Mit Turbostaat klopft die nächste Band an die Tür zum Durchbruch. Gewachsen über viele Jahre in der norddeutschen Deutsch-Punk- und DYI-Szene, erspielte sich der Flensburger Fünfer in den letzten bundesweit Respekt, Anerkennung und eine Menge loyaler Fans. Mit ihrem neuen, nach einem friesischen Seenot-Rettungskreuzer benannten Album “Vormann Leiss” brechen Turbostaat auf zu neuen Ufern.

Jede Band, die seit Jahren im Untergrund für Furore sorgt, mischt irgendwann die breite Masse auf. Wenn sie Bock drauf hat. Auch für Turbostaat war die Zeit reif, ihrem auf den Alben “Flamingo” und “Schwan” verankerten Agit-Punk neues Leben einzuhauchen. Turbostaat bestückten den “Vormann Leiss” mit viel Mut für Melodien und metaphernreichen Texten, und besorgten sich Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic, Kante) als Steuermann, der den Kahn durch die raue See dirigiert. Mittlerweile hat sich einiges getan im Turbostaat-Kosmos, es brodelt quasi. Das liegt nicht nur an der in Fankreisen von sowohl Turbostaat als auch den Beatsteaks gern gesehenen Freundschaft der beiden Bands und der gemeinsamen Kollaboration für den Song “Frieda Und Die Bomben”, sondern vor allem an der vorab ins Rennen geschickten Single “Harm Rochel”, die mit ihren harten Lyrics und mitreißenden Hooks ziemlich genau den Nerv der Zeit trifft. Auch das dazugehörige Video rotiert auf sämtlichen wichtigen Kanälen. Als wir den fünf Mann umfassenden Turbostaat Anfang Juni in ihrer “Kommandozentrale”, dem Volksbad in Flensburg, zum Interview treffen, herrscht freudige, aber gespannte Erwartung ob dem, was da kommt. So entwickelte sich eine interessante Plauderstunde über Musik, Politik und den Spagat zwischen Job, Band und Familie. Dann mal Leinen los.

Es heißt, ihr habt sämtliche Songs von “Vormann Leiss” innerhalb von zwei Tagen auf Band gehabt. Das zeugt von guter Vorbereitung.
Marten (Hauptsongwriter, Gitarre): Absolut.
Rotze (Gitarre, Geschmackskontrolle): Das mit den zwei Tagen kommt von Moses. Wir haben aber noch ein bisschen länger an ein paar Songs schrauben müssen.

Gab es vor Moses Schneider schon mal eine Instanz, die euch im Studio auf die Finger geguckt hat?
Roland: Nein. Und das war diesmal ja auch gerade das Interessante dabei.

Hattet ihr vor dem Studioaufenthalt eine Vorstellung davon, wie das Album klingen soll?
Jan: Wir wollten eine Annäherung zwischen unserem Live-Sound und dem LP-Format. Von dem, was am Ende dabei herauskommt, konnte ich mir aber kein genaues Bild machen.
Marten: Wir waren uns im Vorfeld darüber im klaren, dass wir mit Moses einen Typen haben, der ordentlich analogen Schmutz im Sound akzeptiert und nicht so ein cleanes Machwerk abliefert. Aber eine ganz genaue Vorstellung hatten wir nicht.
Rotze: Moses hat immer gesagt, “Wir bauen den teuersten Kassettenrekorder der Welt”.

Das heißt, ihr habt sehr viel Vertrauen in Moses investiert.
Rotze: Zwischendurch hatte auch jeder von uns mal Angst.
Peter (Schlagzeug, das Zentrum): Wir haben ja immer wieder mal reingehört, und das hat schon geballert und ordentlich geknackt. Da war dann auch klar, der Weg ist der richtige. Es war allerdings auch sehr skurril mit Moses, dem Nerd. Als wir zum ersten Mal ins Studio kamen dachten wir, wo sind denn hier die großen Apparate, wo ist denn die Maschine mit dem Bing? Wir zahlen doch Geld! Da standen lose zusammengewürfelt irgendwelche Gerätschaften rum. Aber das war anscheinend genau das Richtige.

