Bei Bands mit einer charismatischen Sängerin im Vordergrund vergisst man ja gerne mal, wie wichtig die Jungs im Hintergrund eigentlich sind. Morcheeba waren dafür ein typisches Beispiel – doch das neue Album ‘The Antidote’ ist eine gute Gelegenheit, daran mal etwas zu ändern.


Denn Skye Edwards, vier Alben lang Aushängeschild und Stimme von Morcheeba, ist nicht mehr mit von der Partie und widmet sich anderen Projekten, wie Paul Godfrey erzählt. “Es war im Grunde schon längere Zeit abzusehen, dass wir irgendwann getrennte Wege gehen. Unsere Zusammenarbeit war ursprünglich ja nur für ein Album gedacht. Doch plötzlich verkauften wir dann Millionen von Platten und die Nachfrage wurde immer größer, so dass wir einfach immer weiter gemacht haben. Aber nach acht Jahren haben wir dann irgendwie festgestellt, dass ein Großteil unseres Lebens einfach so an uns vorbeigerauscht ist. Ich wollte eigentlich längst mal als Produzent arbeiten, Ross wollte in einer Rockband spielen, Skye hatte Lust auf ein Solo-Album mit eigenen Songs. Es war also einfach Zeit, mal einen Schlussstrich zu ziehen.”

Die Wiedersehensfreude war bei Paul und seinem Bruder Ross nach einer Weile Abstand dann allerdings so groß, dass die Kreativität schnell wieder zu sprudeln begann und die beiden beschlossen, weiter gemeinsam Musik zu machen. Und obwohl Skye zu dem Zeitpunkt mit anderen Dingen beschäftigt war, blieb Morcheeba als Band bestehen. Immerhin war das Projekt schon immer das Baby der Godfrey-Brüder gewesen, die vor Skye sogar schon eine andere Sängerin hatten.

Und nach ihr gibt es jetzt eben auch eine neue: Daisy  Martey. “Eines Tages hielten wir ein Album von Daisys Band Noonday Underground in den Händen. Ihre Stimme war perfekt, aber weil sie einer aufstrebenden Band sang, konnten wir uns nicht vorstellen, dass sie Lust hätte, sich einem alten Haufen wie Morcheeba anzuschließen. Aber es stellte sich heraus, dass sie ein Fan war, und bei unserem ersten Treffen hat sie uns auch gleich kräftig Kontra gegeben. Damit war der Anfang dann gemacht.”

Ihre Stimme erinnert teilweise durchaus an Vorgängerin Skye, hat aber auch ein bisschen was von Jefferson Airplane-Sängerin Grace Slick, was dem dieses Mal etwas rauheren, vom psychedelischen Rock-Elementen durchzogenen Morcheeba-Sound gut zu Gesicht steht. Doch auch wenn die Elektro- und HipHop-Einflüsse auf ‘The Antidote’ deutlich weniger zum Tragen kommen als in der Vergangenheit, bekommen Fans noch immer das geboten, was sie erwarten: gefühlvollen, eingängigen, durch und durch angenehmen Pop. Kein Wunder, dass Daisy mit der Rolle als  neues Aushängeschild kein Problem hat: “Druck verspüre ich eigentlich nicht, ich bin einfach sehr gespannt und neugierig. Bisher habe ich ja nur in einer kleinen Band gesungen. Plötzlich stehen mir jetzt Möglichkeiten offen, von denen ich nie geträumt hatte. Ich freue mich total darauf, auf Tour zu gehen und dass so viele Leute die Musik hören werden.”

Text: Patrick Heidmann