Mal wieder so eine britische Erfolgsgeschichte: Seit The View aus Dundee, Schottland, vor einem guten Jahr bei einem Gig der Babyshambles deren Peter Doherty ihr Demo in die Hand drückten, hat die Karriere der vierköpfigen Band rasant Fahrt aufgenommen: Libertines-Entdecker James Endeacott beeilte sich, die Band für sein ‘1965’-Label unter Vertrag zu nehmen, ins Studio ging es anschließend mit Oasis-Produzent Owen Morris.

Das nun auch hierzulande erscheinende Albumdebüt (letztes Jahr gab’s bereits eine EP in kleiner Auflage) enterte vor einigen Wochen auf Anhieb die Pole-Position der englischen Charts. Wir sprachen mit einem enorm abgekämpften Peter Reilly (Gitarre) vor dem Konzert der Band in Berlin. Über die unangenehmen Begleiterscheinungen einer Bekanntschaft mit Doherty, den offenbar nicht besonders ausgeprägten journalistischen Ehrenkodex der Kollegen vom NME, über Hausboote in London und surrealistische Impressionen eines Japan-Trips.

Und, wie läuft’s so Peter – zum ersten Mal in Deutschland?
Ja, das ist großartig. Heute waren wir im Mauermuseum am Checkpoint Charlie. Sehr interessant, zumal ich da vorher kaum etwas drüber wusste.

Lernt man das in Schottland nicht auf der Schule?
Nun, man kann sich zwischen Politik und Geschichte entscheiden, ich wählte Politik. Außerdem bin ich auch nicht besonders lange zur Schule gegangen. Ich ging mit 15 ab. Danach arbeitete ich einige Zeit auf dem Bau und ging dann zum College, um meine Abschlüsse nachzuholen. Parallel fing ich mit der Musik an und hatte dadurch bald gar keine Zeit mehr für die Schule. Die wesentlichen Dinge im Leben lernt man sowieso nicht auf der Schule, sondern auf der Straße.

Sicher keine Einstellung, die deine Eltern teilen, oder?
Ich respektiere natürlich schon die Meinung meiner Eltern, aber sobald ich 16 war, stand für mich fest, dass ich meinen eigenen Weg finden muss. Und der sieht nun einmal anders aus als der ihre.

Was sagen sie jetzt zum Werdegang ihres Sohnes?

Oh, sie sind sehr glücklich wie gut alles klappt.

Zunächst spieltest du wohl in einer Cover-Band. Was habt ihr da gecovert?
Kreuz und quer durch die britische Musikgeschichte: Libertines, Oasis, Beatles, T Rex, Stone Roses, The Jam.

Auf einmal ging dann alles ganz schnell, die letzten zwei Jahre habt ihr eine Menge Glück gehabt. Was ist da passiert?
Alles fing mit Pete Doherty an. Die Babyshambles spielten in unserer Stadt. Tickets für das Konzert konnten wir uns nicht leisten, aber der Tourbus der Shambles parkte einige Meter neben unserem Proberaum. Wir gingen also hin, klopften höflich an und gaben Pete unsere CD. Am selben Abend standen wir dann schon mit ihnen auf der Bühne und spielten anschließend die komplette Tour mit ihnen.

Das kommt nun nicht besonders häufig vor! Vor vielen Jahren habe ich mal an der Tourbustür von Faith No More geklopft und ihnen das Demo meiner damaligen Band gegeben. Wie wir später von weitem hörten, haben sie es sich sogar angehört. Nur wurden wir deshalb nicht gleich auf ihre Tour eingeladen…

Ja, wir hatten wohl Glück.

Wie kommt ihr mit der Veränderung in euer aller Leben klar, die sich seit diesem Anklopfen an der Tourbustür so schlagartig ergeben hat?
Nun, das ist es, was wir immer wollten. Wir haben ja schon ein Jahr lang als Band existiert und auch schon eine Menge Konzerte gespielt als das passiert ist. Wir waren also halbwegs vorbereitet und es ist bei uns auch nicht so wie damals bei Nirvana oder so, dass wir keinen Bock auf Erfolg haben.

Wie man hört, habt ihr ja früher die Libertines-Biographie gelesen und davon geträumt, ihnen nachzufolgen. Da war die Episode natürlich besonders hilfreich, oder? Zumal Pete Doherty ja keine Gelegenheit auslässt, euch öffentlich zu loben.
Das ist toll. Wir sind totale Fans! Ich bin schon gespannt auf Petes nächstes Album.

Weicht das von der Presse gezeichnete öffentliche Bild Dohertys von dem ab, was ihr euch von ihm machen konntet?
Völlig. Er wird ja immer als der Böse dargestellt, auch was die Libertines-Geschichte angeht. So ist er aber gar nicht, sondern im Gegenteil sehr herzlich.

Wie oft musstest du denn mittlerweile schon die Frage nach der Nacht beantworten, die einer von euch infolge einer Autofahrt in einem angeblich gestohlenen Jaguar an der Seite von Doherty im Knast verbringen musste?

Oh Mann, unzählige Male! Und ich antworte immer dasselbe: Wir waren zwar eine Nacht im Knast, es wurde aber keine Anklage erhoben und das Auto war auch nicht gestohlen, das ist Quatsch.

Außer den Libertines – wo liegen eure Haupteinflüsse?

