It’s an old school riot, baby!
Den Berliner Untergrund wühlt das achtköpfige Disco-Punk-Ensemble The Man No. 9 schon seit längerem mit denkwürdigen Live-Darbietungen auf, die den Rahmen normaler Pop-Rezeption sprengen. Nun gibt es mit “Brazilian Barbecue” auch eine erste EP.

Nein, besonders ergiebig ist ein Interview mit der Berliner Band The Man No. 9 jetzt nicht unbedingt. Eher ein alberner Mummenschanz: Zunächst treten die sechs Herren und zwei Damen grundsätzlich in Mannschaftsstärke an. Im vollen Ornament mit weißen Hemden, schwarzen Krawatten und Sonnenbrillen so groß wie fliegende Untertassen. Die offenbar mit einem ausgeprägten Faible für Marvel-Superhelden ausgestatteten Musiker aus Australien, Italien, Polen und natürlich Deutschland nennen sich The Jones, The X-Factor, The Mary, The Sneak, The Spiderwoman, The Manimal und The Lovegun. Reden tut aber nur der Herr, von dem wir annehmen, dass er wohl The Jones sein muss. Ein blonder Australier, vermutlich um die 30 und durchaus nicht unsympathisch. Der Rest spielt lieber Reise nach Jerusalem, wozu der große Konferenzraum, in dem wir uns befinden, zugegebenermaßen auch einlädt.

Nun kann man mit The Jones über alles Mögliche reden: Gerne gibt er Auskunft über den Film “Top Gun”, die Vorzüge verschiedener Käsesorten und deren optimale Produktionsorte. Oder auch über die Bücher des großartigen T.C. Boyle. Reporter und große Teile der Band finden: Der beste Käse kommt aus Frankreich und Boyles trotz vieler weiterer guter bis sehr guter Bücher bis heute unerreichtes Meisterwerk bleibt, was sonst, natürlich “Wassermusik”. Was man nicht so gut kann: Mit The Man oder sonst irgendeinem Mitglied der Band über Musik sprechen. Das heißt, vermutlich könnte man es sogar, in einem anderen Zusammenhang und ohne die Sonnebrillen. Heute aber ist er als Mitglied der Band, die wir fortan der Einfachheit halber nur noch The Man nennen wollen, hier – und die sind nun mal wild entschlossen, das Spiel nach ihren Regeln zu spielen.

Denn, man ahnt es wohl bereits: The Man haben ein Konzept. Welches genau erklären sie natürlich nicht, aber generell nichts sie selbst Betreffendes zu erklären ist eben auch ein Teil des Konzepts. Nachdem man anfangs noch leicht ungehalten war und sich auch ein bisschen auf den Arm genommen vorkommt, kommt man nach einer Weile nicht umhin, dem albernen Auftreten einen gewissen Charme zuzugestehen. Denn, ob Kasperltheater oder genialischer Sponti-Aktions-Dadaismus: Immerhin verschonen sie uns mit einer dieser unendlich langweiligen Standard-Amateurbandbiographien, wo der Gitarrist und der Bassist damals schon in Bottrop Wanne-Eickel gemeinsam zur Schule gingen und vorm Spiegel immer zu AC/DC geposed haben. Apropos: AC/DC mögen The Man. Außerdem vermutlich die B52s, Scritti Politti, The Hives, Right Said Fred die US-Disco-Punks Electric Six, LCD Soundsystem, Abba und die Situationisten.

Dass sie gemeinsam in einer kommunistisch/leninistischen Hippie-WG groß geworden sind, deren Mitglieder heute überwiegend wegen terroristischer Vergehen einsitzen, wie in der offiziellen Bandbiographie zu lesen ist, dürfte indes eher nicht stimmen. Aber letztlich ist es eben auch egal, was stimmt und was nicht. Die in diesen Tagen fertig gewordene EP “Brazilian Barbeque” klingt wie die Quersumme oben beschriebener Bands und noch viel mehr. In jedem zweiten Song wird ein “old school riot” angezettelt und wenn sie singen “gimme Iggy Pop cause he’s the king”, können wir natürlich nur zustimmen. The Man haben definitiv nicht alle Latten am Zaun und ihnen bei der Demonstration dieser schlichten Tatsache zuzuhören, ist fast so gut, wie ihnen dabei zuzusehen: Die Konzerte sind schlichtweg umwerfend.

Und ein bisschen gehört ja auch dazu, im ganz frühen Karriere-Stadium derart dreist und abgehoben aufzutreten. Ohne ihre Sonnenbrillen und unter Mannschaftsstärke hätten sie das Spiel aber sicher nicht durchgehalten. Schon so sah man zwischendurch immer wieder ein verräterisches Grinsen auf des einen oder der anderen Lippen. Vermisst haben wir trotzdem nichts. Denn mal ehrlich: Was hätten sie uns schon erzählt? Wahrscheinlich, dass sie sich nachts in irgendeiner Berliner Bar kennen gelernt haben, wir tippen da aufs White Trash, und beschlossen, eine Band zu gründen. Solche Sachen. Spannender sind da schon die überaus unterhaltsamen Blog-Einträge auf der Website der Band. Checkt das. Checkt “Brazilian Barbeque. Checkt: The Man No.9!

Text: Torsten Groß