Musikjournalisten tendieren gewissermaßen a priori dazu, Neologismen am Fließband zu produzieren. So entstehen solch kuriose Gattungsbegriffe wie Slowcore, Neo-Glam oder Bubblegum Indie Rock. Eine weitere Wortneuschöpfung, welche derzeit nicht nur in der Blogosphäre seine Kreise zieht, nennt sich Chillwave. Wie so viele Genres ist diese Bewegung eine Multischublade, die einen interessanten Einblick in den Zustand der aktuellen Popkultur gewährt: Vermischung, Zerstreuung und Nostalgie sind die Erfolgsvariablen in der Formel der Zukunftsmusik.

Als Chaz Bundick im vergangenen Jahr sein Debüt CAUSERS OF THIS unter dem Alias Toro Y Moi veröffentlichte, zählte der 24-Jährige aus South Carolina zusammen mit Bands wie Neon Indian oder Washed Out alsbald zur Chillwave-Avantgarde. Unter dem großen Dach der psychedelischen Musik versucht Chillwave, die von hiesigen Radiosendern nur selten eingehaltene Floskel, das Beste der 70er, 80er, 90er und das Beste von Heute, umzusetzen. Man nehme den Laid-Back-Sound der Siebziger, den Achtziger-New Wave und Electronica-Einflüsse der Neunziger – fertig ist der Zwitter. Denn Chillwave ist ein Genrebastard, der bereits eine Fülle an Synonymen bereithält: ob Dream-Beat, Glo-Fi oder Soft Rock – diese Bewegung setzt auf Feeling-Good-Melodien, nimmt den Retro-Glauben als Maßstab und glänzt durch Do-It-Yourself-Charme.

Toro Y Moi – “Still Sound”

Toro Y Moi – der Stier und Ich, so nennt der Amerikaner sein Projekt. Nur ein Jahr nach seinem Debüt erscheint nun das zweite Album des output-freudigen Marvin-Gaye-Lookalikes. Der erste Wurf war annehmbar, doch weder wegweisend noch außergewöhnlich. Mit soliden Songs wie “Blessa” oder “Low Shoulder” zeigte Bundick Verve für tänzelnde Beats und friedselige Melodien. UNDERNEATH THE PINE ist nun der Versuch, sich vom Image als führender Wellensurfer zu befreien. Und das gelingt ihm exzellent: Die positiven, weil kaum mehr hektischen Vibes seines Debüts werden mit souligen Einflüssen und funky Tones zu einer “easy-going music” verwoben. Die mühelose Verdaulichkeit bleibt, die LP gewinnt aber an Präzision und Zusammenhang. Die Eröffnung “Intro/Chi Chi” – eine Hommage an das französische Duo Air – leitet das Ambiente der Platte ein, wobei es Bundick vorzüglich gelingt, die Spuren von Ariel Pink, Beach House und Animal Collective zu verwischen. Transparenter, natürlicher und freier jongliert der studierte Grafikdesigner mit den Stilen. “New Beat” und “Still Sound” zeigen eindeutig Richtung Tanzfläche. Mit ansteigenden Beats, knalligen Basslines und den mitunter sphärischen Gesangsflächen unterstreicht Toro Y Moi sein Talent für kunterbunte Relaxmusik. Gleich in mehreren Songs (“Go With You”, “How I Know”) lässt er die Loop-Ästhetik (wenig bis keine Samples, kaum elektronische Störfeuer) seines Vorgängers hinter sich und setzt ihr klimpernde Pianoskizzen entgegen, etwa beim sentimentalen “Divina”, wenn der elegante Bass sowie flimmernde Pianotöne ineinander übergehen.

Toro Y Moi – “Divina”

UNDERNEATH THE PINE sprüht vor Freundlichkeit, atmet durch einen entkrampften Mischmasch an Stilen und besitzt dieses gewisse Etwas, welches sich Popappeal schimpft. Mit verhaltenen Gitarrenriffs, mehreren Rhodes-, Orgel- und Klavierpassagen sowie dem emphatischen Spiel mit der Stimme bewegt sich Chaz Bundick weg von chillwave-typischen Built-Ups hin zu einer mehr geerdeten Instrumentierung. Das erste Sommeralbum 2011, welches ohne Ansprüche an die Pforten von Motown klopft. Mit dieser verträumten und farbenfrohen Melange wird das Warten auf immerwährende Sonne durch gute Laune begleitet. Und apropos Neologismen: War Bundick noch der Chillwave-Vorsitzende, so mutiert er mit dieser Platte mehr oder weniger zum Freak-Folk-Papst oder Funkwave-Oberhaupt. Wayne!? Wem es gelingt, Anmut im Herzen und ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, darf und sollte jedes Jahr ein Album machen. Egal, welche tollen Wörter einem einfallen mögen.