Die Rave-Szene in Manchester, die Londoner Musikszene – all das war wichtig. Aber gar nicht mal so sehr im musikalischen Sinne, sondern einfach als Gegenentwurf zu diesem normalen Leben, das die meisten Leute bei uns führen: Den ganzen Tag arbeiten und dann abends BBC gucken und auf dem Sofa einpennen. Wenn du jung bist, fehlen dir noch ein bisschen die Alternativen zu diesem Leben, die haben wir erst durch illegale House-Partys und die DIY-Punk-Szene kennen gelernt.

Ich habe euch im letzten November im Londoner Astoria gesehen, das ihr ausverkauft habt, ohne zum damaligen Zeitpunkt eine Platte veröffentlicht zu haben.
Oh, du warst da? Cool, wie hat es dir gefallen?

Gut. Wie überraschend war das für euch, diese relativ große Halle auszuverkaufen?
Alter! Als es im März letzten Jahres hieß, wir sollten das versuchen, habe ich unser Management für verrückt erklärt. Ich hätte niemals gedacht, dass wir das voll kriegen…Aber dann waren innerhalb eines Tages und ohne große Unterstützung der Presse alle Karten weg. Ich meine: Wir hatten damals gerade mal eine Single draußen!

Generell seid ihr ja schon relativ lange mit den Songs unterwegs, die hier jetzt erst und in England seit Januar zu haben sind. Habt ihr nicht langsam auch ein bisschen die Schnauze voll, seit zwei Jahren immer dasselbe zu spielen?
Das nicht unbedingt, wir freuen uns ja, dass wir das nun endlich so vielen Leuten vorstellen können. Genauso gerne möchten wir aber neue Songs spielen. Ein paar neue Nummern haben wir ja schon und wenn wir jetzt ein paar Wochen Urlaub machen, werden noch mehr geschrieben.

Superstar Tradesman – Video



Was unterscheidet euch deiner Meinung nach vom Gros der anderen Bands im Großbritannien dieser Tage?

Keine Ahnung. Wir sind eine ganz normale Band. Vielleicht sind wir ein bisschen spontaner, haben eine etwas direktere Herangehensweise. Jedenfalls gibt es eine Menge dieser Bands im UK, die uns mögen.

Gibt es denn auch welche, die ihr mögt?
Klar. Ich mag The Horrors, Jamie T. und viele mehr.

Im Gegensatz zu vielen anderen neuen Bands habt ihr ein relativ breites Spektrum, von Halbballaden wie “Claudia” über poppige Midtempo-Nummern wie “Dont Tell Me” bis hin zu krachigem Punkrock der Marke “Wasted Little DJs”.
Das kommt wahrscheinlich durch unsere früheren Erfahrungen als Coverband, wo wir ja auch querfeldein alles nachgespielt haben. Generell wollten wir nie fest einem Genre zugeordnet werden, das ist langweilig.

Wie steht ihr zu Blättern wie dem NME, die euch zwar einerseits sehr unterstützen, andererseits aber auch jedes Skandälchen im Zusammenhang mit euch und anderen Bands hinterm Ofen hervorzerren?
Der NME ist schon wichtig für junge Leute bei uns. Wenn du jung bist, kann er dir dabei helfen, eine Menge guter Bands zu entdecken. Allerdings sollte man sich im weiteren Verlauf aus anderen Quellen informieren. Denn wie dann über diese Bands geschrieben wird, das kann und sollte man einfach nicht ernst nehmen.

Die Jungs beim NME haben immer so markige Zitate, da kann man als Journalist fast neidisch werden. Führen die so gute Interviews oder wird da viel gefälscht? Du müsstest es ja aus erster Hand wissen – wird man im NME im Allgemeinen korrekt zitiert?

Nie! Wir werden grundsätzlich falsch zitiert, ohne Ausnahme. Keine Ahnung, ob das am schottischen Akzent liegt, aber das stimmt tatsächlich nie. Aber was soll’s, sie unterstützen uns gehörig.

Ihr kommt ja auch gerade von der NME-Tour, richtig?
Genau, mit The Horrors und The Automatic. Mit ersteren sind wir gut befreundet.

Wie man hört, waren die Album-Aufnahmen mit Oasis-Produzent Owen Morris im letzten Frühjahr ein fröhliches Vergnügen?

Das kannst du annehmen. Eine zweiwöchige Non-Stop-Party, sehr witzig!

Wie würdest du eure Heimat Dundee beschreiben?

Sehr working class, sehr industriell. Wir fühlen uns da wohl – sehr nette, bodenständige Leute.

Trotzdem ein Ort, aus dem man so schnell wie möglich raus will?

Nein, wir mögen Dundee und dort sind ja auch all unsere Freunde. Klar, wir wollten immer in einer Band spielen, aber nicht um uns möglichst schnell vom Acker zu machen, sondern weil wir Musik lieben.

Also gibt es zunächst keine Umzugspläne, nach London etwa?
Noch nicht. Allerdings ist es tatsächlich eine alter Traum von mir, wenn ich genug Geld habe, in London ein Hausboot zu kaufen.

Mittlerweile hast du ja auch andere Teile der Welt gesehen – ihr wart in Japan und den USA, was hat dir besser gefallen?
Japan war abgefahren! Das ist wie in einem riesigen Computerspiel dabei zu sein, sehr surreal.

Text: Torsten Groß