Thees, gestern Abend hast du noch in München gespielt, jetzt bist du keine zwölf Stunden später schon in Köln…
Das ist der Wahnsinn! Ich erinnere mich, dass wir letztes Mal noch in so einem klapprigen Bus nach München gefahren sind und keiner sich dafür interessiert hat. Und jetzt machst du Interviewtage in München. Ich kam da an und jemand wollte noch mit mir Fotos machen. Anscheinend kann man auf dem freien Markt Geld mit Tomte-Fotos verdienen, was mich natürlich anbockt, aber gleichzeitig so absurd ist.

Fangen wir vorne an. Die erste Tomte-Platte‚ “Du Weißt, Was Ich Meine”, war noch viel punkiger als die jetzigen.
Punk war das auch nicht. Das war so die Schnittstelle aus Hamburger Schule und Punk. Im Nachhinein hat Wiebusch mir mal erzählt: “Thees, du bildest dir doch nicht ein, dass eure erste Platte ist wie die erste Oasis oder die von den Arctic Monkeys. Ich habe euch nur einen Plattenvertrag gegeben, weil ich wusste, wenn ich das nicht mache, dann gibt euch kein Mensch auf der ganzen Welt einen Plattenvertrag. Und wenn ihr keinen Vertrag kriegt, werdet ihr euch auflösen. Ich wollte aber, dass ihr weitermacht, weil ich gesehen habe, was in euch schlummert.” Davon auszugehen, dass die Platten besser werden, ist natürlich ein extrem visionärer Gedanke.

Er hat dich eigentlich nur unter Vertrag genommen, damit Platte zwei, drei und vier existieren können?
Genau so. Das hat er mir echt mal gesagt, und das demonstriert mir die Schlauheit eines Marcus Wiebusch’ und das Altruistische in ihm.

Hast du künstlerisch mit der Zeit und der Platte abgeschlossen, da ihr nichts mehr live von damals spielt?
Wir nehmen wieder ein Lied auf ins Repertoire, wenn wir jetzt proben. Aber das war eine andere Zeit. Ich war 24, als ich meine erste Platte aufgenommen habe. Bei vielen Bands ist es halt so: Erste Platte gleich bang, Volltreffer und dann bleibt es halt meistens gleich oder wird ein bisschen schlechter. Ich würde sagen, dass nur wenige Bands von Platte zu Platte besser werden.

Von euch würdest du es behaupten…
Ich würde es behaupten. Typen, die sagen, “Eure erste war die geilste Platte”, würde ich als Typen geil finden, aber künstlerisch könnte ich die Meinung nicht vertreten. Ich weiß, warum wir das damals so gemacht haben. Ich musste mich da auch noch selbst finden, da war ich noch in diesem Mist gefangen. Wir haben aufgenommen im Soundgarden Studio, da sind wir halt ausgeflippt. Das war das Blumfeld/Tocotronic-Studio. Wir waren da auch nur drei Tage, aber vom Flash waren das 300 Tage. Dann standen auch noch die Flugzeugsitze vom ersten Tocotronic-Cover, das fanden wir natürlich mördermäßig.

Stammt von dieser musikalisch wilderen Zeit auch deine immer noch anhaltende Sympathie zu den Toten Hosen?
Mein erstes Konzert in meinem Leben waren die Toten Hosen. Und so was vergisst man nicht, wenn du da herkommst, wo ich herkomme. Wahrscheinlich bin ich 50 Bands dankbar, aber ich bin auch den Toten Hosen dankbar, weil die mir mein erstes Konzert und damit auch ein fantastisches Erlebnis beschert haben. Das war Rock’n’Roll-Explosion beim kleinen Uhlo. Hingefahren, gesoffen wie die Löcher, der spätere Bassist von Tomte ist dann auch da umgekippt und jemand ist ihm auch den Nacken gesprungen, er musste sofort ins Krankenhaus. Also mit Verlust wieder zurück gefahren aufs Dorf.

Dann kam das zweite Album, das sich schon musikalisch zu den neuen einordnen lässt.
Da hat Wiebusch auch gesagt: “Ich mache eure nächste Platte nicht, wenn ich die mache, dann bleibt sie in der Punk-Szene. Das bringt euch nichts. Wir haben auch viel in der Punk-Szene gespielt und die Leute mochten uns einfach nicht. Zu schwul, zu weich, zu lächerlich.” Das ist mir auch klar, dass die uns doof fanden, die kamen halt aus der Szene, wir nicht.

