Aalglatte Schweinehunde sind das! Die Rede ist hier von The Sunshine Underground. Kein Witz: Versuch mal, sie in eine beliebige Kiste zu stecken: sie passen einfach nicht rein. Oder probier mal, ihnen ein Etikett anzukleben: es will einfach nicht kleben bleiben. Sie sind eben keine Band, die sich willig in einer Schublade verstauen lässt. Eher eine, die man einfach so nehmen muss. Um einen befreundeten Freak zu zitieren: “Don’t fight it, feel it!“.

Aber natürlich ist die Suche nach einer adäquaten Kategorie für die vier jungen Musiker immer noch voll im Gange, und gemeint sind hier nicht nur die Journalisten, die im Laufe des letzten Jahres versucht haben, die aufblühende Popularität dieser Einzelgänger aus dem Norden Englands zu erklären und das mit immer abstruseren Schlussfolgerungen: Sie wurden als psychedelisch bezeichnet. Was einfach falsch ist. Ein anderer Stempel trug den Namen „Indie-Dance“. Was aber nur die halbe Wahrheit ist. Auch betitelte man sie als „Leeds-Band“: sachlich zwar richtig, hilft darüber hinaus aber auch nicht weiter. Whiskas, Gitarrist der ebenfalls aus Leeds stammenden Indierockformation Forward Russia, mag zwar ihre ersten Live-Gigs promotet haben, und außerdem besitzen die vier auch eine ähnliche Do-it-Yourself-Arbeitshaltung wie ihre Musikerfreunde aus West-Yorkshire, aber wie Gitarrist Stuart Jones sagt: „Das Tolle an den Bands aus Leeds ist, dass sie alle ganz unterschiedlich sind. Es ist keine richtige Szene, sondern einfach eine sehr kreative Ecke dieses Landes.“ Craig Wellington (Gesang, Gitarre) nickt: „Duels hören sich ganz anders als die Pigeon Detectives an, und die sind wiederum ganz anders als wir. Wir haben geradezu absurd unterschiedliche Einflüsse. Mit Sicherheit besitzen wir einen bestimmten „Style“, aber für uns ist es schon schwierig, zwei Songs zu schreiben, die sich gleich anhören. So ist es halt. Wir setzen uns keine Regeln.“ Gibt es denn wirklich gar keine Regeln? „Naja, bei Jazz-Funk würden wir wohl schon einen Strich ziehen.“
Auf alle Fälle aber bedeutet The Sunshine Underground auch: ein einziger großer, keine Rücksicht nehmender und für Aufruhr sorgender Krawall: Das nach einem Track der Chemical Brothers betitelte Quartett steht auf Beats und Grooves. „Wird sind eine Party Band“ bringt es Craig auf den Punkt. Auf ihrem Debütalbum “Raise The Alarm“ (produziert von einem brillanten Wechselteam aus Dan Kahuna (FC Kahuna), Steve Dubb (Chemical Brothers), Segs (The Ruts) und Robert Harder und veröffentlicht auf dem Label “City Rockers”), findet der Indierock seinen ehemaligen Stammplatz auf dem Dancefloor wieder und das ohne Kompromisse von beiden Seiten. Schlagzeuger Matthew Gwilt und Bassist Daley Smith sorgen für nörgelige Funksounds im Stil der Happy Mondays und für treibende Discopunk-Granaten wie “Wake Up“ und “Dead Scene“ gleichermaßen. Trotzdem würde man The Sunshine Underground niemals den Stempel „New Rave“ verpassen. Zwar weist ihre DNA vielleicht eine Spur Daft Punk auf, aber gleichzeitig sind die vier ja auch Songschmiede und Indiekids, die auf Blur und Radiohead stehen.

Garantiert alles andere als das Gros magerer Punk/Funk-Tracks der Sparte New-Wave, das in den Läden herumsteht, sind die Stücke “Commercial Breakdown“ und “I Ain’t Losing Any Sleep“, nämlich fetter und schamloser Rock. Die beiden Songs weisen soviel Intensität, Leidenschaft und krachende Gitarren auf, wie man es sonst nur von den Doves, von Muse oder den Manics kennt. Und, wie Craig es ausdrückt: „Man braucht gute Songs. Man kann nicht immer nur hübsche Rhythmen spielen. Das wird irgendwann langweilig.“

Bombastische Chöre, ungestüme Basslinien und wiederkehrende Beats ergeben zusammen ein berauschendes Gemisch, das The Sunshine Underground-Gigs zu chaotischen Szenen gemeinschaftlicher Fete macht: Eine Band, die ihrem verrücktem Publikum einheizt und gemeinsam mit ihren Hardcore-Fans in die Extase abdriftet. Spießigere Künstler haben ihre Manifeste; The Sunshine Underground dagegen wünschen sich einfach ein Publikum, das von ihren Sounds elektrisiert wie auf Wolken schwebt. Sie reden selbstbewusst davon, dass sie eine aufrichtende Band sind, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. „Ich habe ein Photo von einem Fan aus dem Publikum beim Nastyfest,“ schwört Craig, „der auf dem Geländer läuft“.

