Die Rock-Gigantosaurier aus Schweden sind zurück und machen keine Kompromisse. Oder eben gerade doch? Auf “The Black & White Album” zeigen Pelle, Nicholaus und der Rest des Saurierschwarms nun, dass sie viel mehr können als lediglich die größten Rock-Nummern aller Zeiten schreiben. Es ist wirklich schwierig, noch Ziele zu haben, wenn man eh schon die großartigste Band der Welt ist.

Vorweg: Es gibt natürlich noch andere beste Bands der Welt – eine davon kommt bekanntlich aus Berlin. Irgendwie verwirrend – das alte Problem mit der Steigerung des Superlativs Wer sind denn nun wirklich die Besten, oder besser: die Allerbesten? “Wir können sagen ‘Wir sind die beste Band der Welt’ und darüber lachen – dennoch sind wir davon überzeugt, dass es stimmt“, gibt sich Gitarrosaurus Nicholaus Arson bescheiden. “Wenn wir allerdings die Platte einer Band hören, die wir richtig mögen, sagen wir auch ‘Das ist die beste Band der Welt!’ Wir lassen also noch Platz für andere übrig.” Wohltätigkeits-Darwinismus, könnte man meinen – wie generös. Auch der singenden Pellkartoffel Sache ist die Bescheidenheit nicht (bester Satz der Welt, definitiv). Hat man halt irgendwann mal bei einem Konzert gesagt, und plötzlich ist es dieses “Hives-Ding” geworden. “Wir fünf haben die Band gemacht, die wir immer haben wollten, von daher müssen wir ja denken, dass wir die größte Rock-Band aller Zeiten sind“, erklärt Almqvist. “Manchmal meinen wir allerdings auch, die schlechteste Band aller Zeiten zu sein, aber das Gefühl vergeht immer recht schnell. Das hat auch was mit dieser Schwarz-Weiß-Kiste zu tun: Entweder wir lieben oder hassen unsere Band. Wir denken nie, dass wir nur okay sind.
Stichwort Schwarz-Weiß: Woher die plakative Obsession, erst ästhetisch und nun auch noch thematisch bei “The Black & White Album”, was wollt ihr uns mitteilen, ihr blau-gelben Jungs? Dichotomes Denken, Gut und Böse, Yin und Yang, Faible für alte Filme, Schach, gar Segregationsproblematik? “In den Neunzigern wollten wir uns anfangs eigentlich nur von dieser ganzen Grunge-Geschichte mit den zerrissenen Jeans absetzen und haben das Anzug-Ding durchgezogen. Inzwischen ist mein ganzer Kleiderschrank Schwarz und Weiß“, gesteht Arson und zwirbelt an seinem pornösen Schnäuzerli. Doch neben modischen sollen auch ganz pragmatische Gründe die Hives in die schwarz-weiße Manie getrieben haben, wie der Frauenherzen betörende Wursthaut-Pelle bestätigt. “Wir hatten einfach kein Geld damals und da war es leichter, uns ganz schlicht in Schwarz und Weiß zu kleiden. Es wurde zu unserem Etikett und wir mussten uns erklären, nach dem Motto ‘Wir tragen Schwarz und Weiß, weil wir keine Kompromisse mögen, es gibt keinen Mittelweg!’” Das mit dem Geld, nun, das ist kein Thema mehr. Nicht zuletzt deshalb, weil Schwedens räudigster Rock-Export sich nach langen Jahren des Bettelns nun endlich zu Werbe-Kooperationen hat erweichen lassen und die neue Single “Tick Tick Boom” mal eben an Nike für deren neue Kampagne verschachert hat. Verraut, Ausverkauf, was hat das noch mit Rock’n’Roll zu tun!? Doch das Brechen mit selbst auferlegten Regeln ist das neue Leitmotiv der Hives. “Wir haben schon abermillionen Dollar abgelehnt, die bei Werbekampagnen für uns rausgesprungen wären“, gibt Pelle leicht gelangweilt zu Protokoll, und man möchte ihm irgendwie den Hals umdrehen. “Wir hatten immer unsere Regeln, dass wir zum Beispiel keine anderen Bands supporten und nur für unsere eigenen Fans spielen. Doch das ist uns zu einfach geworden – wir brauchen jetzt Shows, bei denen wir den Leuten egal sind oder man uns gar nicht mag, das ist die neue Herausforderung! Damit wir noch bessere Shows für unsere eigenen Fans spielen können. Diese Werbegeschichte haben wir zehn Jahre lang abgelehnt und uns jetzt mal gefragt, was eigentlich passiert, wenn wir zusagen. Um das herauszufinden, mussten wir es machen. War irgendwie auch interessanter, als zum 1000. Mal abzusagen.” Da war es wieder: Schwarz-Weiß-Denken, geistiger Binärcode, nein-nein-nein-nein-okay-dann-eben-doch. Der Reiz der verbotenen Frucht? Oder mathematisches Kalkül – immerhin spricht Arson davon, dass “The Black & White Album” verkaufszahlenmäßig in unbekannte Dimensionen verstoßen soll, die sich im Bereich des Produkts aus dem weißen Album der Beatles (was steht da an, 10 Millionen?) und Metallicas “Black Album” (über 30 Millionen) bewegen soll. Wat sind das dann – Multiplikation für Pros? 30 Batzilliarden? Egal – immer wichtig: hohe Ziele stecken, dann klappt’s auch mit der Megalomanie. “Bescheiden zu sein, hat uns nie gestanden“, erklärt Pelle, warum die Hives stets alles – wie bei “Tick Tick Boom” angedeutet – mit gehörig Bums machen müssen. Und jetzt geht er ab, der selbsternannte “Pubertäts-Schlamassel”, der auf der Bühne stets sein wahres Gesicht zeigt und tagsüber runtergekühlt werden muss. “Alles muss in die Luft fliegen, die Sirenen müssen sirren. Actionfilm-Rock-Musik, Entertainment Violence!” Bitte mal ‘nen Anästhesisten hierher, der Saurier kommt durch!

Text: Benjamin Foitzik