“Die aktuelle Lage beeinflusst meine Texte natürlich, aber ich würde es hassen, wenn sie als unmittelbare Botschaft verstanden würden. Es würde doch auch niemanden interessieren, was irgendeine Indie-Rock-Band über Politik zu sagen hat – zumindest mich nicht. Die Texte sind vielmehr ein sehr persönlicher Kommentar.”

Wenn man Matt Berninger, dem Sänger der US-Band The National, zuhört, wie er da im schattigen Hotelgarten in Hamburg über den Interpretationsspielraum in Zusammenhang mit seinen Songs spricht, klingt das ein bisschen wie jede halbwegs clever abwimmelnde Stellungnahme zum Thema “Pop und Politik” diesseits von Bono und Chris Martin. Fragt man aber ein bisschen konkreter nach und lässt Berninger Zeit, genauer auf seine Texte einzugehen, stellt sich der große, schlanke Mann mit der ungeordneten Frisur und den stahlblauen Augen schnell als politisch sehr bewusster Mensch heraus, der wie auf dem fantastischen Vorgänger “Alligator” aus dem Jahr 2005 auch in vielen Songs des neuen Albums “Boxer” die politische Situation in den USA und insbesondere den Krieg im Irak als Backdrop in seinen Texte über einsame, gespaltene Figuren aufbaut. Berninger über den Song “Apartment Story”:

“Das Stück handelt davon, sich zu verlieren – aber in den eigenen vier Wänden. Die Menschen in dem Song schließen sich zu Hause ein, um die Außenwelt zu meiden, sie ziehen sich fein an und kuscheln sich dann an ihre Stereoanlage, eine verdrehte Version des Bildes von Menschen, die sich in Kriegszeiten in ihren Häusern verstecken und am Kamin zusammenfinden. Die Personen in dem Song befinden sich in einem Zustand der Verleugnung und reden sich ein, dass alles in Ordnung ist, dass es keinen Grund gibt, sich Sorgen zu machen – geschweige denn Verantwortung zu übernehmen.”

Auf noch drastischere Weise verarbeitet Berninger das Thema Krieg im Song “Gospel,” der die Platte beendet:

“Der Song enthält die Textzeile ‘Invite me to the war/ every night of the summer,’ fast so, als sei der Krieg eine Gameshow oder als sähe man sich gemeinsam eine Unterhaltungssendung an. Die Charaktere in diesem Song haben jeden Bezug zum Krieg verloren – sie haben es sich im Garten am Pool gemütlich gemacht – die Cocktailgläser sind gefüllt, die Festbeleuchtung ist angeschaltet, das Fernsehgerät aufgebaut – und spielen Krieg. ‘Let’s play G.I. blood…'”

Eine unmittelbare Botschaft lässt sich derlei zynischen Skizzen zugegebenermaßen nicht ohne weiteres zuschreiben – Relevanz und Sendungsbewusstsein des “persönlichen Kommentars” aber sind fraglos enorm und sind auch auf Boxer eine der großen Stärken von The National.

Text: Friedrich Reip


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