Früher war die Welt noch in Ordnung. Gut kämpfte gegen Böse, die Eltern interpretierten Frank Zappa Texte und Godzilla stampfte als fleischgewordener Atommutant durch die Pappstädte Japans. Keine Anzeichen von Globalisierung, Beklopptencastingsshows und dem Ozonloch. Friede Freude Heiterkeit also. Heute ist das anderes. Die USA bekämpft Länder, an die sie Waffen verkauft, die Eltern heben die Augenbraue bei Kajal tragenden Halbpubertierenden und Godzilla lebt neuerdings im Computer stinkreicher Hollywoodproduzenten. Keine Zerstörung, nur noch omnipräsente Konformität. Die Folge, ununterbrochenes Anrennen gegen Zeit, Cholesterinwerte und sich selbst. Die Angst vor der eigenen Wegrationalisierung besitzt eine ungeheure Dringlichkeit. Einzige Konstante: das morgendliche Zähneputzen. Man muss schließlich emsig Film, Werbung und „Bild Der Frau Stars“ nacheifern. Neben dem Zahnputzbecher noch mal schnell den Pete-Paris-Schrein angehimmelt und dann geht es hinaus in die große kleine Welt. Wem das Herumgeschubse auf den Sack geht, gründet exotisch indische Großkommunen, trinkt Bionale oder gründet eine verdammte Rockband, die sich einen Scheiß um Erwartungserfüllerei und Trendnacheiferung schert. Dafür benötigt Mann/Frau keine großen technischen Fähigkeiten, sondern nur das Herz am rechten Fleck. Das allein evoziert Autonomie und Hastimmunität. Egal ab nun in der Gesellschaft, im direkten Freundeskreis oder in der Kunst. Gepflegt auf eigenen, hoffentlich mannigfaltigen Ideen Richtung unvorbereiteter Zuhörerschaft zu sausen. Überfordern, nerven, überlasten.

„Wir machen Soul-Punk, zumindest versuchen wir es. Eigentlich ist es Soul, aber weil wir mit unseren Instrumenten nicht so gut klarkommen, wird aus der ganze Sache eben Punk,“ bringt es Tokyo Sex Destruction Frontmann RJ Sinclair auf den Punkt. Das dauertourende Quartett aus Barcelona hat sich der Beatmusik verschrieben und das schon seit 2002. Sie spielen einen resoluten, energetischen, riffhaltigen Mix aus den haluzigenen Weiten der 60er und 70er. Gefangene gibt es nicht. Entweder verlässt man den Beatclub verstört oder lässt sich auf die Retro-Couch verliebt nieder. Dazwischen gibt es nichts. Kein 50/50 Joker, kein Jaein. Erstes Zeugnis dieser akustischen Diktatur war die 2003er EP „Big Red Box For The Syndicate Of Emotions“. Es folgten die Silberlinge „Le Red Soul Communitte“, „Black Noise Is the New Sound!” und 2005 „5th Avenue South”. Letzteres ist die gelungene Weiterführung der bisherigen Tokyo Sex Destruction Werke. Der bekannte Stümpertum-Garagenrock wird um treibende Bläsersätze und melodischen Choreinlagen ergänzt. Und über allem krächz die Stimme von RJ, dass man ihm Ashley Simpsons treu sorgenden Vocalcoach empfehlen möchte. Die anderen drei Bandmitglieder hören im Übrigen auch alle auf den Namen Sinclair, eine Hommage an den legendären Manager der Detroiter Punkband MC5, John Sinclair.

Aber um Namen im herkömmlichen Sinne geht es sowie so nicht. Die Musik ist die Musik und die braucht sich nicht im geringsten hinter den namhaften Referenzen The (International) Noise Conspiracy und The Hives verstecken. Ehre dem, wem Ehre gebührt.

Hans Erdmann