Hohlköpfe, Außenseiter und Schurken der Menschheit! Sagt mir doch: Was habt ihr nur mit eurer Zeit angefangen?! Ganze Berge abgeraspelter und frittierter Kartoffeln verdrückt und verdaut? Unterdurchschnittliche Fußballspiele in der Flimmerkiste angeschaut? Oder habt ihr euch etwa tatsächlich (und ohne jegliche Logik) einreden wollen, dass das riffbefreite Trauerspiel, das heutzutage als moderne Rockmusik durchgeht, euch vom Hocker haut? Wie bitte?!

Nun, Leute, es sieht so aus, als hättet ihr in den letzten Jahren ein absolut erbärmliches Leben in jämmerlichen Farben geführt, in beige vielleicht oder pink-pastellfarben. Seit zwei Jahren streift ihr lustlos durch die Gegend, ihr fühlt euch lasch und gleitet ohne jeglichen Kick durch den sinnbefreiten Alltag. Mist! Scheiße! Aber es gab einen Grund, warum alles so scheiße war: Die Erfahrung war notwendig. Nur so werdet ihr die Rückkehr der Lebensfreude wirklich zu schätzen wissen. Und diese Lebensfreude, auf die ich mich da beziehe, die hat nur zwei Farben: SCHWARZ & WEISS! Yeah!

THE HIVES, die Kuratoren, die für dieses perfekt ausbalancierte Farbschema verantwortlich sind, waren viel zu lange weg. Allerdings haben sie während ihrer Abwesenheit keinesfalls herumgetrödelt oder -gelungert. Oh nein, das nicht. Im Gegenteil: Sie haben sich die ganze Zeit darauf vorbereitet, jenes SCHWARZ & WEISS zurückzubringen – mit allem erdenklichen Nachdruck!

THE HIVES haben ein Album aufgenommen, das sich durch all die Dinge auszeichnet, für die du schon immer auf sie abgegangen bist – lautstarke Kicks, ordentliche Riffs, gute Stimmung, etc. – während sie zugleich neue Styles ausprobiert und neue Sounds gesucht haben, ja, längere und zum Teil sehr überraschende Songs aufgenommen haben. Vielleicht kann man sich mehr darunter vorstellen, wenn man sagt, dass es sich anfühlt, wie die Umstellung von Schwarzweiß- auf Farbfernsehen, allerdings mit dem Unterschied, dass THE HIVES jetzt noch viel, viel SCHWARZWEISSER sind als je zuvor! Vielleicht ist das Beispiel also doch eher irreführend…

Doch ist das auch der Grund, warum das Album folgenden Titel trägt: „THE BLACK & WHITE ALBUM“!!!

Schauen wir doch mal, was ihr Sänger, Howlin’ Pelle Almqvist, zu seiner Verteidigung vorzubringen hat: „Wir haben uns schon als 17-jährige Teenager gegenseitig versprochen“, setzt er an, „dass wir drei jeweils halbstündige Alben aufnehmen, die durchweg aus druckvollem Punk bestehen. Und das haben wir dann ja auch getan, wobei `Tyrannosaurus Hives´ das Ende dieser Serie markierte. Dieses Mal ging es uns nicht darum, einfach nur 12 schnelle Songs aufzunehmen und das war’s. Das wäre dann ja auch das vierte Mal gewesen. Alles basiert auf der Dreierregel, weißt du? Drei Stück, dann ist es vorbei und ein neuer Abschnitt beginnt, also mussten wir uns einen neuen Plan ausdenken.“

Nur kurz zur Wiederholung: THE HIVES feuerten ihre S/W-Vision erstmals in den späten Neunzigern auf die noch unwissende Welt ab, als sie wie Berserker durch Schweden (ihre Heimat, na klar) und Deutschland tourten und damit letztendlich bis zum Jahr 2001 nicht mehr aufhörten, nur um gleich darauf auch den Rest der Welt zu erobern: Gemeinsam mit Rock-Überfliegern wie z.B. den White Stripes oder The Strokes erstürmten sie auch die abgelegensten Ecken des Erdballs. Ihre ersten beiden Alben wurden daraufhin für ein britisches Compilation-Album neu zusammengestellt: Das Resultat war „Your New Favourite Band“, eine treffend betitelte Scheibe, die weder Gold- noch mehrfachen Platinstatus erreicht hat, sondern der Band geradewegs eine „Diamantene Schallplatte“ bescherte! Yeah! Auf diesem Album waren übrigens auch Hits wie „Supply And Demand“, „Main Offender“ und „Hate To Say I Told You So“ vertreten.