In diesem Moment klingelt das Telefon und Wiebusch ruft an.
Wiebusch will wieder seine ganze Sippe heute Abend auf die Gästeliste fürs Konzert setzen.

Aber zurück zum Thema.
Auf Labelsuchen hatten wir keinen Bock, wir haben auch keine Demos rumgeschickt. Ich weiß noch, dass sich Carol von Rautenkranz von ‘Lado’ mal selbst in den Proberaum eingeladen hat und meinte: “Finde ich nicht so geil.” Wir hatten ihn aber gar nicht gefragt. Dann haben wir es selber gemacht und die Platte in neun Tagen aufgenommen. Das war die Zeit, wo dann auch der Personalwechsel losging. Stemmi, der alte Bassist, ist am letzten Tag des Mischens ausgestiegen, weil er gemerkt hat, dass ich das mit einer Bedingungslosigkeit durchziehen will, die er nicht mittragen wollte, da er einen spitzenmäßigen Job bei Radio Hamburg gehabt hat. Wir haben im Proberaum aufgenommen, und bei manchen Songs hat man das Gefühl, das leichte Grundrauschen in den Songs sei sicher Absicht. Ist aber nicht so – in Wahrheit war das die Metalband, die im Stockwerk drunter geprobt hat. Das ist natürlich geil. Mischpult war halb kaputt, Stemmi musste immer simultan umstecken: “9 auf die 17, 8 auf die 24”, hatte zig Kabel in der Hand und musste die Regler freikratzen, weil die schon am Oxidieren waren. Und für neun Tage im Proberaum kann sich die Platte echt hören lassen. Stücke wie “Wilhelm, Das War Nichts” singe immer noch mit einer großen Inbrunst. Es ist mir gelungen, ein Lied für mich zu schreiben, was noch genauso so stimmt. Da mache ich mich vor mir selbst überhaupt nicht lächerlich. Wir hatten dann zum ersten Mal auch so eine Ahnung: Vielleicht sind wir doch nicht so eine beschissene Band, vielleicht sind wir sogar eine ziemlich geile Band. Plötzlich waren auf den Konzerten nicht mehr 20, sondern 60 Leute. Das war einer der wichtigsten Schritte in meiner Bandkarriere – hört sich wahrscheinlich dämlich an, aber plötzlich waren da Leute. Das war dann wieder der totale Flash.

Dann kam mit “Hinter All Diesen Fenstern” die erste Platte auf dem eigenen Label, und die erste erfolgreiche.
Muss man so sagen. Ich weiß noch, wie ich die Treppen ins Studio immer hoch gegangen bin und gebetet habe, dass “Hinter All Diesen Fenstern” so gut wird wie “Eine Sonnige Nacht”. Der Rest war mir echt egal. Man hat auch irgendwann gar kein Gefühl, ob man jetzt gute oder schlechte Musik macht. Es war auch die erste Platte mit einem Produzenten. Sven Meyer ist wahrscheinlich das für uns, was Moses Schneider für die Beatsteaks ist. Das ist ein Typ, der sagt: “Wir machen das so.” Und er hat total Recht. Da hätten wir vier Jahre im Proberaum stehen können und wären nicht darauf gekommen. Ich habe auch wenig Erinnerungen an die Zeit, ich weiß gar nicht mehr, wie ein Lied wie “Schönheit Der Chance” entstanden ist. Ich weiß noch, dass wir immer gesagt haben: “Lass und mal den Clash-Song spielen. Mehr weiß ich nicht. Ich weiß nicht, wie der Text entstanden
ist, ich weiß nicht, wie die Musik entstanden ist. Das nächste, was ich weiß, ist der Moment, als wir die Songs dann im Studio gehört haben. Da war ich dann von meiner Band selber süchtig. Ich fand das total geil. Ich konnte nicht glauben, dass wir das geschafft haben, weil wir die Tomte-Typen sind: Der Schlagzeuger, der mich kennt, seitdem ich zwei bin, dieser komische, zähneknirschende Bassist, der verrückte Sänger und dann noch der begnadete, aber leider total durchgeknallte Gitarist – und plötzlich fließt da aus unserem Händen Kunst raus.

