Nach 16 Jahren immer noch keine Angst davor, sich zu wiederholen. Tocotronic über Interpretationen, Meinungen und den “heißgeliebten” Diskursrock.

Am 22. Januar veröffentlichen Tocotronic mit “Schall & Wahn” ihr mittlerweile neuntes Album. Über 16 erfolgreiche Jahre liegen hinter der Hamburger Band. Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben? motor.de traf Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail in ihrem Proberaum in der Hansestadt. Ein Gespräch über die Angst vor Routine, das Glück mit der Interpretation und schön geschriebene Verrisse.

motor.de: “Schall & Wahn” — eure bisher heftigste Propagierung von Zwischenstufen, Ich-Auflösung und Vielheit. So steht es zumindest auf eurer Homepage geschrieben. Was sagt ihr dazu?

Arne: Wenn man da anfängt, weiß man nicht, wo man aufhören soll, hab ich gemerkt (lacht).
Jan: Das Schwierige daran ist, dass es ja eigentlich schon eine Interpretation ist, dieser Promotext, die ich auch für ganz geglückt halte. Das aber wiederum zurück zu erklären… Da ist man ja schon bei den grundsätzlichen Problemen von textlastiger Rockmusik, dass die Eigentinterpretation dessen, was da geschrieben ist, die ganze Sache so ein bisschen entmystifiziert.
Arne: Die Texte sind ja genau die Aussage, die man selbst nur treffen konnte, also das, was Dirk eben genau auf den Punkt gebracht hat und dann hat man ein ungutes Gefühl, wenn man wieder einen Schritt zurückgeht. Man nimmt dem so den Zauber und hat die Befürchtung, irgendwas gleich wieder kaputt zu machen, weil man ja eigentlich schon weiter war.

motor.de: Ist das nicht ein komisches Gefühl, wenn andere für einen die Promotexte schreiben?

Jan: Es ist immer so ein Sprung ins kalte Wasser, schwieriger ist es aber noch, die Promotexte selbst zu schreiben, womit wir vielleicht schon bei so einem Stück wie “Macht es nicht selbst” wären. Man versucht halt Leute auszuwählen, wo man denkt, die haben ein Verständnis von der Sache, das dem eigenen nahe kommt. Insofern ist es eigentlich ein ganz schönes Gefühl, weil die Schreiber im besten Falle auf etwas aufmerksam werden, was einem selber noch nicht so aufgefallen ist. Wir setzen uns ja nicht hin und sagen “So, was wollen wir jetzt aussagen?”, sondern viel geschieht über den Prozess beim Musizieren. Also in diesem Fall fand ich das eigentlich ganz gelungen. Es gab auch schon Texte, wo ich dachte, das ist jetzt aber ein bisschen überinterpretiert.
Rick: So ein Text muss auch für sich stehen können.

motor.de: “Im Zweifel für den Zweifel” ist ja auch so eine Aussage, die zum Interpretieren einlädt, aber gleichzeitig vielleicht nur eine schön klingende Formulierung. Wie steht es damit – formuliert ihr manchmal auch einfach nur nach dem Klang und der Schönheit der Wörter?

Rick: Wenn man Texte schreibt, muss das nicht immer die eigene Meinung sein. Man hat vielleicht eine Idee, was man interessant findet und lyrisch lässt man sich ein bisschen treiben. Letzten Endes sind es dennoch Rocktexte und man will auch reimen.
Jan: Sicher hat das einen Anteil, aber nur gut klingen, dem würde ich schon widersprechen. Da muss ich gleich an so was wie John Spencer Blues Explosion denken, ohne dem zu nahe treten zu wollen, aber da geht es ja nur um die Ästhetik und eine gewisse Geisteshaltung zu vermitteln, ist uns schon wichtig. Das Schwierige an der ganzen Sache ist, finde ich, dass Dirk vor die sehr anspruchsvolle Aufgabe gestellt ist, dass er mit dem, was er sagt, auch die anderen irgendwie vertritt. Im Extremfall, wie im zentralen Stück “Im Zweifel für den Zweifel”, sind wir ja auch so weit gegangen, dass es nur von Dirk mit Gitarre und der Streicherbegleitung aufgeführt wird. Das finde ich auch ganz wichtig, da es doch sehr viel persönlicher ist als andere Stücke. Aber um auf die Frage zurück zu kommen, denke ich, dass es beides ist, Ästhetik und Inhalt.

motor.de: Gibt es denn eurer Meinung nach heute noch einen “Diskursrock”?

