An Ideen und Geistesblitzen hat es The Killers noch nie gemangelt, und das ist auch verdammt gut so, denn Day & Age, das dritte Studioalbum der Band aus Las Vegas, explodiert aus diesem Grund förmlich vor grandiosen Einfällen und großen Momenten. „Ich muss immer wieder an die Situationen denken, in denen wir Songs wie `When You Were Young´ oder, um beim neuen Album zu bleiben, `Spaceman´ geschrieben haben“, setzt Brandon Flowers an. „Stell dir vor, wir hätten uns in einem solchen Moment dazu entschlossen, lieber mal eine Pause einzulegen und in den Park zu gehen –, dann hätte es diese Songs nie gegeben! Ganz schon beängstigend eigentlich. Ich habe dadurch fast schon das Gefühl, dass wir besser gar keine Pause mehr machen sollten, schließlich könnte uns sonst ein grandioser Song durch die Lappen gehen. Die Stücke liegen einfach so in der Luft; man muss nur aufstehen und sie einfangen.“

Zusammen mit Bassist Mark Stoermer, Gitarrist Dave Keuning und Schlagzeuger Ronnie Vannucci, ist es Flowers gelungen, ein Album mit zehn Songs aufzunehmen, das runder und schlüssiger nicht klingen könnte, während zugleich jeder einzelne Track einen Schritt in der Entwicklung der Band markiert. „Uns ist sehr wichtig, dass wir jedes Mal neue Dinge ausprobieren und uns weiterentwickeln“, berichtet Stoermer, „darum ist das klangliche Spektrum des neuen Albums auch so wahnsinnig groß – alles von Rock-Hymnen bis zu astreinen Dance-Stücken ist dabei.“ „Wir hatten das Gefühl, dass Sam’s Town die logische Fortsetzung von Hot Fuss war, und diese Platte fühlt sich nun wie der logische Schritt nach Sam’s Town an“, fügt Flowers hinzu. „Andererseits kann man Day & Age mit keinem der beiden Vorgängeralben vergleichen – und das, obwohl wir unserem Sound treu geblieben sind. Vielleicht funktioniert das neue Album eher wie ein entfernter Blick auf Sam’s Town, wie ein Blick vom Mars zum Beispiel.“

Wer die ersten beiden Alben von The Killers kennt, wird ihren Sound im Fall von „Human“ im Handumdrehen wieder erkennen: Massive Synthies, von denen die epische Rock-Nummer vorangetrieben wird, während Flowers folgende Zeile singt: „My sign is vital/My hands are cold/And I’m on knees, looking for the answer/Are we human, or are we dancer?“ Spricht man den Sänger darauf an, erklärt er, dass sie auf eine abschätzige Bemerkung zurückzuführen ist, die Hunter S. Thompson einst über Amerika gemacht hat, da sich das Land seiner Meinung nach eine Generation von Tänzern heranzüchtete. Zudem hört man deutlich raus, dass auch Stuart Price (aka Jacques Lu Cont), unter anderem bekannt durch seine Arbeit mit Madonna und Missy Elliott, bei diesem Stück seine Finger im Spiel hatte. Price, der zuvor schon ein Remix von „Mr. Brightside“ angefertigt hatte, war laut Stoermer „das Tüpfelchen auf dem i“ während der Arbeit am neuen Album…

„Wir hatten `Human´ gerade erst geschrieben, als wir eines Abends nach dem Abendessen zu seinem Haus [in London] fuhren“, erinnert sich Flowers an das erste Zusammentreffen mit dem Produzenten. „Schon wenige Stunden später hatten wir einen Song im Kasten, der sich von der endgültigen Version kaum unterscheidet. Ich war wie im siebten Himmel. Als wir seine Wohnung betraten, entdeckte ich sofort das Cover von The Man Who Sold the World an der Wand, und ein paar Stufen darunter hing ein Bild von Eno aus seiner Zeit mit Roxy Music. Damit stand fest, dass wir bei Stuart an der richtigen Adresse waren.“

Dabei ist es kaum überraschend, dass sich Flowers & Co. wie zu Hause fühlen, wenn sie von Bowie und Eno empfangen werden: The Killers haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie gleichermaßen auf Art- und Stadionrock stehen (und schließlich war auch Lou Reed auf dem Song „Tranquilize“ vom Sawdust-Album zu hören, ihrer Compilation aus B-Seiten und unveröffentlichten Songs, die 2007 erschien). Gegründet in Las Vegas im Jahr 2002, spielen The Killers schon seit Jahren in der Liga derjenigen Rockbands, die kommerziell erfolgreich sind und zugleich von den Kritikern geliebt werden – auf ihre beiden Vorgängeralben sangen die Journalisten lange Lobeshymnen –, und bei dem Gedanken, dass ihre Karriere letzten Endes bloß auf einer popeligen Kleinanzeige und einer Zufallsbegegnung basiert, kann man schon feuchte Hände bekommen…