Das neue Album “Buchstaben Über Der Stadt” ist entstanden in einer Zeit, als es dir besser ging als noch bei den Aufnahmen zu “Hinter All Diesen Fenstern”. Geht man da anders an die Sache ran?
Ja, es wäre lächerlich gewesen, wenn ich so weiter gesungen hätte. Das würde überhaupt nicht stimmen, ich bin nicht mehr die selbe Person. Es sind viele Sachen passiert, um mich herum, die ausnahmslos gut sind, dann darf ich mir das nicht antun, Sachen so zu singen wie früher. Und ich darf das jedem Plattenkäufer nicht antun, es wäre wirklich Betrug. Und da musste ich kämpfen. Ich habe genauso angefangen: “Hansibamsi, mein Leben läuft nicht.” Ist doch quatsch. Irgendwer hat gerade den Himmel geöffnet und hält eine Taschenlampe auf dein Leben und alles ist erleuchtet. Das musste ich lernen, und das ist mir Gott sei Dank gelungen.

Waren die Aufnahmen ein schwerer Prozess, zwischen all den anderen Projekten, die ihr habt?
Man muss mal sagen, ich habe mit der letzten Platte so viele Sachen erlebt, die ich mir nie zu träumen gewagt hätte. Klar, ich habe immer Oasis geschrieen und wollte in deren Liga, wusste aber selber, dass das Quatsch ist. Aber plötzlich spielen wir dann mit Coldplay. Da habe ich mir und meinem Gehirn die Auszeit gegönnt und das ein Jahr lang einfach genossen: Meinen Status, meinen Standard, Musik zu machen auf der Bühne und da war dann kein Platz für neue Songs.

Max Schröder ist nun offiziell das fünfte Bandmitglied und du hast nicht mehr alle Songs alleine geschrieben. Wie sind die Songs als “neu formierte Band” entstanden?
Wir haben als Tomte noch nie so sehr zusammen Musik gemacht haben. Wir haben
zusammen an diesen Songs rummusiziert, aber nicht nach dem Motto: “Wir haben keine Idee, lass uns mal jammen”, sondern: “Das ist die Skizze und jetzt gucken wir mal.” Ich weiß gar nicht, wie es besser ist, aber es hat mir einfach totalen Spaß gemacht, mit diesen vier Leuten Musik zu spielen. Wir spielen jetzt Lieder mit drei Gitarren, so was bockt mich an.

Sven Regener spielt sogar Trompete auf dem Album.
Wenn Sven Regener dich gut findet, dann machst du irgendwas richtig. Ich bin halt bekannt mit dem, das ist mein Freund. Das ist schon geil, und wenn der dann auch noch den Promotext für uns schreibt, ist das wie ein Geschenk. Ich bin nur ein kleines Stück entfernt davon, mir den Text zu Hause an die Wand zu nageln, weil ich das so schön finde, was der geschrieben hat. Und der kann richtig gut Trompete spielen. Wenn du dann die goldene Trompete von Kreuzberg in einem guten Studio mit spitzen Boxen und Mikro hörst, denkst du auch nur: “Scheiß auf die E-Gitarren!”

Du warst in den USA und hast Vorträge gehalten. Worüber?
Über deutsche Pop-Musik mit musikalischen Beiträgen und geschichtlichem Abriss. Und ich habe versucht zu erläutern, warum es in Deutschland anders ist, deutsche Musik zu machen, als wenn ein Amerikaner in Amerika Musik macht.

Wie kam es dazu?
Da kam eine e-mail: Könnten Sie bitte nach Amerika kommen und Vorträge halten, wir zahlen auch die Flüge. Ich habe noch die von mir sehr geschätzte Band The Weakerthans besucht und durfte da schlafen, weil ich die schon lange kenne. Sowas sind große Momente für mich.

Ist der Song “New York” von diesem Trip inspiriert worden?
Ja, eine Person meines Lebens, die ich nicht missen möchte, ist dann nach New York gekommen und wir haben dort “romantic holidays” verlebt. Der Song soll nicht als dämlicher Liebessong rüberkommen, sondern der Song ist mehr für mich. Mir wurde in New York bewusst, wie fundamental gut ich mich fühle. Ich konnte hinter alles bei mir einen Haken setzen und sagen: Spitzenmäßig. Das war sehr wichtig für mich, weil ich immer viel mit mir selbst gehadert habe. Ich hatte jemanden getroffen, der bei mir Konflikte aufglöse, die ich seit meinem zehnten Lebensjahr hatte. So ein tolles Gefühl muss dann auch in der Tomte-Welt
gesungen werden. Ich könnte mich auch ins Private zurückziehen und mir für Songs Themen ausdenken, aber das packe ich nicht. Ich muss darüber singen, sondern würde explodieren vor Glück.