Die vier haben keine Lust darauf, an gewöhnlichen Orten und zu gewöhnlichen Zeiten zu spielen und bevorzugen Late-Night-Auftritte auf improvisierten Keller-Raves oder in seltsamen Küstenorten. „Jeder ist bei uns willkommen, so lange man nur offen dafür ist,” regt Stuart an, „Lass Dich darauf ein und schwitze ordentlich. Das sind die einzigen Regeln.“

„Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn wir auf unseren Auftritten Leute sehen, die auf Pillen sind,“ erzählt Craig, obwohl ihm die Vorstellung von seiner Band als eine drogige „psychedelische Hippie-Band“ nicht gefällt. Drogen, das wissen auch The Sunshine Underground, sind gefährlich: Denn Drogen ermutigen Bands, mit diesen endlosen „kosmischen“ Jams anzufangen: „Auf der Bühne lassen wir das sein. Sie werden für die Party danach aufgehoben.“ Was nicht heißen soll, dass es auf dem Planet „Sunshine“ einzig um Gehirnzellen-eliminierenden Eskapismus geht. Wie immer ist auch das nur die halbe Wahrheit. “Raise The Alarm“ mag zwar wie ein Rausch wirken, aber dann wie einer, der unbeständig ist und inhaltliche Brüche besitzt. Spätestens beim dritten Anhören fällt auf: zornige Passagen wechseln sich mit positiven Grooves ab. Und Craig gefällt der Widerspruch, „dass die Leute fröhlich zu diesen dunklen, paranoiden Songs mitsingen können.“

Craig schreibt zwar keine Liebeslieder und auch nicht über sich selbst, dennoch mangelt es ihm nur selten an Inspiration: „Ich kann mich schnell aufregen. Man muss nur mal ein bisschen fernsehen. Bei den Nachrichten drehe ich durch.“ Das engagierte “Commercial Breakdown“ zum Beispiel schimpft auf die Generation „Klatsch“: „Leute, die sich von den wichtigen Themen abkapseln und ihr Leben mit Mist ausfüllen: mit Celebrity-Zeitschriften und wertlosem Fernsehschrott.“

“Wake Up“ setzt sich in seinem Refrain ebenfalls mit ernsten Themen auseinander: “They try to pull the wool over our eyes and tell us everything’s allright.” In dem Stück “I Ain’t Losing Any Sleep“, das von zornigen Kleinstadt-Strolchen handelt, und “Dead Scene“, einer Skizze blasierter und von Cliquen-Geklüngel determinierter “cooler-than-you”-Indiekids, nahm sich Craig hingegen Ziele vor, die in der Nähe seines Zuhauses zu finden sind. Wenn The Sunshine Underground auch eine Band sind, die den passenden Soundtrack für eine bierseelige Samstagnacht servieren, so reflektieren sie aber auch gründlich darüber, was ihnen am trüben Sonntagmorgen danach durch die Köpfe spukt.

Seit den Anfängen der Band ist viel passiert. Vor sechs Jahren waren Craig und der Rest der Jungs auf dem College in kleinen Orten, wo sie fast verrückt wurden: „Im Grunde gab es nichts zu tun.“ Sie zogen nach Norden, als Matt zur Uni ging – nicht, dass er besonders oft Vorlesungen besucht hat. Und jetzt werden sie als letzte Retter Indie-Britannias angekündigt. Aber The Sunshine Underground stört das nicht. Sie haben sich auch nicht verändert. Mittlerweile gehören Stylisten für „Underground“-Bands ja quasi zum Equipment, und es ist ganz normal, sich mit 100 Pfund-teuren Haarschnitten sehen zu lassen, doch The Sunshine Underground interessiert dieses ganze oberflächliche Getue nicht. Sie sehen immer noch aus, als ob sie auf dem Weg zu einem Spiel sind und nicht zu Top Of The Pops. “Wir sind ganz normale Jungs,“ sagt Stuart. „Keine Frage. Wenn Leute den Drang haben, sich durch ihre Kleidung “selbst auszudrücken”, ist das ok, aber uns ist das völlig egal.“

Ruhm an sich kümmert sie nicht. Sie haben kein Interesse daran, großmäuligen Mist der Rock-Presse zu erzählen oder in die Klatschblätter zu kommen. Sie möchten einfach hart daran arbeiten, dass zwischen ihnen und ihren Fans eine enge Verbundenheit entsteht. Laut Craig funktioniert das nach einem einfachen Mechanismus: “Vier Jungs, die Songs schreiben, weil sie Lust dazu haben und sie anderen Leuten vorspielen, weil die sie hören wollen. Ich habe gar keine Lust, auf dem Cover des NME zu sein.“

Er hält inne: „Es geht nicht darum, Stars zu werden. Es geht nur darum, dass wir das machen können – als Job. Wir wollen nicht reich werden, wir möchten nur nicht, dass wir aufhören und in zehn Jahren bei Burger King arbeiten müssen. Das wäre schrecklich.“ Doch so wie es aussieht, muss er sich darüber eigentlich keine Sorgen machen. The Sunshine Underground werden immer größer: Raise the Alarm!

The Sunshine Underground:
Craig Wellington (Gesang, Gitarre)
Stuart Jones (Gitarre)
Daley Smith (Bass)
Matthew Gwilt (Schlagzeug)

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