Gelegentlich wünscht man sich anlässlich neuer Platten, der selige Teddy Adorno weile noch unter den Lebenden. Nicht, weil er nun die unbedingte Geschmacks- und Urteilsautorität wäre, sondern einfach um mal zu hören, wie er aktuelle Musik in sein doch sehr restriktives Klang- und Musikraster einordnen würde, in dem – kurz gesagt – Jazz faschistisch und Zwölftonmusik das einzig Wahre ist. Was zum Beispiel würde er von Sigur Rós halten? Jenen vier leicht entrückten Isländern, die seit inzwischen elf Jahren eine seltsame Mischung aus sphärischen Geräuschskulpturen und Post-Rock zimmern, die angeblich sogar den als Frauen schlagenden Macho-Rocker und nicht als überempfindliches Sensibelchen bekannt gewordenen Tommy Lee dazu brachte, sich in der Embryostellung auf seinem Fußboden zusammenzurollen, bis ein Freund die Platte ausschaltete. Wäre die Musik in Adornos Augen durch das Abbilden von Bezugs- und Anhaltspunktlosigkeit progressiv und begrüßenswert oder in ihrer sedativen Wirkung schon wieder reaktionär?

Zu Befürchten ist Letzteres, was aber im Grunde auch egal ist. Spekulationen dieser Art mögen unterhaltsam sein, die Band hat zu solchen Überlegungen traditionell keine Meinung. “Keine Ahnung. Wir sind keine Intellektuellen”, nuschelt Schlagzeuger Orri, der verschüchtert auf einem Sofa im Backstageraum der Berliner Columbiahalle hockt und zu Boden starrt.
Gut, neuer Versuch. Weg mit der Theorie, Fokus auf die Musik. ‘Takk…’ heißt das neue Werk, zu Deutsch ‘Danke…’. Bereits der erste Höreindruck macht deutlich, dass auch mit dem dritten regulären Werk nach wie vor nicht klare Aussagen das Primärziel von Jón Thor Birgisson (Vocals, Gitarre), Kjartan Sveinsson (Keyboards), Orri Páll Dýrason (Schlagzeug) und Georg Holm (Bass) sind. Zwar sollen, nachdem die Band in der Vergangenheit gerne und ausgiebig ein Phantasieidiom namens “Hopelandish” als Stilmittel bemühte, dem Falsettgesang inzwischen wieder Texte zugrunde liegen, verständlicher jedoch, im Sinne von konkreter, wird die Sache dadurch nicht zwangsläufig. Was Sigur Rós wollen, wissen sie nämlich selbst nicht. “Unsere Mission ist nur, Musik zu machen. Wir denken über das, was wir tun, eigentlich nicht groß nach”, fasst Orri die Herangehensweise beim Komponieren zusammen, und folglich schwebt das Resultat zwar betörend doch einmal mehr etwas ungreifbar zwischen alle Stühlen. Ein Zustand, an den sich auch diverse Rezensenten erinnert fühlten, denen zur Beschreibung der vergangenen Alben ‘Ágætis Byrjun’ und ‘( )’ stets Worte wie ‘abgehoben’, ‘träumerisch’ oder ‘elfenhaft’ sowie diverse Naturmetaphern über die Seltsamkeit der isländischen Landschaften einfielen. Das wird sich auch mit ‘Takk…’ nicht ändern, denn die versprochene Klangeruption bleibt aus. Wo sich das musikalisch verwandte Godspeed You Black Emperor!/Silver Mt. Zion Memorial Orchestra-Kollektiv oder auch Mogwai regelmäßig an der Katharsis mittels kakophonischer Klangmonumente abarbeiten, malen die vier Isländer erneut in breiten, aber nie bedrohlichen, in befremdlichen, aber stets hellen Farben geisterhafte Klanggemälde von mehrminütigem Ausmaß und entrückter Schönheit. Wer das für musikalische Avantgarde hält, liegt falsch. “Die Musik ist gar nicht so kompliziert, wie generell unterstellt wird”, ringt sich Orri dann doch mal zu einer konkreten Aussage durch. “Würden wir sie anders instrumentieren, wären das alles Pop Songs.” Dann guckt er wieder groß, seine Augen driften zu Boden und dann ins Leere. Wir sind wieder allein mit der Musik, und was wir daraus machen. Wer kann, sollte einfach stumm genießen. Das wäre jedenfalls Orri das Liebste. Ob die Embryostellung die dazu geeigneteste Position wäre, lässt er offen.

Text: Moritz Honert