Mit ihrem „Tyrannosaurus Hives“-Album aus dem Jahr 2004 vollbrachten sie es schließlich, mit allen zehn Füßen denjenigen Boden festzustampfen und zu versiegeln, in den sie ihre klangliche Flagge mit jedem veröffentlichten Song immer tiefer gerammt hatten: So festigten sie mit Songs wie „Walk Idiot Walk“, „Two-Timing Touch & Broken Bones“ und „A Little More For Little You“ ihren Ruf endgültig: spätestens ab da waren sie die ultimativen Garanten für anständigen Rock’n’Roll-Tumult!

Und ohne dass THE HIVES zu diesem Zeitpunkt auch nur einen blassen Schimmer davon hatten, legten sie den Grundstein für die bereits erwähnten „HIVES der zweiten Phase“ schon während der „Tyrannosaurus…“-Ära, als sie nämlich Pharrell Williams zum ersten Mal begegneten – ja, genau dem Pharrell, der in der bouncenden HipHop-Welt gerne als „Überproducer“ gefeiert wird. Zu Recht übrigens.

„Pharrell sagte damals, dass er mit uns Aufnahmen machen wollte“, erinnert sich Howlin’ Pelle. „Und als wir dann tatsächlich mit den Aufnahmen für das neue Album begannen, wurde uns klar, dass es eigentlich viel lustiger wäre, wenn wir sein Angebot annehmen. Viel lustiger, als nein zu sagen. Schließlich schreiben wir hier das Abenteuer, das THE HIVES auf einem Majorlabel widerfährt – vielleicht der ehrlichste Weg zum eigenen Ausverkauf. Vielleicht. Wir denken jedenfalls, dass wir es hier mit der letzten Rock’n’roll-Scheibe zu tun haben, die jemals auf einem Majorlabel erscheinen wird. Der allerletzten. Darum wollten wir auch unbedingt viel Geld für diese Scheibe verbraten.“

Sicherlich ist es so, dass Pharrell aus dem Staate Virginia und THE HIVES aus dem beschaulich-provinziellen und deutlich kühleren Fagersta in Schweden stammen, aber als diese zwei Giganten des internationalen Entertainment-Geschehens aufeinander trafen, ging alles Weitere wie von selbst. Fast schon magisch vereinten sie ihre unterschiedlichen Ansätze, was für „THE BLACK & WHITE ALBUM“ – Yeah! Yeah! (das musste sein) – bedeutete, dass es nun endgültig auf den Weg gebracht war – auf einen Weg wohlgemerkt, der trotz der großen Distanzen nur ein einziges Ziel haben konnte: Gewaltigkeit und übermenschliche Größe.

„Wir dachten uns, dass er wahrscheinlich gleich beim ersten Treffen die dicken Beats auspackt und mit Synthesizern rumexperimentiert“, berichtet HP, „aber er geht wirklich voll auf Rockmusik ab. Er ist kaum zu bremsen, weil er das alles erst vor kurzem für sich entdeckt hat. Wir unterhielten uns schließlich über Creedence Clearwater Revival, und er sagte nur: `Hey, die habe ich gestern Nacht in einer Dauerwerbesendung gesehen; die klangen grandios!´ Wir haben Creedence schon gehört, als wir noch Kids waren.“

„Uns hat die Arbeit dazu verholfen, Rock noch mal mit anderen Augen zu sehen. Wir mussten bloß irgendeinen x-beliebigen Akkord auf der E-Gitarre anschlagen, und schon flippte er aus und war völlig hin und weg von dem Sound. Wenn man mit jemandem arbeitet, der so abgeht, dann denkst du dir auch irgendwann: `Yeah, verdammt. Laute, stinkende Gitarren, das ist’s! Das rockt wirklich.´ Du fängst also eigentlich wieder ganz von vorne an. Du kannst dich wieder neu für die Sachen begeistern. Das war wohl auch das Coolste an der Arbeit mit Pharrell: Dass es ihm in erster Linie um Spaß bei der Arbeit geht.“

