Nein, hinter Travis liegt keine leichte Zeit. Erst funktionierte es bandintern nicht mehr und dann bekam Frontmann Fran Healy auch noch eine Schreibblockade. Dass sie nun ihr neues Album “The Boy With No Name” nennen, verwundert zunächst – erklärt allerdings den Weg aus der Sackgasse.

Wir schreiben das Jahr 2003. Pünktlich zur Herbstzeit veröffentlichen Travis ihr bis dato düsterstes Werk: “12 Memories” betitelt, beinhaltet es nicht nur melancholische Töne, sondern Healys Texte färben es auch zu einem unfassbar persönlichen Album. “Ich habe mich zu der Zeit wie ein Zombie gefühlt. Es gab privat soviel aufzuarbeiten – mein Verhältnis zu meinem Vater, mein eigenes Familienleben und diese Musikkarriere, in der ich steckte”, erklärt der Schotte überraschend ehrlich. Die Band stand völlig neben der Spur und erfüllte nur noch apathisch ihre Aufgaben, ergänzt er ohne Umschweife

Kommerziell war “12 Memories” nicht der erhoffte Erfolg. Hinzu kam ein Jahr später die hastig zusammengeschusterte “Singles”-Compilation. Das muss euch doch den Rest gegeben haben!
Fran Healy: Natürlich war es nicht einfach. Es gab schließlich auch kein Allheilmittel für die Band Travis. Wollten wir auch gar nicht, wir wollten einfach nur leben. Privates genießen und nicht mehr irgendwelche Best-Of-Platten kommentieren. (überlegt) Daher muss ich dir zustimmen: Die “Singles” nur ein paar Monate nach “12 Memories” zu veröffentlichen, war nicht beste Idee.

Kurze Zeit später bist du dann zum ersten Mal in deinem Leben Vater geworden. Inwieweit hat dir diese Erfahrung musikalisch weitergeholfen?
Fran Healy: Es war ein völlig neues, sehr schönes Gefühl. Alles wurde nebensächlich – die Karriere, das Songwriting und die Musik. Plötzlich war da ein Mensch, der meine volle Unterstützung brauchte. Dies zu wissen, ist einfach unbeschreiblich toll. Clay (Name seines Sohnes) hat meinen ganzen Fokus verschoben, hat mir Leichtigkeit zurückgegeben und mich gänzlich glücklich gemacht.

Wann ging es dann wieder ins Studio mit den Kollegen, um an neuen Songs zu arbeiten?
Fran Healy: Wir gingen die Sache sehr entspannt an und trafen uns Ende 2004 im Studio, ganz unverbindlich. Da entstanden schon einige Songs und Travis wurde langsam wieder zu der Band, wie wir sie in Erinnerung hatten. Dies wurde verstärkt durch die wenigen, aber umso schöneren Konzerte im Jahre 2005: Wir waren nicht nur Headliner beim “Isle Of Wight”-Festival, sondern empfanden vor allem das Live-8-Event für sehr wichtig.

Das neue Album beginnt mit dem Song “3 Times And You Lose”, in dem das Gefühl der Anonymität, des Verlorenseins beschrieben wird. Healy weicht geschickt der Frage aus, inwieweit dieser Song als Vergangenheitsbewältigung zu verstehen ist. Viel lieber erzählt er von den Sessions für “The Boy With No Name”. Von der Unbeschwertheit mit welchen die Band zusammen spielte, von dem sehr demokratischen Aufnahmeprozess und nicht zuletzt von der Qualität des neuen Materials. “Es wäre natürlich überheblich zu behaupten, dies sei das beste Album der ganzen Welt. (überlegt) Aber die Arbeiten daran ließen einfach die Stimmen in meinem Kopf verschwinden und brachten unfassbar viel Erleichterung mit sich”, resümiert Healy erfreut.

Im Dezember letzten Jahres war das Album auch endlich komplett im Kasten. Wie kam es dann zum Titel – hat der was mit deinem Sohn zu tun?
Fran Healy: Es war so, dass meine Frau und ich uns nicht auf einen Namen für unseren Sohn einigen konnten und deswegen hieß er für einige Wochen “Der Junge ohne Name”. Musikalisch war der Einfluss indes geringer. (lacht) Da haben wir Bandintern aufeinander gehört und sehr demokratisch an den Songs gearbeitet.

Mit dem Ergebnis, dass ihr fast 40 Lieder für das Album aufgenommen hattet!
Fran Healy: Das ist richtig. Allerdings war es dann für uns sehr schwierig, das Material auf elf Songs zu beschränken. Eine völlig neue Situation für uns, denn wir hatten noch nie so viele Kandidaten für ein Album. Sogar bei unseren frühen Alben hatten wir immer nur so viele Songs, wie letztlich auf dem Album waren.

Du redest von Demokratie, bist doch aber schon derjenige, der das letzte Wort hat?
Fran Healy: Ich müsste lügen, wenn ich Nein sagen würde. Aber darum geht es bei Travis auch nicht, vielmehr wollen wir vier etwas Großartiges unter die Leute bringen; etwas, das von Dauer ist.

Kommt daher auch der optimistische Grundton, den “The Boy With No Name” im Vergleich zum Vorgänger “12 Memories” besitzt?
Fran Healy: Es ist lebensbejahender. Auf einer gewissen Weise auch positiver, denn wenn man mit der Zuversicht etwas ganz Großes schaffen zu wollen, an Songs arbeitet, hat dies zur Folge, dass man gut spielt. Dies färbt sich nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf das ganze Album selbst ab.

Während des gesamten Gesprächs wirkt Healy gefestigt. Ginge es nach ihm, könne er noch Stunden weiter schwärmen und erzählen wie toll gerade alles für die Band läuft. Deswegen bezeichnet er das letzte Jahr auch als eines der besten für Travis. Es brachte nicht nur ihren fünften Longplayer “The Boy With No Name” hervor, sondern auch die Erkenntnis, die eigene Muse widergefunden zu haben. Durch Pech und Schwefel hindurch.

Text: Marcus Willfroth

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