Auch wenn die Band ausnahmslos aus gutgebauten, ansehnlichen Jungfinnen besteht und beim Hören der Landsmannverweis zu HIM und The Rasmus unvermeidbar erscheint, sind Negative doch mehr als nur das inverse Abziehbild jener prominenten Kollegen. Weder vornehmlich der düsteren Seite noch völlig dem Strahlemann-Hüpfer-Rock verschrieben, schaffen es Sänger Jonne und seine Mannen dem schwelgerisch-hymnischen Hardrock-Pop ein neues – typisch finnisch – melancholisch angehauchtes Gesicht zu geben. Dabei stehen auf dem Debüt ‘Sweet & Deceitful’ Stadion-Synthesizer und Alternative-Authentizität anscheinend genauso wenig im Widerspruch, wie ein gepflegtes Achtziger Jahre Hair-Rock Äußeres zur kontemporären visuellen Vorstellung von einer Newcomerband. Aber da Negative Mark I bereits auf das Jahr 1997 zurückgeht, gehen sie trotz ihres zarten Alters als solche eh nicht mehr durch.

So verwundert auch nicht weiter, dass Jonne sich die wahrscheinlich gegensätzlichsten und polarisierendsten Frontmänner der letzten zwei Dekaden als musikalische Leitbilder auserkoren hat: Axl Rose und Kurt Cobain. “Die Band, die mich dazu gebracht hat, selbst in einer Rock’n’Roll Band spielen zu wollen, waren Guns N’Roses. Ich habe damals das Paris-Konzert im Fernsehen gesehen und es hat mich umgehauen, wie Axl dort mit seinem Mikroständer rumgewirbelt ist  –  genauso wollte ich auch werden.” Während also Aerosmith, Bon Jovi und auch Skid Row – deren Frontmann Sebastian Bach Jonne zumindest optisch einiges schuldet – in punkto Bühnenshow-Habitus und entfernt auch in melodischer Ausrichtung Pate stehen, rührt Suizidkandidat Cobains Einfluss eher aus dessen    
Punk-inspiriertem Pragmatismus. “Durch Nirvana habe ich gelernt, dass ich nicht so gut sein muss wie Hendrix, ich muss kein Maestro an der Gitarre sein, um meine eigenen Sachen schreiben zu können. Ich mochte schon immer die einfachen und starken Melodien, aber kombiniert mit einem starken Image.” Das Beste der Achtziger ohne den Antistar-Phlegmatismus der Neunziger, sozusagen, und dennoch romantisch und verletzlich genug veranlagt, um als vermeintliche böse Buben von all den kleinen heranwachsenden Herzdamen ignoriert oder gar ausgestochen zu werden. Süß und hinterlistig – in ihrer finnischen Heimat jedenfalls besitzen Negative nach Jonne Aussage trotz ihrer lieblichen Verpackung ein recht verruchtes Image. “Wir haben hier das Ansehen, dass wir total durchgeknallte Schwerenöter sind. Na ja, in jedem Team, egal ob Fußball, Eishockey, oder was auch immer – wenn zu viele aufgeregte Jungs in einem Raum sind, passiert nun mal ständig etwas. Wir haben eigentlich nur Spaß”, gibt Jonne verschmitzt zu Schadensprotokoll, nachdem er kurz vorher die Sache mit dem aus dem Hotelzimmerfenster fliegenden Fernseher gebeichtet hat. Und er ergänzt: “Die Menschen sollten einfach mehr von den Bands aus den Achtzigern lernen.” Was Showqualitäten, zartschmelzendes Songgespür und geschmackvolle Garderobe angeht: sicherlich.

Text: Frank Thießies