Mit der Nominierung von Frei.Wild für den ECHO 2013 sind die Vorstände des Bundesverband Musikindustrie in ihre eigene Falle gegangen. Wer nicht auf Qualität sondern auf Charterfolg achtet, der tritt schon mal dorthin, wo manche den braunen Sumpf vermuten.

In England und den Vereinigten Staaten, der Heimat der von den deutschen Machern bewunderten Vorbilder Brit-Awards und Grammy, hätte solch eine Panne niemals passieren können. Ein Fehler um daraus zu lernen. Selbst Adolf Hitler wusste, dass Süd-Tirol nicht zum Reich gehört. Bei seiner Rückfahrt aus Rom im Mai 1938 ließ er die Vorhänge schließen und den Zug ohne Halt durch die Städte des nach dem ersten Weltkrieg an Italien gefallenen Gebiets fahren. „Der Führer“ soll kein guter Schüler gewesen sein, aber die Vertreter des deutschen Bundesverband Musikindustrie haben entweder noch schlechter in Geographie aufgepasst als Adolf Hitler, oder denken noch expansiver als dieser. Die Band Frei.Wild die plötzlich in der Kategorie Rock/Alternative National auftauchte stammt aus Brix – einem Ort in Alto Adige, wie der Italiener sein Südtirol nennt.

National steht beim Echo der deutschen Musikindustrie nicht für die Gesinnung, sondern für das Gebiet. Integration leicht gemacht: eilig müht sich jetzt ein Sprecher des Verbandes festzustellen, dass bei den Düsterrockern von Frei.Wild ein Bandmitglied wohl die deutsche Staatsbürgerschaft besitze und die Band Deutsch singe, die Kriterien somit erfüllt seien. Bei Stefanie Heinzmann galten diese Kriterien für ein Großdeutschland jenseits der Grenzen von 1941 noch nicht: Im Jahre 2009 wurde die Interpretin aus dem Schweizer Kanton Wallis zu ihrer eignen Verblüffung mit den Echos „beste Künstlerin Rock/Pop National“ und „Erfolgreichster Newcomer National“ ausgezeichnet. Sie singt ausschließlich Englisch, genauso wie Guano Apes, die im Vorjahr vom Verband als Kandidaten in der Kategorie „Rock/Alternative National“ benannt worden waren.

Das eigentliche Problem mit der Aufstellung von Frei.Wild liegt aber nicht in deren italienischen Herkunft begründet. Am Ende des Tages sind Frei.Wild, ähnlich wie die vermeintlichen Rechtsrocker von Böse Onkelz nur mäßig begabte Deutschrocker, von denen man ohne die Storys über ihre Vergangenheit im braunen Sumpf kaum Kenntnis jenseits einiger Jugendclubs erlangt hätte. Der Reiz des Verbotenen hat diese Clowns vorne in die Charts gespült und deshalb war man der Meinung sie beim Echo aufstellen zu müssen. Eine Willkommene PR Kampagne für eine eigentlich überflüssige Band. Sie liegt im System begründet: Beim unserem, deutschen Schallplattenpreis zählt nicht die Qualität oder künstlerische Leistung, sondern in den relevanten Kategorien fast ausschließlich die Ergebnisse aus den Charts.

Die Regularien des “Echo” hätten sich “in den letzten 20 Jahren etabliert und bewährt”, sagt Florian Dücke, der smarte Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. Grundlage sind die Bestplatzierten der offiziellen Top-100-Charts vom 24. Februar 2012 bis 21. Februar 2013, ermittelt durch media control, ergänzt angeblich um das Votum der ehemaligen Echo Gewinner und Verbandsmitgliedern. Letzteres wurde früher nur dann einfließen gelassen, wenn sich „nationale“ Echo Gewinner bei der Veranstaltung nicht sehen ließen und man einen Ersatz brauchte. Das scheint sich nicht geändert zu haben, denn trotz Beschwerde bekommen selbst mehrfache Echo Gewinner wie Marius Müller-Westernhagen bis heute keinen Abstimmungsbogen zugesendet.

