittlerweile sogar ihre teenage kids zu seinen Shows mit. Wer’s nicht glaubt, sollte sich mal die traditionellen Boa-Konzerte zur Weihnachtszeit in der Leipziger „Moritzbastei“ zu Gemüte führen. Daneben hat Boa nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr er die Musikindustrie und ihre hohlköpfigen Lakaien verachtet. Und gerade deshalb war der Wahl-Malteser nie wichtiger als heute. In Zeiten, wo sich der Unrat an den Ufern des Mainstream mittlerweile haushoch türmt. Der Gefahr der schleichenden Verdummung kann entgehen, wer sich auf Boas im musikalischen Sinne ausgestreckte Hand einlässt, die einen mitnimmt und zeigt, das es hinterm Big Brother-Container ein weites Land gibt, in dem der allgemein voranschreitende Stumpfsinn und geklonte Konglomerate voller Teenager ohne eigener Meinung keine Chance haben. Eine Welt, in der es Erstaunliches zu entdecken gibt. Gerade auch für Quoten-Deutschland! Eine Welt, die wir auch Boa zu verdanken haben. Kein abgekapseltes Paralleluniversum. Nur ausgestattet mit dem Mut und dem Selbstbewusstsein, aber auch mit dem gesunden Maß an (Selbst-)Zweifeln, die uns immer wieder die Sinne schärfen, uns die Alternativen suchen lassen. Es sind unsere 20 Jahre. Deine und meine! Und die von Boa. Wir haben uns also gegenseitig begleitet. Drehen wir uns um, sehen wir den langen Weg, den wir zurück gelegt haben. Mehr aber auch nicht. Mehr wollen wir auch nicht. Weil vor uns noch so viel vom Weg liegt. Möglicherweise weitere 20 Jahre…

Sven Hartig