Flowers stieß auf den Gitarristen Keuning in der Kleinanzeigenspalte einer Lokalzeitung, die er auf der Suche nach anderen Musikern durchforstete. Als er in Daves Anzeige unter anderem Referenzen wie The Beatles und Oasis entdeckte, wusste er, dass er auf dem richtigen Weg war. Sie schnappten sich den Namen The Killers, nachdem sie ihn auf dem Schlagzeug einer fiktionalen Band in einem Video von New Order gelesen hatten, und holten dann Stoermer und Vannucci ins Boot. Schon bald wurde ihnen klar, dass ihr Sound etwas Besonderes hatte, etwas, das sie zwar noch nicht beim Namen nennen, aber doch fühlen konnten; um das zu erkennen, genügte schon ein Blick in die Gesichter der Leute, vor denen sie in ihrer Heimatstadt auftraten. Im Jahr 2004 gelang ihnen mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums Hot Fuss, das sich millionenfach verkaufte, der internationale Durchbruch. Danach waren The Killers zwei Jahre lang ununterbrochen auf Tour; sie spielten über 400 Konzerte, um dann nach Vegas zurückzukehren und dort mit den legendären Produzenten Alan Moulder und Flood an ihrem zweiten Album zu arbeiten. Das Ergebnis dieser Arbeit, Sam’s Town, in gewisser Hinsicht ein Liebesbrief an ihre Heimatstadt, erschien im Jahr 2006 und ging seither allein in Großbritannien über 1,4 Millionen Mal über den Tresen, wobei diese Zahl noch immer wächst: Beide Studioalben der Band und die Sawdust-Compilation sind so gut wie immer in den britischen Charts zu finden. Man sollte meinen, dass derartige Erfolge einen ganz schön unter Druck setzen können, wenn es darum geht, ein weiteres Album aufzunehmen, doch davon war im Lager von The Killers nichts zu spüren: „Zusammen sind wir sehr souverän, und wir fühlen uns absolut wohl bei der Arbeit und auf der Bühne“, sagt Stoermer. „Als es also darum ging, die neuen Songs für dieses Album zu schreiben, haben wir uns deutlich weniger Sorgen gemacht; was jedoch nicht heißen soll, dass wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen wollten.“

Dieses Selbstvertrauen kann man auf Day & Age deutlich raushören. Denn The Killers haben dieses Mal mit sehr vielen unterschiedlichen Instrumenten herumexperimentiert und sind neue Wege gegangen: „I Can’t Stay“ klingt z.B. wie ein Stück aus den Tropen – was auf Saxophon und Steel Drums zurückzuführen ist –, und laut Flowers könnte es „der beste Popsong sein“, den sie jemals geschrieben haben. „Losing Touch“ hingegen ist ein unwiderstehlicher Uptempo-Track, der mit nachdrücklichen Bläsern und einem düsteren Text besticht („impending doom, it must be true/I’m losing touch“) und insgesamt einfach nur unheilvoll klingt. Im Fall von „Spaceman“, einer unverschämt überdimensionalen Glamrock-Nummer, die man am besten im Stadion hört, geht es unter anderem um eine Entführung durch Außerirdische. („Wir haben diesen Song immer zwischen `Read My Mind´ und `Mr. Brightside´ gespielt, und es fühlt sich an, als ob er schon immer an der Stelle in unserem Set war“, sagt Flowers.) The Killers können es kaum abwarten, den Fans ihre neue Platte zu präsentieren, obwohl sie, wie Stoermer sagt, „immer auch ein bisschen nervös sind, schließlich wird sich erst zeigen, ob die Leute die Songs auch wirklich mögen.“

In den letzten Jahren mochten die Leute jedoch alles, was The Killers veröffentlicht haben. Abgesehen von den beeindruckenden Verkaufszahlen – Sam’s Town wurde allein außerhalb der USA über 4,4 Millionen Mal verkauft –, wurde die Band bereits für sieben Grammys nominiert, dazu haben sie etliche MTV-, BRIT- und NME-Awards gewonnen. Sie sind bei den größten Festivals der Welt als Headliner aufgetreten – unter anderem in Glastonbury, Reading/Leeds und beim Pukkelpop-Festival – und haben selbst in so renommierten Hallen wie dem Madison Square Garden in New York vor ausverkauftem Haus gespielt. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben es ihnen nicht immer leicht gemacht, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, aber dieses Mal wird die Band definitiv alles dransetzen, einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Alles ging wahnsinnig schnell, von einem auf den anderen Tag waren wir ganz oben. Nun geht es darum, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben und den nächsten Schritt zu gehen“, sagt Flowers abschließend. „Ich will mit der Band etwas Positives bewirken und auch so wahrgenommen werden. Viele Leute denken, dass wir vermessen und eingebildet sind, und der Grund für diesen Eindruck ist schlichtweg unsere Begeisterung. Wir würden niemals `Wir sind was Besseres´ sagen; stattdessen ist es einfach nur so, dass ich es zum Teil nicht abwarten kann, den Leuten unsere Songs zu präsentieren, weil ich ja weiß, wie sehr sie mich berühren. Ich kann unsere Songs hören und dabei sogar ausblenden, dass wir es sind, die sie komponiert haben. Im Gegenteil: Ich kann sie vollkommen unvoreingenommen hören und dann weiß ich, was gut ist und was nicht. Manchmal sagen die Leute, dass ich meinen Mund ganz schön voll nehme, dabei bin ich in Wirklichkeit einfach nur begeistert und kann nicht anders.“

The Killers sind:
Brandon Flowers (Vocals)
Ronnie Vanucci (Drums)
Dave Keuning (Guitar)
Mark Stoermer (Bass)

Gründungsjahr: 2002
Gründungsort: Las Vegas

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