Die Vorstellung mit Frei.Wild in einem Atemzug genannt zu werden löste bei Bands aus derselben Kategorie wie Kraftklub, Mia und den Ärzten blankes Entsetzen aus. Sie sagten ihr Erscheinen auf der Veranstaltung ab. Nur Unheilig schwiegen. Das mussten die Aachner um den Grafen auch tun, schließlich haben sie mit Frei.Wild schon den Produzenten geteilt – eine Absage wäre da schräg und unehrlich gekommen. Charts hin, Charts her: am Ende blieb dem Verband nichts anderes übrig, als auf die eigenen, „etablierten und bewährten“ Regularien zu pfeifen und Frei.Wild wieder auszuladen. Erreicht haben die Entscheider damit, dass es jetzt wohl kaum einen gibt, der die Südtiroler Rechtsrocker nicht kennt, deren Fans einen Shitstorm gegen die kritischen Bands durchs Internet treiben (wenn auch teilweise an falscher Stelle) und jeder gemerkt hat, dass der Echo in dieser Form am Ende zu sein scheint.

Das ist Schade, denn Deutschland bräuchte eigentlich einen vernünftigen Schallplattenpreis. Es wäre toll, wenn es möglich wäre die Aufmerksamkeit eines Echos zu nutzen um Qualität zu fördern. Denn Qualität bringt die Musikwirtschaft (egal ob Major oder Indie, selbst veröffentlicht oder lizenziert) immer wieder hervor. Sie muss sich nicht wie bisher hinter vermeintlichen Massen und den Charts verstecken. Im Gegenteil, die Massen haben sich in Form von Umsätzen in der Digitalisierung fast halbiert, die Charts an Relevanz verloren, aber das Angebot ist vielfältiger und besser geworden. Der Bundesverband hält an Kriterien fest, die bestenfalls in den Neunziger Jahren relevant waren, als der Echo gegründet wurde.

In England und den USA hätte das Echogate mit Frei.Wild nie passieren können. Weder bei den Brit-Awards noch bei den Grammys sind Charts oder Verkaufszahlen das große Ding. Kandidaten qualifizieren sich nicht, sondern werden nominiert. Einigen auf die Shortlist müssen sich dabei die veranstaltenden Verbände. Alleine von der musikalischen Qualität hätte da jeder Frei.Wild mit so spitzen Fingern angefasst, dass sie durchs Roster gefallen wären. Keiner möchte seine Branche so dargestellt wissen. Das unterstelle ich auch meinen ehemaligen, deutschen Kollegen von den Major Companys.

Für die Brit-Awards und die Grammys lässt man dann Musikfachleute als Jury im Online-Voting abstimmen. Ähnlich geschieht es innerhalb der Akademie beim Oscar und dem deutschen Filmpreis. Es sind bei den beiden Musikpreisen Tausende, selbst ich bin dabei. Ähnlich ginge das auch in Deutschland. Im ersten Schritt sollte der BVMI auf sein Independent Pendant VUT zugehen. Man könnte sich gemeinsam einigen wer die Kandidaten benennen darf und über diese die jeweiligen Verbandsmitglieder, Musikkritiker, Radioredakteure und Händler abstimmen lassen. Die Menge wäre groß genug um nicht manipulierbar zu sein, sie wäre breit genug um aus dem Echo kein Festival verschrobener Kritikermusik zu machen.

Man habe nun begonnen, “die Anpassung dieser Regularien anzugehen, was wir mit Blick auf den aktuellen Fall nun weiter forcieren werden”, sagt Geschäftsführer Drücke der Presse. Das ist eine gute Botschaft. Auch die Wahl des Preisträgers für das Lebenswerk wird diesmal Haltung und Würde aufzeigen. Gern hätte ich dem Gewinner im Saal applaudiert, leider werde ich aber in Zürich sein, wenn in Berlin die Charts des letzten Jahres gefeiert werden.

Tim Renner