Was haben ein gestandener kalifornischer Rock ‘n’ Roller und ein in die Jahre gekommener Agent des britischen Geheimdienstes gemeinsam? Neben einer sprichwörtlichen Unermüdlichkeit in eigener Sache ist es tatsächlich die Musik, um die es hier geht. Aha… aber lassen wir dazu doch einen der beiden Protagonisten selbst zu Wort kommen. “Einen Soundtrack für einen James Bond-Film würde ich wohl gerne einmal komponieren. Mit meinem Orchester wäre das bestimmt eine phantastische Sache”, meint ein stets arbeitshungriger Brian Setzer, kaum dass er sein letztes Unternehmen, ein Tribute-Album an die legendären SUN-Studios, zur vollsten Zufriedenheit beendet hat. Und dann wäre da ja auch noch die bevorstehende Europa-Tour. Zu tun gibt es folglich genug.

Warum dann aber eine ausdrückliche Verneigung vor den Erfindern des Rock ‘n’ Roll, weiß man doch bei dem 46-jährigen Ausnahmegitarristen nicht erst seit gestern, wo die Tolle hängt? “Bei den Aufnahmen in Nashville herrschte eben eine ganz besondere Atmosphäre, und man hat mich wirklich mit offenen Armen dort empfangen. Im Studio haben wir zudem ausschließlich mit Vintage-Equipment gearbeitet, was einen völlig anderen Sound kreiert hat, als beispielsweise mit den Stray Cats.” Apropos Stray Cats, nach der erfolgreichen Reunion im letzten Jahr hat alle Welt auf ein neues Album gehofft. Auf der aktuellen Live-DVD bzw. -CD ist aber lediglich ein einziger neuer Studiotrack zu hören. “Mit diesem Song wollten wir einfach das feeling dieses Comebacks einfangen, ein ganzes Album war von vornherein nicht geplant.” Kommt Zeit, kommt Rat, und der Fan darf weiter hoffen. Bis dahin beglückt uns Brian Setzer in diesem Sommer mit zum Teil neuer Mannschaft, um uns abermals den Geist von Elvis, Carl und Co. einzuhauchen. “Es war nicht leicht, für ein SUN-Tribute eine Songauswahl zu treffen, weil es eine unglaubliche Menge an verdammt gutem Material gibt. Aber nach eingehender Recherche habe ich meine 23 Favoriten für das Album gefunden.” Na dann, Player an, Bühne frei! Aber keine Angst, zu einer schnöden Oldie-Parade wird die Tour keineswegs mutieren, schließlich wird Mr. Blonde seiner heiß geliebten Gretsch den einen oder anderen Hit aus seiner mehr als 25-jährigen Karriere entlocken. Und die feuert der Gitarrero nach wie vor treffsicher und unverfälscht aus der Hüfte. “Ich glaube, ohne die Gretsch-Company wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Diese Klampfen klingen einfach sensationell. Klar, auch einige Gibson- oder Guildmodelle haben einen sehr guten Sound, aber Gretsch baut eben genau den Stoff, den ich brauche.”

Der Stoff, aus dem die Helden sind – oder in diesem Fall wenigstens des Helden Werkzeug. Dass die Zahl der Nachahmer dabei inzwischen ins Unermessliche gestiegen ist und Rockabilly regelrecht als Markenware seinen Einzug in die Regale der Konsumtempel gehalten hat, stört Brian Setzer dabei nicht wesentlich. “Es ist nun mal das alte Spiel. Ein paar machen immer den Anfang, und irgendwann rücken Neue nach, die von ersteren oft nicht akzeptiert werden. Was soll’s, für mich ist es lediglich wichtig, dass man sein Ding macht, unabhängig davon, ob irgendeine Richtung gerade modern ist oder nicht.” Nun, um einen Mangel an Gradlinigkeit braucht man sich bei dem mehrfachen Grammy-Gewinner keine Sorgen zu machen. Ob als Stray Cats-Frontmann, Orchestervorsteher oder Solist, wenn es darum ging, das Presleysche Erbe stilgerecht zu verwalten, zeigte sich Setzer stets authentisch und erfinderisch zugleich. Bleibt bei soviel Einsatzfreude gar noch Zeit für das Familienleben? Schließlich kann man sich auch als King of Rockabilly den väterlichen Pflichten nicht entziehen, zumal man gerade frisch verheiratet ist. “Meine Arbeit ist meine Musik und meine Musik ist mein Leben. Sie ist aber auch gleichzeitig mein Motor, alles das zu schaffen, was in meinem Leben sonst noch so passiert. Schließlich wollen mich meine kids ja auch dann und wann mal sehen.” Tja, die lieben Kleinen. Aber mal Hand aufs Herz, Herr Setzer: Gefällt Ihren Kindern nicht eher die sehenswerte Sammlung an Hot Rods in Ihrer Garage als der Rockabilly-Sound längst vergangener Tage? “Also, ganz ehrlich, meine kids haben in meinen Augen einen wirklich guten Musikgeschmack. Na ja, ganz der Vater eben.” Somit wäre die Erbfolge dann auch geklärt und wer weiß, vielleicht beglückt uns Saiten zupfender Weise ja irgendwann ein Setzer-Junior so wie einst sein alter Herr. Aber bis dahin wird wohl noch viel Wasser den Mississippi hinunterfließen, denn der good rockin’ Daddy aus dem Golden State wirkt ganz und gar nicht so, als ob er seine Schaffenskraft in naher Zukunft drosseln möchte. So ist es eben im Leben des Brian… always built for speed! Und um noch einmal auf den Geheimagenten ihrer Majestät zurückzukommen: Würde James Bond zu den Tollenträgern dieser Welt zählen, hätte mit Brian Setzer vielleicht auch die Diskussion um das Besetzungsproblem des nächsten 007-Streifens ein jähes Ende gefunden.

Text: Nils Kalliski