Wo kommen die Ideen zu deinen Texten her?
Alle Initialzündungen, die ich bekomme, entstammen immer Musik. Zum Beispiel singe ich “Reservoir” bei “New York” nur, weil ich die Trail Of Dead-Platte gehört habe und dachte, dass der “Reservoir” singt. Tut er aber gar nicht. Das hat dann geknallt im Zug, wo ich alles geschrieben habe. Wenn ich Musik höre und drüber nachdenke, fallen mir halt Sachen ein. Das hat auch nichts mit Rock-Musik zu tun- Ich höre auch Jay Z und Linkin Park, und plötzlich habe ich da
eine Vokabel, die inspiriert mich zu was anderem.

Und die Musik?
Wo ist denn meine klassische Klauidee? Ich glaube, wir sind schon so lange Tomte, dass uns das Klauen schon gar nicht mehr auffällt. Wir denken nur: “Ah, das sind wir.” Vielleicht ist es mittlerweile auch so zusammengeschustert, dass wir das wirklich sind. The Streets haben mich beeinflusst. Ich habe viel bei Madsen in einer ausgebauten Scheune auf dem Land komponiert. Da habe ich The Streets gehört und plötzlich angefangen, Musik zu machen. Natürlich hört sich nichts auf der Platte nach den Streets an, aber Mike Skinner ist einfach ein
Typ, den ich total super finde, für das, was er macht.

Die letzte Platte war so teuer wie das Haus deiner Eltern. Wie teuer war diese?
Genauso teuer.

Verändert sich da der Bezug zum Geld?
Nein. Ich wusste, dass ich einer spitzenmäßigen Band spiele und dass auch spitzenmäßige Menschen zu meinen Konzerten kommen, von denen keiner es mir übel nimmt, dass die Platte so teuer war. “To Live and To die for.” Es kamen keine Leute und meinten, sie würden uns nicht mehr hören, weil die Produktionen der Platten jetzt einiges kosten. Die haben es mir gegönnt, endlich mal eine gute Platte aufzunehmen. Ich habe eine persönliche Beziehung zu jedem Euro auf meinem Konto. Ich bin auch immer noch weit davon entfernt, reich zu sein. Es ist ein fantastisches Gefühl, endlich von dem leben zu können, was ich seit Jahren
mache.

Gibt es Grenzen des Erfolges, die du nicht überschreiten möchtest?
Der Erfolg ist zu mir gekommen, während ich einfach das gemacht habe, was ich gemacht habe. Ich habe keine Angst vor Erfolg, keine Angst vor Menschen. Ich glaube, dass 2.000 Leute bei unseren Konzerten wohl fühlen. Alles andere muss man halt gucken. Tomte sind die langsamste Eisenbahn, die einen Berg hochfährt. Ich weiß auch nicht, ob wir oben sind, oder ob der Berg noch weiter geht. Ich weiß nur, dass alles, was ich mit meiner Band gemacht habe, immer ein Erfolg war. Es gab nie einen Misserfolg, und das ist geil. Wir haben aber auch unsere Erfolgspunkte lächerlich klein angelegt, dass man sich damit auch motivieren kann. Andere gründen ihre Band und sagen: “Wir wollen einen dicken Plattenvertrag haben.” Wir haben einfach nur Musik gemacht. Weil uns verdammt langweilig war auf’m Dorf. Dann ist alles ein Erfolg: Der nächste Auftritt, in Hamburg spielen. Auf dem Hurricane oder vor Coldplay spielen ist schön und gut, aber das ist nur ein Unterschied in der Dimension. Es war schon ein totaler Erfolg, als jemand uns gefragt hat, ob wir in der Roten Flora spielen wollen. Da habe ich mich genauso gefühlt wie bei der Coldplay-Anfrage. So soll es sein, so war’s erdacht. Rock’n’Roll.

Neben der Musik schreibst du für verschieden Magazine und Zeitschriften und hast die Tocotronic-Tourtagebücher geschrieben.
Ich sage von mir immer noch, dass ich gar nicht schreiben kann. Ich wollte auch gar nicht schreiben. Ich habe damals zu Tocotronic gesagt: “Soll ich ein Tourtagebuch machen, für eure Website? Das kannte ich aus Punk-Zusammenhängen: “Wir holen Keule bei seinen Eltern ab, Atze trinkt schon Bier im Bus. Die Nazis haben sich angekündigt, wir sind alle blau, Atze kotzt.” Das habe ich immer gerne gelesen, was so auf Tour passiert ist. Irgendwer hat beschlossen, dass das gut ist. Schreiben ist für mich ein purer Kick, ich will der erste sein in der ernstzunehmenden Musikpresse, der wieder einen guten Hosen-Artikel schreibt oder ich will den besten Oasis-Artikel weltweit schreiben oder ich will der sein, der Turbonegro auf ein intellektuelles Level hebt, ob es stimmt oder nicht.