Früher war es so, dass THE HIVES ihren einzigartigen Sound in einem unfassbar akribisch-mühsamen Prozess kreiert haben, ein Prozess, an dem alle fünf Mitglieder zu gleichen Teilen beteiligt waren. Sie zerbrachen sich stundenlang den Kopf und die Finger in gemeinsamen Sessions, und auch im Studio war es so, dass teilweise etliche Wochen ins Land gehen mussten, bis die gesamte Band auch wirklich hundertprozentig mit dem Resultat zufrieden und davon überzeugt war, dass genau derjenige Rock’n’roll entstanden war, den sie im Sinn hatten. Pharrells Ansatz war jedoch das exakte Gegenteil.

„Bei ihm sieht das ungefähr so aus: Er schmeißt 500 Pfannkuchen völlig willkürlich an die Decke und schaut dann, welcher kleben bleibt“, berichtet Gitarrist Nicholaus Arson. „Wir hingegen waren es gewohnt zu fünft einen einzigen Pfannkuchen vor uns zu haben, an dem wir dann in der Regel eine halbe Ewigkeit arbeiteten. Mit ihm haben wir sogar einen Song in nur sieben Minuten geschrieben. Er setzt sich nie richtig hin, sitzt nie still und ist die ganze Zeit am Telefon während er einen Song schreibt – mal eröffnet er gerade ein Restaurant in Japan oder bringt gerade eine Klamottenfirma in Südamerika an den Start. Eben will er noch so klingen wie Stevie Wonder, und fünf Minuten später geht er schon wieder in eine völlig andere Richtung.“

„Die Arbeit mit Pharrell hat uns auf jeden Fall ordentlichen Anstoß gegeben; ab da ging’s mit der Platte richtig voran“, sagt Howlin’ Pelle und beendet damit die Pharrell-Diskussion. „Danach haben wir uns viel weniger Fragen gestellt. Nimm unsere letzte Platte – ich liebe sie, sie ist so unfassbar gradlinig, und sie hat so eine klare Vision. Die Arbeit an diesem Album war eher wie, `Yeah, aber das hier ist auch verdammt gut… und dann das hier! Warum kann man das nicht alles einfach auf ein Album packen?!´“

Mit der mehr als zeitgemäßen, von Disko-Anleihen durchzogenen Ansage „We Rule The World“ und dem lautstark rockenden „Well, Alright“ im Gepäck, machten sich THE HIVES daran, diverse Demo-Versionen in Fagersta nachzubehandeln, um sich schon kurze Zeit später mit einem weiteren Produzenten zu treffen, der ihnen in Sachen Hipness und genereller Reputation ebenfalls das klangliche Wasser reichen kann: Jacknife Lee (U2, Editors, R.E.M.), der seine Hi-Tech-Tricks im Studio nutzte, um „Hey Little World“ und eine erste Version von „Tick Tick Boom“ aufzunehmen.

Direkt im Anschluss ging’s für die fünf Schweden nach Oxford, Mississippi, wo sie binnen weniger Wochen gemeinsam mit Dennis Herring den Rest vom „THE BLACK & WHITE ALBUM“ zurechtschnitzten (und noch mal alle: Yeah!) – ein weiterer „Held der Stunde“, der zuvor u.a. schon mit Elvis Costello, Buddy Guy und Modest Mouse gearbeitet hatte. Für eine Band, die noch nie zuvor einen Produzenten engagiert hatte, war seine Herangehensweise – mal wieder – ein kleiner Schock.

