Die Geschichte von The Rapture ist sicher nicht das, was man gemeinhin als gewöhnlich bezeichnen würde. Zum einen aus dem Grund, dass sie bereits 10 Jahre vor der Veröffentlichung des Debüt-Albums “Echoes” beginnt. Zum zweiten, weil sie – sowohl geographisch als auch kulturell – aus einer anderen Welt kommt als die, mit der sie immer assoziiert wird. Und drittens schließlich, weildie Vier eher klingen und auch aussehen wie eine “Gang”. Eine Gang, die jetzt in der Startposition bereit steht, die Musikwelt mit einer durch und durch mitreißenden und grandiosen Mixtur aus Punk, Funk, House, Disco, Pop und psychedelischen Balladen ebenso zu erstaunen wie zu rocken. Eine Band, die durch gemeinsame Mühsal und Not, Herumreiserei und glückliche Umstände entstanden und zusammengewachsen ist. Es gibt viele rätselhafte Geschichten, die sich um Rapture ranken, was keineswegs ein Nachteil ist. Aber es gibt auch diese eine wahre Geschichte, die mit dem 16-jährigen Luke Jenner beginnt, der in seiner Heimatstadt San Diego seine Liebe zu der Musik durch die Bands der örtlichen Indie-Szene entdeckt hat.

“Das war ein ganz langsamer Prozess, eine Entwicklung der kleinen Schritte. Ich habe mir Bands angesehen, deren Mitglieder ungefähr im gleichen Alter waren wie ich. Das machte die Möglichkeit, so etwas selbst zu machen, viel realistischer. Diese Bands waren greifbar, ganz anders als Gruppen wie z.B. Nirvana, die man nur im Fernsehen gesehen hatte. ‘Trumans Water’ beispielsweise waren so ungefähr die vier beklopptesten Kids an der Highschool, aber sie hatten unglaubliche Energie. Das erste Mal, als ich sie sah, waren nur so zwei, drei Leute im Publikum – aber die Band hat trotzdem alles gegeben, was sie konnte. Das hat mich wirklich inspiriert!”

Das erste Konzert von The Rapture fand im Mai 1998 in San Francisco statt. Der Stadt, die Luke und sein bester Freund Vito ausgewählt hatten, um ihren San Diego-Horizont zu erweitern. The Rapture – damals bestehend aus Luke, Vito und Christopher Relyea – veröffentlichten die Single “The Chair That Squeaks”/ “Dumb Waiters” (ein Cover des The Psychedelic Furs-Klassikers) noch im gleichen Jahr selbstfinanziert auf dem Hymnal Label (im Jahr 2000 wurde die Single auf Gold Standard Labs erneut veröffentlicht). 1999 erschien die “Mirror” EP zusammen mit einem Kid 606-Remix auf Gravity.
Die Band zog dann im Laufe des Jahres weiter, diesmal nach Seattle, und mit Brooks Bonstin kam Bandmitglied Nr. 4 dazu, der auch auf den Gravity-Sessions dabei gewesen war. “Wir haben damals San Francisco wieder verlassen, weil das alles irgendwie nicht so hingehauen und uns nicht weitergebracht hat. Und weil Brooks Haus abgebrannt war…” The Rapture blieben allerdings nicht einmal ein Jahr in Seattle, sondern entschieden sich, in New York ihr Glück zu versuchen. Ohne Bonstin. Für ihr New York-Abenteuer zahlten die Jungs mit einer ’99er Tour: “Wir konnten uns kaum über Wasser halten und waren die ganze Zeit bitter arm. Bei jeder Show fragten wir übers Micro ‘Hat jemand einen Platz für uns, wo wir bleiben können?’ Irgendwer hat sich zum Glück immer gefunden, denn wir hatten damals gerade mal so $5 am Tag zur Verfügung.”

Eins der Konzerte fand dann auch in Washington DC statt, der Heimat der beiden Cousins Mattie Safer und Gabe Andruzzi (der letzte, der sich The Rapture anschloß und vorher in diversen Bands, darunter The Abcs, The Metamatics und Bobby Conn, gespielt hatte). Diesen einen Gig hatte sich Mattie angeschaut (Gabe war damals nicht dabei). Mit dem Resultat, dass sich Matties und The Raptures Schicksal ändern sollte. “Das war ein toller Auftritt”, erinnert sich Mattie. “Sie hatten ein ganz spezielles Pop-Gespür, aber gleichzeitig echte Aggression. Es war einzigartig. Also ging ich hin und sprach mit ihnen. Ein merkwürdiges erstes Treffen, Luke war irgendwie sehr reserviert. Ich wollte gerade nach New York ziehen um Jazz zu studieren, und es wurde so eine Art Witz-Wette zwischen uns… yep, wenn ich nach New York komme, werde ich den Bass bei euch spielen…”.

