“There are wants and there are needs/ And they’re two very different things/ You can love or be in love, again” recht haben sie, die fünf langen Blonden aus London. Wobei letzteres nicht ganz richtig ist. Allein Gitarrist und Songschreiber Dorian Cox ist die einzige „Blondine“ im sonst braun bis schwarz Haarigen, weiblichen Quartett. Sei es drum. Schließlich geht es hier um Musik und die ist im Falle The Long Blondes sexy und gebildet, frivol und herzzerreißend.

2004 gegründet, wird die Band bald zum Londoner Szenetipp. Grund sind ihre melancholisch süßen Pop-Nummern, die sich resolut vom britischen Drogen-Rotz der Gegenwart (man denke nur an Pete Dohertys Babyshambles) abheben. Man muss ja nicht immer total abdrehen, Fotographen vermöbeln und Hotelzimmer verunstalten um Rock’n’Roll zu sein. Das sieht die Band, das sieht der NME so: „The Long Blondes bringen endlich wieder Glamour und Teenage-Melancholie in den R’n’R.“ Passend zum Sound präsentieren sich Sängerin Kate Jackson, Gitarrist Dorian Cox, Bassistin Reenie Hollis, Tastenfrau Emma Chaplin und Drummer Screech stets im adretten Retro-Look und passen so in den Retro-Hype wie die Faust aufs Auge.

2003 veröffentlicht die Band via Südlondoner Indielabel Angular zwei Singles (das Hitchcock-inspirierte „Appropriation (By Any Other Name)“ und „Giddy Stratospheres“). Zur selben Zeit bringt Bloc Party-Producer Paul Epworth die Single „Separated My Motorways” auf seinem Label Good an Evil heraus. Dusty Springfield, Joy Division, ABC, Human League; der Öffentlichkeit wird gezeigt, in welche Richtung der Zug fahren soll.

Ein Jahr später gewinnt die Band den NME Philip Halll Radar Award, den zuvor u.a. die Kaiser Chiefs ergattert haben, und festigt seinen Status als gefragte, ungesignte britische Bands. Es geht auf Tour. Zusammen mit Franz Ferdinand spielt man unter anderem in New York, Stockholm oder Barcelona, sowie im erwürdigen Alexandria Palace in London.

Im April 2006 erhält schließlich Rough Trade den Zuschlag. In der illustren Gesellschaft von den Smiths, Strokes und Libertines fühlt sich die Band wohl und veröffentlicht noch im selben Jahr das langersehnte Debüt-Album „Someone To Drive You Home“. Die erste Rough Trade-Single wird „Weekend Without Makeup“ und steigt gleich in die Top 30 der UK-Charts ein (hinter den Reglern stehen Pulp- und MIA-Produzent Steve McKay sowie Trash Club-Chef Erol Alkan).

Es folgen weiter Auftritte in Großbritannien, Spanien, Mexiko, den USA und Deutschland, alles im Rahmen der NME New Music Tour. Hinzukommen besondere Gigs in der Uni-Bib zu Lancaster oder bei der Eröffnungszeremonie des British Design Council im Rahmen der Biennale in Venedig.

Im April 2008 erscheint der Zweitling “Couples”. Dazu bleibt festzustellen, laut Markus Wilfroth:

“…Erstens: „Couples“ braucht beim Einzug in die Gehörgänge wesentlich länger als das Debüt „Someone To Drive You Home“ – weil es gekonnt auf ausgefeilte und experimentierfreudige Instrumentierung setzt.

Zweitens: Es geht nicht mehr um einen gewissen Klamotten- oder Lebensstil. Der Inhalt des Buches ist den Long Blondes ebenso wichtig geworden wie der Umschlag. Drittens: Ihr Hang zur Selbstreferenz wirkt wesentlich glaubhafter als vor zwei Jahren.

Zusammengefasst: Die Zeit nach dem großen Hype hat einige Wunden hinterlassen. Ein heftiger, jedoch fruchtbarer Lernprozess mit dem die Long Blondes glücklich sein sollten. Erfahrungen, die sie langfristig haltbarer machen!

Hans Erdmann