Vor rund zwei Jahren bekamen The Rakes für ihre Songerfolge “Strasbourg” und “Retreat” den Art-Rock Stempel “Made in England” aufgedrückt – schneller als man die Namen Bloc Party oder Maximo Park aussprechen konnte. Doch auch heute sind die Londoner dankbar für jede Eigenständigkeit, die ihnen mit ihrem neuen Album “Ten New Messages” zugestanden wird.

Würde man sich entschließen, eine statistische Erhebung zum Thema Bücher-Verschleiß in der Musikerszene durchzuführen – Alan Donahues Band wäre hier sicher nicht zuletzt durch den aufopfernden Leseeinsatz ihres Frontmannes immer eine Nasenlänge voraus. Doch vor intellektueller Demütigung braucht man sich beim Hören ihrer “Ten New Messages” nun auch wieder nicht zu fürchten. Tanzen kann man schließlich auch ohne allzu große Denkanstrengung, beispielsweise zum eingängigen Beat von “We Danced Together” und dem inoffiziell mit “The World Was A Mess But His Hair Was Perfect” um den Preis für den besten Songtitel konkurrierenden “When Tom Cruise Cries.”

Video – We Danced Together

Ob diese verlockende Einladung zum gut gelaunten Tanzflächengezappel nun tatsächlich mit dem musikalischen Einfluss der Sugababes im Zusammenhang stehen könnte? Schließlich ließ der das Album ankündigende Pressetext des Labels doch verlauten, dass man bei der Arbeit am Zweitwerk neben “James Bond-Melodien und choraler Musik” auch die erfolgreiche Mädchenband als klangliche Inspirationsquelle hinzugezogen hätte. “Insgesamt habe ich auf gut zwei DIN-A4 Seiten beschrieben, wie die neue Platte konzipiert worden ist und klingen soll. Dass sie nun explizit diese Stellen herausgepickt haben, ist auf Dauer schon irgendwie nervig, war im Grunde aber abzusehen. Jetzt werde ich jedenfalls ständig auf die vermeintliche Sugababes-Verbindung angesprochen. Das ist ganz schön schade.” Was Alan uns mit dieser verhaltenen Verbalabwehr tatsächlich sagen möchte, ist, dass die vier Jungs zwar die schwungvollen Melodie-Zaubereien der Mädchencombo nebenbei im Radio hörten und sich so einfach vom unwiderstehlichen Hüftschwunggehalt der eingängigen Hitsingles anstecken lassen mussten. Ihre neueste Studioerrungenschaft vereint natürlich viel mehr als weiblich vertonte Populärkultur.

Sicher, Inspiration ist das Leben, und somit auch das, was tagtäglich in Rakes-Town alles so geschieht. Doch wenn man Alan nach seinen Lieblingsbüchern fragt, antwortet er etwa mit “Die Unerträgliche Leichtigkeit Des Seins” oder dass er sich momentan durch James Joyces – bei Lesegenuss-Fanatikern so gefürchteten – Klassiker “Ulysses” zu kämpfen versucht. “Ich mag es, wie in diesem Buch mit den Erzählperspektiven gespielt wird. Und so haben wir versucht, das etwa bei ‘Suspicious Eyes’ ganz ähnlich zu gestalten.”

Auch sonst überlassen die Londoner Lese-Haken nicht allzu viel dem Zufall, oder doch; aber wenn, dann schon bitte mit Absicht: “Auf dem ersten Album ‘Capture/Release’ haben wir sehr viel auf technische und klangliche Perfektion geachtet, vieles mit dem Computer nachgebessert und uns somit ein wenig in einer unnatürlichen Poliertheit verloren. Auf ‘Ten New Messages’ wollten wir wieder ein wenig zur unperfekten Menschlichkeit zurückkehren, also auch den einen oder anderen Fehler einfach mal zulassen und dazu stehen.” Nun ja, für das menschliche Normal-Ohr dürften diese minimalen Mängel nur schwerlich festzustellen sein. Doch es ist immer gut, zu wissen, dass sich hinter alledem ein ausgeklügeltes Recherchekonzept verborgen hält und dass Lesen tatsächlich zu bilden scheint.

Text: Christine Stiller