Du hast in Köln und Hamburg gelebt. Jetzt lebst du in Berlin. Kannst du ein Städtefazit ziehen?
Hamburg ist die Stadt, in der ich die wichtigste Zeit meines Lebens verbacht habe. Ich bin kein Heimattyp. Ich könnte in jedem Ort der Welt glücklich sein, wenn alles stimmt. Ich habe Köln und Hamburg nicht im Hass verlassen. Ich ziehe halt gerne um. Acht Jahre sind eine gute Zeit. Vielleicht ziehe ich in acht Jahren nach Leipzig oder Dresden.

Wie geht es mit der Hansen-Band um Jürgen Vogel weiter?
Wissen wir selbst noch nicht. Jetzt ist erst mal Tomte und dafür brauche ich Zeit.

Hast du eine Quintdezenz aus dem Projekt ziehen können?
Ich kann besser Gitarre spielen als Wiebusch, beziehungsweise er spielt Punk und ich spiele Brit-Pop. Max Schröder ist ein glücklicher Mensch geworden. Meine Mutter hat Jürgen Vogel Socken gestrickt, was auch sehr Gaga ist. Heike Makatsch schreibt über mich, dass ich mittelpunktsüchtig bin. Bodenlose Frechheit. Und ich kann mehr saufen, wenn ich nur Gitarre spielen muss.

Du bist großer Oasis-Fan. Hast du nicht mal Bock, einen Brit-Pop-Song zu schreiben?
Das wollte ich ja bei “So Soll Es Sein”. Ich wollte derbe Oasis-Breitwandgitarren haben, drei total verzerrte Gitarren, die ineinander greifen mit Rückkopplung. Als ich das dem Rest der Band erklärt habe, wurde ich entgeistert angeguckt – bis Dennis Becker hysterisch angefangen hat zu
lachen und dann haben alle mich ausgelacht.

Wollt ihr immer noch eine Platte auf Englisch aufnehmen?
Wir wollten direkt nach “Hinter All Diesen Fenstern” eine Platte auf englisch rausbringen. Das hat nicht geklappt, weil es mir nicht gut ging, und dann ist das zerrieben worden im Arbeitsalltag. Ich habe aber immer noch Bock darauf. Mein Gedanke ist nicht: “Mal gucken, ob wir irgendwie berühmt werden in fucking London”, sondern ich fühle mich den Arctic Monkeys näher als Juli. Daher der Drang, das Ganze mal auf englisch zu machen. Auch um überall spielen zu können, denn wenn wir momentan nach Texas eingeladen werden würden, dann hätte es dieses lustige: “Ah, deutsche Rock-Musik.” Ich fühle mich auch als internationale Band, wir sind von der Musik her auf einem internationalen Standard. Ganz viele deutsche Bands, die ich auch selber toll finde, funktionieren nur in diesem Land. Weiter draußen ist das nur noch Musik für Austauschschüler. Und da denke ich bei Tomte, dass wäre nicht so. Dann könnten wir locker bei Coldplay auf der ganzen Welt im Vorprogramm spielen.

Warum taucht Humor bei euch nur in den Ansagen auf Konzerten und nicht in den Songs auf?
Humor in meinen Songs interessiert mich nicht. Ironie in Musik ist eine Pest. Olli Schulz kann das mit seiner gewissen Härte noch total gut. Alles, was nicht Olli Schulz ist, biedert mich an. Das ist dann dieses Pro7-Quatsch Comedy Club-Ding: Wir machen mal einen witzigen Song! Witzige Songs finde ich einfach dämlich. Ich habe es immer gehasst, Fun-Punk fand ich immer scheiße. Die wiederum werfen uns vor, dass wir nur ernste Songs schreiben. Da frage ich mich dann: Sagen die das nur, weil sie es nicht bringen, einen ernsthaften Song zu
schreiben? Die ganze Welt singt doch über Scheiße, dann dürfen ich und Judith Holofernes doch mal über ernste Sachen schreiben.

Text: Max Knaut