Howlin’ Pelle kommentiert: „In den Südstaaten ist ausnahmslos alles verlangsamt. Und manchmal kam es vor, dass unsere skandinavische Tüchtigkeit [Yeah!] nicht so recht zum allgemeinen Kiffer-Tempo im amerikanischen Süden passte. Ein Beispiel: Es gibt nichts, was du heute tun kannst, das du nicht auch morgen besorgen könntest. Allerdings hat sich das schon sehr stark auf unseren Sound ausgewirkt. Einige Aufnahmen wurden einfach besser, weil wir dann doch mehr Zeit brauchten.“

„Der Hauptunterschied ist folgender: Auf diesem Album gibt es tatsächlich einen Bass – es hat einen ordentlichen Bassdruck; etwas, das wir vorher nie haben wollten. Aber man sollte es auf jeden Fall mal gemacht haben – und jetzt ist die Zeit reif dafür!“

Yeah! Es ist kein Zufall, dass „THE BLACK & WHITE ALBUM“ die Lieblingsplatte von Dr Matt Destruction ist – schließlich ist er der Bassist der Band! Allerdings wird dieses HIVES-Album früher oder später auf sämtlichen Favoritenlisten an die Spitze wandern, denn immerhin kann man hier miterleben, wie eine Band ihren Horizont erweitert und über sich hinauswächst – was in diesem Fall auch bedeutet, dass die einzelnen Songs allesamt ein gutes Stück länger ausgefallen sind.

„Unsere ersten beiden Alben waren dafür ausgelegt, in einem Club mit maximal 200 Leuten gespielt zu werden, und jetzt spielen wir jedes Mal vor Tausenden“, erklärt Pelle. „Je größer das Publikum, desto langsamer reagieren sie auf einen, insofern ist es einfach nur logisch, dass auch die Songs länger werden. Wenn die Leute in der letzten Reihe den ersten Akkord hören, ist er für die vordere Hälfte schon wieder verhallt, insofern kann man wohl sagen, dass wir die Songs für die Leute ganz hinten länger gemacht haben.“

Wie eingangs schon bemerkt, hatten sich THE HIVES zu Beginn der Aufnahmen zum Ziel gesetzt, den adrenalinsaueren Punkrock hinter sich zu lassen – doch konnten sie nicht anders und drifteten nach und nach doch wieder in diese Richtung, wie Pelle erklärt: „Uns fehlten einfach die knallharten Rock-Riffs. Dazu kommt, dass es momentan niemanden gibt, der das richtig macht. Wir verzeichnen einen unwahrscheinlichen Mangel an ordentlichen Rock-Riffs. Das ist, was derzeit fehlt.“

Allerdings, HP! Als Vigilante Carlstrom, der zweite Gitarrist von THE HIVES, seine Idee für den Albumtitel verkündete, waren alle sofort davon überzeugt – selbst Schlagzeuger Chris Dangerous –, dass damit brillant die Grundhaltung der Platte auf den Punkt gebracht wird: Selbstvertrauen. Das schwingt bei jeder Note mit.

Arson: „Wenn The Beatles ein `White Album´ und Metallica ein `Black Album´ machen konnten, dann kann es nur eine Band geben, die eine Platte abliefert, die doppelt so gut ist wie diese beiden Meilensteine zusammen. Oh, und was Verkaufszahlen betrifft: Das `White Album´ der Beatles hat 11 Millionen Einheiten verkauft, während Metallica von ihrem `Black Album´ weit über 16 Millionen Stück absetzen konnten. Das Resultat steht also jetzt schon fest, untermauert durch den guten alten Adam Ries(e): Das `THE BLACK & WHITE ALBUM´ von THE HIVES wird insgesamt runde 176 Millionen Einheiten verkaufen, was nicht nur bedeutet, dass wir eine neue persönliche Bestmarke setzen, sondern auch alle anderen Musiker der Neuzeit abhängen. Alle, die nach 1968 aktiv waren.“

Kurzum: THE HIVES sind mehr als bereit, das Zepter des Rock’n’roll vollends an sich zu reißen. Erst vor wenigen Wochen, bei einem Gig im berüchtigten (und rot-weißen) „100 Club“ in London, präsentierten sie ihren neusten SCHWARZWEISSEN Wurf so verdammt nachdrücklich, dass eine britische Zeitung völlig außer Atem geriet und folgende Zeile schrieb: „Früher waren sie unsere `New Favorite Band´, und jetzt sind sie ganz klar die beste Band der Welt.“

Yeah! Und noch ein letztes Mal: YEAH!


Andrew Perry

London, im August 2007