Rick: Pff, das sind wir (lacht).
Arne: Wir sind unser eigener Diskurs.
Jan: Das denkt man manchmal so ein bisschen, weil wir, wenn wir eine Platte gemacht haben, auch immer wahnsinnig viel diskutiert haben. Die Proberaumaufnahmen für “Schall & Wahn” haben wir ja gleich hier nebenan gemacht und wir saßen bestimmt mindestens genau so viel Zeit auf dem Sofa hier und haben darüber gesprochen. Insofern ist das schon diskursiv (lacht). Aber jetzt der Austausch zwischen Bands, den gab es auf jeden Fall in den 90ern insbesondere in Hamburg.
Arne: Er hat sich eben sehr verändert. Die Konstellation, die es damals gab, wo der Begriff ja auch herkommt, die Bands, die ihn damals geprägt haben wie Blumfeld, Kolossale Jugend, Captain Kirk, Tobias Lewin, die Sterne und so, die haben sich alle sehr weiter entwickelt oder machen heutzutage ganz anderes. Das ist einfach sehr lange her und die Situation ist eine ganz andere. Wir kamen damals auch eher als nächste Generation und sind auf ein sehr angenehmes Umfeld unter diesen Musikern gestoßen. Das war aber eigentlich schon die vorherige Generation, als wir angefangen haben. Deswegen haben wir zu so einem Begriff wie Hamburger Schule – verdammt jetzt hab ich es gesagt (lacht) – eigentlich gar kein Verhältnis oder ein ganz distanziertes und eigentlich so ein bisschen ein humoriges, weil wir da doch eher außen vor standen und uns eigentlich von Anfang an immer um unsere eigene Achse gedreht haben.
Jan: Wobei schon ein gegenseitiger Austausch stattfindet. Als die Goldenen Zitronen hier gespielt haben, die sind ja auch so ein Urgestein, da waren wir auch da. Man beobachtet das dann schon, ich glaube aber, der Horizont ist weiter oder das Interesse für Musik geht natürlich darüber hinaus. Wäre ja auch schrecklich, wenn man nur im eigenen Saft kochen würde, ne?

motor.de: Dann mal wieder eine Standardfrage: Was zeichnet Schall und Wahn gegenüber euren anderen Alben aus? Warum sollte ich es unbedingt hören?

Jan: Musst du ja nicht, es muss keiner hören (lacht).
Rick: Nee, nee, das ist nur ein Angebot.
Jan: Für uns gab es auf jeden Fall einen Einschnitt seit Rick dazu gekommen ist mit dem Album “Pure Vernunft darf niemals siegen” und wenn ich die Entwicklung seit diesem Zeitpunkt betrachte, finde ich, das war ein sehr trockenes und auch geschlossenes Album und “Kapitulation” explodierte dann so ein bisschen, wie ja auch ein Titel hieß, da gingen dann mal die Verzerrer an. “Schall & Wahn” finde ich dagegen sehr aufgefächert und vielfältig. Wir konnten uns im Studio sehr mit Sound beschäftigen, weil wir mehr als sonst schon im Proberaum arrangiert haben. So ist ein Klang entstanden, den ich besonders finde und der sehr groß klingt, insbesondere bei großer Lautstärke entfaltet der so eine, wie ich finde, große Schönheit. Aber genug des Selbstlobes (lacht)…

motor.de: Besonders “Das Blut an meinen Händen” hat Gänsehautpotenzial, wegen dem Text, aber auch wegen dem Arrangement.

Rick: Richtig (lacht).
Jan: Das ist eines von drei Stücken mit den Streicher-Arrangements, wir haben da einen Neue Musik Komponisten für gewinnen können. Wir wollten ganz bewusst nicht diese typischen Rockstreicher haben, auch der Wille zum Experiment stand sehr im Vordergrund bei dieser Platte. Über einen Freund kamen wir auf den Thomas Meadowcraft, was auch wieder so ein Sprung ins kalte Wasser war, aber wir waren auch sehr positiv überrascht, dass sich da der Mut gelohnt hat.

motor.de: Zwar hast du gerade vom Mut zum Experiment gesprochen, aber “Schall & Wahn” ist euer neuntes Album. Droht man nicht irgendwann, sich zu wiederholen?

