Von Foucualt über Laissez-Faire zu Fuck Sexism! Schluss mit der Coolness und blickdichten Vorhängen — The Knife treten endlich aus sich heraus und lassen uns an ihren infektiös-revolutionären Idealen teilhaben.

Manchmal sind es eben nicht die Bilder, die in unseren Händen verblassen, sondern es ist die Wirklichkeit, die um uns herum immer greller erscheint. So hatte auch die beinahe retrospektive Show, mit der The Knife derzeit durch Europa touren, ihre entwaffnendsten Momente, wenn die alten Songs gespielt wurden. Viel zu perfektionistisch und durchkomponiert wirken die, im direkten Vergleich zu all dem neuen, punkigeren Material. Dann ist es schon von verblüffender Ehrlichkeit, wenn The Knife uns trotzdem einladen und alles zeigen, was sie haben. Es ging an diesem Samstagabend weniger um Perfektion, als um einen aufrichtigen Beweis der persönlichen Einzigartigkeit. Nicht nur Fähigkeiten wurden bewiesen, sondern Charakter; Freimut statt Schwanzvergleich. 

Aber das ist auch einfach die Maxime dieser Band, die mit “Silent Shout” eine Messlatte in die Atmosphäre stellte, an der sich lange kein einziger europäischer Electro-Künstler messen konnte. Die totale Bekenntnis zum eigenen Schaffen und politisches Engagement hielten The Knife schon immer in der Hinterhand, Presse und Publikum hatten sie im Rücken. Das nimmt dann schon fast Beuys’sche Züge an, wenn Fans das neue Album fast kritisch beäugen und diesen Avantgarde-Göttern genauer auf die Finger schauen: Ja, zeig mal her. Zeig mir deine Wunde. Und The Knife zeigten am vergangenen Samstag aber auch alles, was sie hatten. Sogar Heulrohre wurden geschwungen. Bis sie in der Luft zerbarsten. Solches Engagement kann nur über den letzten Zweifel erhaben sein, die neue Platte sei etwas zu experimentell geworden. Unsinn! “Shaking The Habitual” ist eine spirituelle Übung, wie sonst nur die konzentrierte Lektüre des im Albumtitel zitierten Michel Foucault.

Das anderthalbstündige Programm kann glatt als Aufarbeitungsritual der letzten 20 Jahre Philosophie-Pop durchgehen. Aerobic und Techno der 90er verschmelzen zu einem pompösen Anti-Sexismus-Statement. Freud lässt grüßen wenn uns das Unheimliche einholt: ein längst bekannter Song kehrt nach sieben Jahren als Nicht-Performance auf die Bühne zurück. Das Publikum johlt. So etwas hat man noch nicht gesehen. “Under the / Annotate sun / Look what we have got / And those who haven’t / Bad luck” ächzt Karin in ihr Mikro und stellt dabei all jene verdammten Laissez-Faire-Kapitalistenschweine an den Pranger, die für die Rezession verantwortlich sind. Dann wieder schwarze Kutten. Plötzlich sind wir alle, die wir gerade noch über die obszön-verklemmte Reeperbahn flanierten, die jüngsten Elite-Pfadfinder einer brandneuen, ganz wunderbar intimen Sekte geworden, die Großes schaffen will. Und Karin Dreijer Andersson ist unser transzendenter Leader, unser aller mythischste Figur zugleich.


Am Ende sind es nur noch Silhouetten, die sich im gleißenden Lichterspiel erahnen lassen. Mal brachial koloriert, mal ganz kühl in schwarz und weiß. Die Körper verschmelzen, Geschlechtsmerkmale und erst recht die Rollen ihrer Träger werden plötzlich hinfällig. Der Plan der beiden Geschwister geht zwar auf, doch nicht jeder kann sich darauf einlassen. War das hier vielleicht doch etwas zu dick aufgetragen, für die viel zu feierwütigen Prinzenbar-Gänger? Am Ende gelingt der Coup dann doch noch: Licht an, Techno rein. Und das klappt immer. Aus dem scheincoolen Internet-Publikum, das sich seine Tickets in den ersten 10 Minuten nach Freischaltung des Online-Portals aus dem Netz saugen musste, wird ein homogener Baile-Funk-Rave. Fuck gender, be yourself — das hat man schon in den frühen 90ern gepredigt und auf den ersten Loveparades auf die Bühne gebracht. Der Funken ist wirklich übergesprungen und wir wissen’s, wir waren dabei. 

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Josa Valentin Mania-Schlegel