The Rapture kehrten zurück nach New York und hatten Glück im Unglück. “Der Typ, der mit uns nach New York gezogen war, verließ die Band nach zwei Monaten. The Rapture waren also wieder nur noch Vito und ich. Mattie hatte uns in der Zwischenzeit irgendwie aufgespürt, lief immer bei Vitos Arbeitsstelle auf, hing dort stundenlang rum und fragte ohne Unterlass, ob er nicht bei uns mitmachen könne.” Schließlich und endlich ließ Mattie Jazz-Schule Jazz-Schule sein und schloss sich der Band im Oktober 1999 an. Das nächste einschneidende Ereignis kam dann, als die Jungs James Murphy aus New Jersey und den Engländer Tim Goldsworthy kennenlernten, die wohl besser als Produzenten, DJs und Unternehmer aus Manhattan unter dem Namen DFA (Death From Above) bekannt sind. “Einer von James’ Freunden war ein Fan von uns, er sah unsere erste Show in New York und kam zu jedem weiteren Gig. Einmal brachte er James mit – eine Woche später gingen wir zum DFA-Studio und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns. James wollte immer mit uns zusammen arbeiten, aber zunächst taten wir sechs Monate lang nichts anderes, als gemeinsam abzuhängen und über Platten zu reden.”

Luke erklärt die Veränderung, die die Zusammenarbeit mit DFA für The Rapture brachte: “Wir hatten nie vorher wirklich die Chance gehabt, Studioarbeit richtig zu erforschen und zu lernen. Aber DFA, die uns produzierten und zeigten, wie wir die Sachen, die wir wollten, auch umsetzen konnten, ließen uns alle Zeit. Das war das erste Mal für uns, dass wir es terminlich so locker angehen konnten. Parallel dazu hatten wir uns, seitdem wir nach New York gezogen waren und Mattie dabei war, stilistisch mehr in Richtung Dance-Music orientiert.” Denn neben den frühen Punk-Einflüssen gibt es ja auch noch die Funk-Seite der Band. “Damals in Seattle hatte Vito mir ein Buch mit dem Titel ‘Funk’ von Ricky Vincent gekauft. Das hat mir die Augen für viele Dinge geöffnet, die ich vorher gar nicht wusste, wahrgenommen oder beachtet hatte. Also kaufte ich mir tonnenweise Funk-Platten. Die wiederum brachten mich dazu, auch mal in die Disco-Ecke reinzuhören. Als wir dann nach New York zogen, lebte ich eine Zeit lang bei einem House-DJ. Ich hing damals immer den ganzen Tag zu Hause rum, weil ich keinen Job hatte. Wenn er dann auch da war, kochte er mir dieses grausame vegetarische Essen… Aber er war einer der nettesten Menschen, die ich kenne, und ich löcherte ihn unentwegt mit Fragen über House-Music. Ungefähr zeitgleich lernten wir die DFA-Typen kennen und es stellte sich schnell heraus, das wir gleiche Interessen und Geschmäcker hatten.”

Mattie fasst diese allmähliche Änderung der Richtung in seiner ihm eigenen, trockenen Art zusammen: “Wir hatten ab und an so kleine Offenbarungen, Erscheinungen, Aha-Erlebnisse. Jedenfalls war es nicht etwa so, dass jemand gekommen ist, uns eine ‘808 State’-Platte vor die Füße geworfen und gesagt hat: ‘So, dies ist jetzt eure neue Richtung’.”

The Rapture tourten weiter und veröffentlichten dann im Mai 2001 das von DFA produzierte Mini-Album “Out Of The Races, Onto The Tracks” auf dem Sub Pop Label, und im Juli 2001 schloss sich schließlich auch Gabe Andruzzi der Band an. Ab November 2001 bis Juni 2002 liefen dann die Aufnahmen von The Rapture in Zusammenarbeit mit DFA zu dem Debüt-Album “Echoes”. In der Folgezeit, während sich The Rapture nach einem Deal umtaten, veröffentlichten sie das hochgelobte “House Of Jealous Lovers” im UK auf Trevor Jacksons Output Label (April 2002) und eine limitierte Auflage von “Olio” (Juli 2002), bevor sie einen weltweiten Vertrag mit Vertigo Records im Mai 2003 ergatterten. Es hat lange gedauert, doch nun ist endlich die Zeit für das Longplay-Debüt “Echoes” gekommen, das im Oktober 2003 erscheint.