Rick: Ist es denn ein Problem, sich zu wiederholen? Also natürlich hat man irgendwo Angst davor, aber wenn ich eine Band höre und sie gut finde, erwarte ich nicht, dass sie mit jeder Platte das Rad neu erfinden. Ich glaube, man kann sich ruhig ein bisschen selbst zitieren. Man beeinflusst sich selbst auch ein bisschen durch das Spielen miteinander. Man entwickelt sich als Musiker miteinander und guckt, was man zusammen als Band musikalisch erreichen kann. Ich glaube, das hat auch die Platte beeinflusst, aber man kann nicht sagen, dass man jetzt das Rad neu erfunden hat. Man versucht vielleicht, neue Sachen reinzuholen, neue Soundideen wie Jan meinte und macht damit halt ein Angebot.
Jan: Ich finde die Wiederholung eigentlich ein sehr schönes Prinzip. Ich kann mir auch 20 Mal Monaco Franze angucken (lacht) oder meinen Lieblingsfilm “Cast Away”. Das ist gar kein Problem. Ich glaube, Angst haben wir eher vor der Routine, aber an den Punkt sind wir irgendwie nie gelangt. Dafür arbeitet man auch zu phasenweise, es gibt ja immer viele Pausen zwischendurch und irgendwann fängt man mit dem neuen Album an.
Arne: Manchmal sind es auch solche Automatismen, die man gar nicht so mitkriegt. Also, da wird einem unwohl, wenn es sehr routiniert wird oder sehr professionell und dann kommt es aus irgendeiner Person heraus, dass etwas anders gemacht werden muss. Ich glaube, das ist bei uns schon von Anfang an mit eingeschrieben, so eine gewisse Eigenregulation.
Jan: Wir lieben es eigentlich, wenn wir auf Tour sind, jeden Abend die gleichen Stücke zu spielen. Manche Leute werfen einem das auch vor, aber für einen selber entfaltet eigentlich genau das so eine Magie. Man ist ja dann doch irgendwie in einem anderen Rahmen und schaut, wie funktioniert das hier oder wie funktioniert das nicht und so entstehen auch im Zusammenspiel neue Sachen durch diese Wiederholung.
Arne: Man beschäftigt sich so viel tiefer mit den Stücken, bis man sie im besten Fall bis ins kleinste Teil durchschaut. Und dann durchschaut man sie doch wieder nicht, weil immer wieder neues passiert, auch untereinander.

motor.de: Was macht einen guten Song aus?

Rick: Wenn wir das wüssten (lacht)
Arne: Die Geheimformel…
Jan: Da ist man doch wieder bei der Routine, glaube ich.
Arne: Wenn man sie gefunden hat, dann hat man aber auch wieder nichts zu tun, ne? Nee, wir haben ihn noch nicht gefunden, den heiligen Gral (lacht).

motor.de: Wobei ihr in den einschlägigen Musikzeitschriften und Portalen eigentlich immer gut ankommt. Bekommt ihr überhaupt mit, wie die Kritiken über euch ausfallen? Und überraschen euch gute Kritiken noch?

Jan: Das kommt ganz drauf an. Generell versuche ich, möglichst wenig Musikpresse zu lesen, aber manchmal treibt einen die Eitelkeit dann doch dahin. Natürlich kann das toll sein, aber es gibt auch positive Kritiken, wo man sich dennoch völlig missverstanden fühlt.
Arne: Manchmal hat auch ein schöner Verriss was für sich (lacht). Man versucht schon, sich ein bisschen fern zu halten, weil das ja irgendwie eine komische selbstbeweihräuchernde Art hat, aber es interessiert einen natürlich schon. Eben weil manche Leute dann doch ganz interessante Sachen über die eigene Musik schreiben, an die man selbst nicht gedacht hat.
Rick: Man hat halt einen Job, der kritisiert wird und man muss eben eine sehr dicke Haut haben. Die letzten zwei Platten, bei denen ich dabei war, kamen gut an, aber natürlich hat man auch immer ein bisschen Angst oder Zweifel, dass es das nächste Mal nicht so gut klappt. Aber mein Gott, das ist eben auch ein Teil des Jobs. Obwohl es eigentlich eine komische Sache ist: Normalerweise hat das keiner bei seinem Job, dass irgendeine dritte Person über das schreibt, was man gemacht hat.
Jan: Andererseits wird man auch sehr verwöhnt. Bei Konzerten erfährt man ja nur positive Kritik durch den Applaus und das ist schön und vielleicht auch etwas, was man braucht.
Rick: Irgendwie hat man nicht das Gefühl, dass man eine mittelmäßige Reaktion erreicht von den Kritikern. Oft gibt es entweder großes Lob oder auch einen gut geschriebenen Verriss. Ich finde es gut, dass sich die Leute mit unserem Werk beschäftigen und auch, dass manche Menschen es hassen. Wenn man spaltet, dann weiß man, dass man was Richtiges gemacht hat und nicht etwas, das “irgendwie okay” ist. Das heißt nämlich, dass es eigentlich scheiße ist.

motor.de: Letzte Frage: Wenn ihr ein Buch schreiben würdet, was wäre es für ein Buch?

Jan: Einen Thriller würde ich gerne schreiben (lacht). Bei Goldmann oder Bastei.

motor.de: Bei Bastei-Lübbe, die mit den Klatschbüchern?

Jan: Ja, weil ich das Logo so gut finde mit der Burg.
Arne: Ein Thriller im Hamburger Musiker-Bereich (lacht).

Interview: Claudia Jogschies