Die kathartische Kraft des Lärms: “Marcata” dokumentiert die Geschichte einer Band, die fünf Jahre lang Wut angestaut hat und sie auf 30 Minuten musikalisch verdichtet.

Denkt man an irische Musik, ist man nicht lange beschäftigt. Denn erstaunlicher Weise sind es meist jene grauenhaften musikalischen Blaupausen, die einem im Gedächtnis haften bleiben, wie Kaugummi am Schuh. Sinead O’Connor ist eine. Und erinnert sich noch jemand an Enya? U2 als Gegenargument anzubringen hat an dieser Stelle zweifelsohne seine Berechtigung, wer jedoch noch immer an dem Gedanken festhält, dass es in absehbarer Zeit ein Analogon zu “Joshua Tree” geben wird, der sollte vielleicht die eingestaubte rosarote Brille absetzen und sie Bono zuliebe einem guten Zweck spenden. Natürlich gibt es Ausnahmen: Rory Gallagher zum Beispiel. Viel interessanter ist aber, dass in der jüngeren Musikgeschichte eine neue Riege an talentierten Musikern nachwächst, deren Musik man nicht stereotyp auf die Einflüsse ihrer Heimat ummünzen kann. And So I Watch You From Afar gehören dazu oder eben The Minutes.

“Wir wollten Lärm machen.” sagt Gitarrist und Sänger Mark Austin. Oft sind es jene simplen Formulierungen, die, begreift man ihre Tragweite, auf ein Axiom reduzierbar sind, welches man schlichtweg nicht in Frage stellen kann. Dieser elementare Grundsatz, der damals zur Gründung von The Minutes führte, lässt sich bis ins kleinste Detail auf das nach fünfjähriger Bandhistorie entstandene Debütalbum herunterbrechen. Denn genau das ist “Marcata”: Lärm. Eine Art von Lärm allerdings, der so präzise kanalisiert und emotionsgeladen daherkommt, dass er einem mit ungebremster Wucht in die Magengrube schlägt.

The Minutes – “Black Keys”

“Unser Ziel war es, eine Momentaufnahme dessen zu schaffen, was uns als Band ausmacht.” erklärt Austin. “Wir haben uns schon immer als Live-Band gesehen und wollten, dass Marcata genau dieses Gefühl trägt – eine Platte die Fuck You! schreit.” Der Augenblick, denn viel mehr ist “Marcata” mit seinen 35 Minuten Spielzeit nicht, trifft einen Nerv. Man spürt deutlich, mit welcher Leidenschaft das Trio zu Werke ging. Wie ein Donnerschlag trägt das Schlagzeug die in Phil Spector-Manier aufgetürmten Gitarrenwände. Die Dringlichkeit, die ein “Black And Blue (A Letter)” im Refrain versprüht, manifestiert sich beinahe phyisch. Und so scheint es kaum zu überraschen, dass “Marcata” in nur fünf Tagen entstand. Feingliedrige Produktion und detailversessenes Arbeiten hätten der unbändigen Energie dieser Platte schlichtweg geschadet. “Der Aufnahmeraum in Marcata [Die Marcata Studios in New York; Anm. d. Red.] hatte einen ganz speziellen Klang” versucht es Austin in Worte zu fassen. Die Wände scheinen wie ein Multiplikator des Kolorits der Songs zu wirken und ihn zum Auge eines Orkans zu machen der unbändig wütet.

Manchmal sind es diese scheinbar magischen Momente, an denen alles reibungslos ineinander greift und ein Resultat entsteht, das die Summe seiner Einzelkomponenten übersteigt – dem dieses Quäntchen Magie innewohnt, was aus einer guten Platte eine großartige macht. “Bis zur Hälfte der Aufnahmen hatten wir keine Ahnung, wie wir die Platte nennen sollten, als es uns schließlich wie Schuppen von den Augen viel: sie musste Marcata heißen. Das ging mit der Idee einher, damit ein Dokument unserer selbst zu schreiben und wir benannten es nach dem Kosmos innerhalb dessen es entstand.” Dem italienischen marcare entlehnt, bedeutet es im musikalischen Kontext, etwas eine besondere Bedeutung beizumessen. Und so fügt sich der Name wie ein Puzzleteil in den organischen Korpus ein, den “Marcata” bildet. Laut und resonierend, durch die Emotion seiner einzelnen Bausteine potenziert ist es Lärm, dem eine natürliche Ordnung und Urgewalt innewohnt. “Fucking Rock’n’Roll” beschreibt es Austin und reduziert es einmal mehr auf eine simple Wahrheit, die einen obschon ihrer Treffsicherheit einsichtig grinsen und mit dem Kopf nicken lässt.

Robert Henschel

Album: Marcata

VÖ: 07.10.

Label: Model Citizen/Cargo

Tracklist:

01. Monster
02. Black Keys
03. Gold
04. Fleetwood
05. Believer
06. Secret History
07. Indian Wings
08. Black And Blue (A Letter)
09. Heartbreaker
10. Guilt Quilt
11. I.M.T.O.D.
12. Monsters