“Echoes” präsentiert sich als eines dieser seltenen, mehrschichtigen und auf den ersten Blick sehr ungewöhnlichen Alben, das trotzdem durch und durch tanzbar ist, mitreißende Pop-Sounds liefert und für keine bestimmte “Szene” gedacht ist. Es ist keine dieser coolen “Indie-Elite”-Scheiben, die dafür gemacht ist, dass alle versuchen, bestimmte Einflüsse hinein zu interpretieren. Im Gegenteil, Luke ist immer sehr amüsiert über dieses “Erkenne-die-Einflüsse”-Spiel, zu dem The Rapture die Kritiker offensichtlich inspirieren. “Das ist einer der Gründe dafür, dass wir es kaum mehr abwarten können, das Album endlich zu veröffentlichen. Mindestens eines wird das Album nämlich bewirken – die Liste der möglichen Einflüsse wird noch größer werden… Auf jeden Fall ist das Album vielschichtig genug, um genau jene Leute verstummen zu lassen, die bisher immer behauptet haben, wir klängen nur wie The Cure oder Gang Of Four.”

Denn zusätzlich zu den gerade erwähnten Post Punks und den Acid-House-Elementen könnte man nämlich auch Duran Duran, PIL, ESG, Killing Joke, Josef K, Iggy Pops “The Idiot”-Phase, Suicide, Bowies “Plastic Soul”-Phase oder frühe Chicago-House Einflüsse auf “Echoes” heraushören. Wenn man denn auf die “Stil-Schubladen” einfach nicht verzichten kann oder will. In diesem Zusammenhang überraschen allerdings die langsamen Songs “Open Up Your Heart”, “Love Is All” und “Infatuation”. Wobei “Love Is All” so etwas wie den Schlüssel zu Lukes Texten transportiert. “‘Love is all’ – alles das, was meine verkrüppelte Seele jemals braucht”, lacht Luke. Um dann ernsthaft zu antworten: “Ich habe vor zwei Jahren geheiratet und wirklich die Liebe gefunden, was für mich den größten Einfluss überhaupt darstellt. Das wollte ich in diesem Song zum Ausdruck bringen – die Vorteile und die Glücksgefühle eines stabilen Lebens. Gefühle, die mir in der Zeit davor nie etwas bedeutet hatten.”

Auch Vito ist verheiratet, während Gabe und Mattie noch Singles sind – “single, freewheelin’ dudes”, wie Luke es ausdrückt. Was die Beziehungen der Bandmitglieder untereinander angeht, so haben sich die Jungs schon im Vorwege gegen irgendwelche zukünftige Eventualitäten und Auseinandersetzungen welcher Art auch immer insofern geschützt, als dass die Credits der Songs immer alle vier Musiker nennen. “Das ist ein erfolgversprechendes Modell. So bleibt es uneigennützig. Eine oder mehrere Personen da auszunehmen wäre ein großer Fehler. So ungefähr wie ‘Ätsch, ich habe jetzt eine Wohnung und du nicht’. Wenn ihr versteht, was ich meine.” Mattie ist sich sicher, dass die lange Zeit, die es brauchte, bis “Echoes” endlich fertig war und es zu einem der langerwartetesten Debüt-Alben seit Äonen machte, The Rapture viele Vorteile beschert hat: “Dadurch hatten wir Zeit und Muße, über viele Dinge nachdenken und reflektieren zu können. Das eröffnete uns die Chance, wirklich zu verstehen, wer wir sind, was wir gemacht haben und wie wir an diesen Punkt gekommen sind. Zuerst ging es viel zu schnell – da war diese eine DFA-Single und plötzlich wurden wir herumgeflogen und jeder lobte und schmeichelte uns. Es braucht aber eine gewisse Zeit, damit klar zu kommen, wenn man nicht daran gewöhnt ist.” Luke ist einfach nur froh und erleichtert, dass das Album jetzt erscheint. Aber irgendwie auch nervös: “Ich hoffe, dass es nicht zu spät ist. Dass die Leute nicht bereits das Interesse an uns wieder verloren haben.” Das Interesse? Untertreibung pur! Die Leute brennen förmlich darauf, endlich die Musik des Albums zu hören. Ebenso, wie The Rapture auch darauf brennen, die Leute zu treffen. Beide Seiten haben sich einfach verdient – im besten Sinne des Wortes…
Auch 2006 scheint das Interesse noch nicht erloschen: The Rapture veröffentlichen ihren Zweitling “Peaces Of The People We Love”.

The Rapture sind: 
Luke Jenner – Gesang, Gitarre
Mattie Safer – Gesang, Bass, Keyboard
Vito Roccoforte – Drums
Gabe Andruzzi – Saxophon, Keyboard, Percussions