Keren Ann Zeidel wurde 1974 in Israel geboren, lebt aber seit geraumer Zeit in Paris. Mit der “neuen Welle des französischen Pop” will sie dennoch nichts zu tun haben. Kein Problem! Zwar sang sie zu Beginn ihrer Karriere (auf “La Biographie De Luka Philipsen”, 2000, und “La Disparition”, 2002) noch ausschließlich auf Französisch, doch spätestens mit “Not Going Anywhere” (bei uns 2004 veröffentlicht) war klar, dass es sich bei der Musik von Keren Ann um weit mehr als ein kurzlebiges, Genre-abhängiges Phänomen handelt.
Nicht nur waren die Texte der elf Songs durchgängig auf Englisch, auch die Musik präsentierte sich durchaus folky und anglophil, rief Nick Drake, Sandy Denny und Belle & Sebastian ins Gedächtnis.
“Nolita” nun, das vierte Solo-Album von Keren Ann, wurde in Paris und New York aufgenommen. Es verquickt gewissermaßen das beste aus beiden Welten – Texte in beiden Sprachen sowie ein Mix aus akustischen Gitarren und elektronischen Sounds unterlegen die Geschichte einer gewissen Alice…

Auf dem Cover von “Nolita” bist Du zweimal abgebildet. Steht die eine Keren Ann für Paris, die andere für New York?
Keren Ann: Das ist eine Möglichkeit, aber da hätten auch 15 Versionen von mir sein können. Ich denke, in einem Song bist du immer Du selbst und gleichzeitig ist da ein Erzähler, eine besondere Perspektive, aus der Du deine Gefühle betrachten kannst. Man überträgt sie immer auf jemand anders, selbst wenn es die eigenen Gefühle sind. Also könnte eine der beiden Figuren Alice sein, die andere ich… Es gibt da aber viele Deutungsmöglichkeiten.

Du hast gerade “Alice” erwähnt. Da ist zum einen der “Song Of Alice”, der das Album abschließt – dann ist da aber auch diese grinsende Katze
auf dem Cover abgebildet, die an “Alice Im Wunderland” erinnert…

Keren Ann: Stimmt. Aber die Katze repräsentiert ebenso New York, das Bedrohliche und die Boshaftigkeit. Lewis Carroll sagte einmal, “Ich habe schon ein Lächeln ohne Katze gesehen, aber noch nie eine Katze ohne Lächeln…” Es könnte aber auch einfach die Katze von Alice sein, der Person, die in jedem Song vorkommt.

Etwa die Hälfte der Songs ist auf Französisch, die andere auf Englisch. Hängt das davon ab, wo die Songs aufgenommen wurden?
Keren Ann: So habe ich die Arbeit eigentlich nicht aufgeteilt.  Ich habe einfach in meiner Pariser Wohnung die Aufnahmen begonnen, die Gitarren und die Songgerüste – und dann das Album in einem kleinen Studio in New York Fertig gestellt.

Ist es nicht komisch, in der Wohnung zum Beispiel Gesang aufzunehmen? Fragt man sich da nicht, ob die Nachbarn das alles mitkriegen?
Keren Ann: Oh, in Paris wohne ich im Dachgeschoss, da musste ich nur
den Boden schalldicht machen…

Auf dem Album ist ein Song namens “Chelsea Burns”. Bei New York und Chelsea fallen mir die Ramones, The Velvet Underground und das berühmte Chelsea Hotel ein…
Keren Ann: Einige der Geschichten auf “Nolita” spielen auch im Chelsea Hotel, in dem Alices Lieblings-Rockstar wohnt. Eines Tages verschwindet er und dann kursieren Gerüchte, dass Alice deswegen das Hotel angezündet habe… Das ist ungefähr die Geschichte von “Chelsea Burns”. Chelsea ist auch nur zehn Minuten Fußweg entfernt von Nolita…

Also bezeichnet der Titel einen Ort. Meine erste Assoziation war die, dass es eine Verneinung von “Lolita” sein könnte…
Keren Ann: Auch hier sind natürlich alle Interpretationen erlaubt. Aber eigentlich, ja, ist mit Nolita eine Gegend in New York gemeint – North
Of Little Italy.

Deine ersten beiden Alben waren rein französisch, “Not Going Anywhere”, dein drittes, war komplett auf Englisch. Auf dem vierten, “Nolita” gibt es nun Songs in beiden Sprachen.
Keren Ann: Ich habe schon immer in beiden Sprachen Songs geschrieben, aber ich wollte sie bisher nicht mischen. Auf “Nolita” gibt es aber
diese Homogenität im Sound. Außerdem ist die Story von Alice und ihren New Yorker Erlebnissen und Mysterien stark genug, den Sprachwechsel
bedeutungslos zu machen. Sprache ist auf diesem Album nur eine physikalische Form für die Emotionen – das ist für mich der Idealfall. Als Teenager habe ich Carole King und Francoise Hardy gehört, die eine auf Englisch, die andere auf Französisch – und sie haben mich beide gleich berührt.

Du sprichst mehrere Sprachen – in welcher Sprache denkst Du normalerweise?
Keren Ann: Ich glaube, das hängt davon ab, welche Sprache ich hauptsächlich gerade spreche, also wo ich mich aufhalte.

Fühlst Du Dich demnach auch in mehreren Sprachen zuhause, ist es egal, ob Du auf Englisch oder Französisch Lieder schreibst?
Keren Ann: Eigentlich sind Sprachen für mich insgesamt eher geheimnisvoll. Ich spreche wohl keine richtig fließend, deswegen schreibe ich auch – da gibt es mehr Möglichkeiten mit Sprache zu arbeiten. Viele Worte überraschen mich stets aufs Neue.

Ich habe gehört, dass Du nicht nur für die musikalische Seite Deiner Karriere zuständig bist, sondern Dich auch selbst managst?
Keren Ann: Nein, nicht mehr. Seit einem Monat habe ich einen Manager! Das heißt, zur Zeit meiner ersten beiden Alben hatte ich einen französischen Manager, mit dem ich immer noch befreundet bin. Dann bin ich nach Amerika gegangen und dort habe ich keinen Manager gefunden. Also habe ich mein eigenes Label gegründet, ‘Yellow Tangerine’, und mich um alles selbst gekümmert. Das lief auch eine ganze Weile recht gut. Aber dann habe ich all diese Angebote von Plattenfirmen bekommen, und um dies alles zu koordinieren, brauchte ich dann doch wieder einen Manager.

Aber Du hast nach wie vor das letzte Wort…
Keren Ann: Ich kenne keinen Künstler, der nicht sagt, wo’s lang geht! Wer auch immer was anderes behauptet, lügt – schließlich engagiert doch der Künstler den Manager. Mit Plattenfirmen sieht das vielleicht anders aus, aber der Künstler bezahlt doch den Manager, und wer den Scheck ausstellt, ist der Boss. “Er konnte nicht kommen, sein Manager hat’s verboten!”? Alles nur Ausreden für die faulen Musiker! Es ist bequem und lässt den Musiker als guten Menschen dastehen, während der
Manager der Buhmann ist… Hey, so werde ich das von nun an auch immer
machen!

Text/Interview: Torsten Hempelt