Stell dir vor, du wächst in St. Louis auf, heißt Lillian, und bist ein Typ. Dann hast du ja eigentlich schon genügend Probleme. Wenn du dann allerdings keinerlei Interesse an College-Mannschaften wie The Rams oder The Cardinals zeigst, nichts mit den Affen an der High School zu tun haben möchtest, lange Haare hast, und immer die Bücher liest, die keiner sehen will (anstelle der anderen, die von dir erwartet werden), dann hast du ein echtes Problem. Du wirst sofort als hyperaktiv abgestempelt und mit Drogen bearbeitet, bis du wieder Lust auf Trigonometrie hast.
„Genau, die haben all das ausprobiert,“ sagt Lillian Berlin, seines Zeichens Gitarrist, Sänger, Songwriter und ältester Bruder von den Living Things. „Zum Glück hat meine Mom da nicht mitgespielt. Sie hat nicht an diese Methoden geglaubt. Ich kenne so viele Kids unter 18, die auf solchen Mitteln sind. Unglaublich. Ich glaube, dass die Kids dadurch noch deprimierter werden, als sie es so schon sind.“

Lillian hat glücklicherweise ein anderes Mittel gefunden, mit dem man gegen High School Sorgen angehen kann. „Wir hatten damals so eine Theorie: Die Lehrer lassen die weißen Mittelklassekids niemals durchfallen, weil sie damit ihren eigenen Job gefährden würden. Wir haben das dann ausprobiert – haben ein Jahr lang nur Sechsen abgegeben. Und am Schluss haben die Lehrer dann irgendeinen Bonus erfunden, und wir waren wieder ein Jahr weiter. Ich habe wirklich das Gefühl, dass man in den amerikanischen High Schools nichts lernen kann – warum also hingehen?“

Stattdessen setzte sich Lillian mit Schriftstellern wie Jack Kerouac („Unterwegs“), Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Sylvia Plath, Anne Sexton, Jim Carroll, Arthur Rimbaud und Milan Kundera auseinander.

Neben dieser Rock’nRoll-Lektüreliste gab’s unter anderem Konzerte von den Guns N’ Roses. „Das war mein erster Eindruck von Rock’nRoll. Ich war damals zwölf!” Danach ging alles los: Lillians Hände waren inzwischen groß genug um Gitarre zu spielen, und schon bald waren die Brüder Eve und Bosh dabei. Ihr Vater, der beim Jahrmarkt arbeitete, war viel mit ihnen unterwegs, und wo sie auch waren: Immer gab es ein kleines Extrakonzert, gleich neben dem Riesenrad.

“Wir haben erst einmal nur Songs gecovert. Aber ich konnte nicht richtig singen, also fing ich an zu kreischen,” sagt Lillian. “Wir haben die Leute einfach irgendwie unterhalten – damals war das noch egal, dass es eigentlich ziemlich scheiße klang.“ Später waren es dann Dinosaur Jr., die einen Schritt in Richtung „ernsthafte Ambitionen“ ermöglichten: „Wir haben sie beim Lollapalooza gesehen. Als ich sah, dass sie nur zu dritt waren, wurde mir klar, dass unsere Band auch funktionieren konnte. Ich hatte bis dahin immer angenommen, dass man zu sechst sein muss…“

Zusammengeschweißt durch so manchen Hausarrest, blieb ihnen wenig anderes übrig, als weiter an ihrer Musik zu feilen. „Wir wurden oft von den Bullen aufgeschnappt und nach Hause gebracht – St. Louis ist ein wirklich extrem konservativer Ort.“ Als sie dann eines Tages nach Los Angeles loszogen, um sich nach einem Plattenvertrag umzuschauen, ging alles auf einmal ganz schnell: Nach ihrem ersten Konzert gab es eine Reihe von Angeboten, und sie landeten bei Dreamworks, nachdem sie Beth Halper getroffen hatten.

Danach ging’s für die Band nach Chicago, um mit Steve Albini aufzunehmen. Albini hatte zuvor schon drei ihrer Lieblingskünstler produziert: The Pixies, The Breeders und PJ Harvey.
„Albini ist ein unglaublicher Typ,“ sagt Lillian. „Er ist schnell, präzise, und super organisiert – wir waren echt weggeblasen, als wir mit ihm arbeiten durften.“

Mit einer Art “Ich hätte lieber eine Gitarre als ein dickes Auto”-Philosophie ging es weiter, so dass der EP “Turn In Your Friends & Neighbors” nichts mehr im Wege stand. Während “Bombs Below” mit den militärischen Machenschaften der USA abrechnet, beschreibt “Pick Out The Meat” das Gefühl, “dass jeder Mensch eigentlich auch nur ein Stück Fleisch ist,” und “Standard Oil Trust” handelt von dreckigen Ölgeschäften.

Trotz dieser Aufnahmen ist der Band nach wie vor eines am wichtigsten: Ihre Liveshows. „Sie sollen ein Erlebnis sein – für alle Beteiligten. Wir hatten sogar schon mal ein Konzert, bei dem wir nach fünfzehn Minuten begonnen haben zu diskutieren. Mit dem Publikum. Das ging dann eine ganze Weile so.“

Der Grund für solche Diskussionen liegt auf der Hand: „Ich finde, dass es sich im Moment so anfühlt, als ob die Welt auseinander bricht. Alle haben diese „Fuck You-Mentalität.“ Stattdessen wollen wir was anderes sagen: Wacht mal lieber auf und stellt eure Fragen. Haltet nicht nur die Fresse!“

Ein paar kurze Fakten über The Living Things:

+ The Living Things sind die drei Brüder Lillian Berlin (Gesang, Gitarre), Eve Berlin (Bass) und Bosh Berlin (Drums). Obwohl die drei in den vergangenen Jahren viel unterwegs waren stammen sie eigentlich aus St. Louis, Missouri.

+ Sie spielen schon ewig zusammen: Ihr erster Auftritt fand statt im zarten Alter von 12 (Lillian), 8 (Eve), und 6 (Bosh) Jahren.

+ Steve Albini, der ihr Album aufgenommen hat, war auch für drei ihrer Alltime-Favorites verantwortlich: Nirvana mit “In Utero”, The Breeders “Pod” und PJ Harveys “Rid Of Me”.

+ Lillian ist der Sänger. Er sagt über seine ersten stimmlichen Gehversuche: „Ich hatte große Probleme beim Lesenlernen. Ich konnte mir die Sätze nur merken, wenn ich sie gesungen habe.“

+ The Living Things sehen ihre Musik als ein Element, an dem alle teilhaben sollten. „Wir heißen so, weil wir nun einmal Lebewesen sind. Und auch unsere Show soll etwas Lebendiges haben – jeder soll sich fühlen, als ob er auf der Bühne wäre.“

+ Lillian singt über den “falschen Blickwinkel” den man in Amerika annimmt. “Wir lernen was andere sagen und denken, aber wir lernen leider nicht, wie man überhaupt frei denkt. Wir wollen mit unserer Musik aufrütteln.”

Lillian Berlin – Gesang, Gitarre
Eve Berlin – Bass
Bosh Berlin – Drums