Und wie klingt er jetzt, der “Vormann Leiss”?
Rotze: So wie wir wollten: Roh und geil abgeliefert.

Es gibt jetzt ein neues Album, es gibt eine Single, es gibt mit ‘Same Same But Different’ eine neue Plattenfirma, sehr viele Entscheidungen sind zu treffen. War euch vorher klar, was alles auf euch zukommt?
Marten: Ich glaube nicht, dass wir alles absehen können, was in Zukunft auf uns zukommt. Das ging ja schon damit los, dass die Plattenfirma uns alle möglichen Vorschläge gemacht hatte, die wir abgelehnt haben. Da haben die schon finster geguckt. Es war denen offensichtlich nicht bewusst, dass wir auch noch andere Sachen vorhaben, denen wir den Vorzug geben.

Welchen Sachen gebt ihr den Vorzug?

Marten: Das sind zum einen private Zwänge. Dann gab es auch Vorschläge, die fanden wir nicht gut. Und einige von uns haben ja auch noch andere Bands, die Zeit in Anspruch nehmen.

Steht euer privates Umfeld eigentlich hinter euch?
Roland: Wir waren ja schon immer eine “Viel-Spiel-Band”. Das heißt, wir haben unser Leben seit geraumer Zeit darauf ausgerichtet, auch was unsere Jobs angeht. Ich arbeite zum Beispiel in einer Kneipe. Da kann ich sagen, wann ich komme und wann ich nicht komme. Das ist okay so.
Jan: Ich lebe da einen Spagat. Ich arbeite noch in einem Kinderhaus mit nur zwei anderen Mitarbeitern. Die schlucken eine Menge dafür, dass ich auf Tour gehen kann. Wenn ich denen die Tourdaten präsentiere, rutscht denen erst mal alles aus dem Gesicht und dann versuchen sie es irgendwie doch wieder möglich zu machen. Dafür bin ich sehr dankbar!

Wenn es um deutschsprachigen Punkrock geht, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Texten. Das Schreiben der Lyrics fällt bei Turbostaat in den Kompetenzbereich Martens, der einen offensichtlichen Hang zum Assoziativen hat. Das macht einerseits das Sprechen darüber schwierig, andererseits eröffnet jene vermeintliche Unnachvollziehbarkeit der Texte für Sänger Jan verschiedenste interpretative Anknüpfungspunkte. “Das schöne an den Texten von Marten ist ja, dass sie einem keine platten Bedeutungen vorgeben. Du kannst da ganz viel reininterpretieren, es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Es geht oft auch einfach darum, gewisse Stimmungen oder um bestimmte Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Und letztlich ist ein Mindestmaß an gemeinsamem Verständnis in der Band am Ende immer da.“, versichert Jan. Nach diesem Verständnis gehe es meistens “um die nicht so schöne Seite des Lebens“. So stützen Martens Texte den dunkel-emotionalen Sound Turbostaats und entsprechen der kritischen politischen Grundhaltung der Band. Gleichwohl sind Turbostaat weit davon entfernt, ununterbrochen politische Wasserstandsmeldungen durchgeben zu müssen.

Ein paar hundert Kilometer von hier findet der G8-Gipfel statt, mit welchen Gefühlen verfolgt ihr die Proteste?
Marten: Von unserer Einstellung her unterstützen wir die Demonstranten und die so genannten Globalisierungskritiker auf jeden Fall.

Ist Gewalt etwas, das ihr als legitimes Mittel zum Protest anseht?
Peter: In diesem Falle schon. Ob man sich mit den Bullen diese Scharmützel liefern muss, ist vielleicht noch mal eine andere Frage. Aber das, was von Seiten der G8-Staaten aufgefahren wurde, um diesen Gipfel stattfinden zu lassen und zu sichern, spottet jeder Beschreibung. Mit dem Geld hätte man wahrscheinlich ganze Staaten entschulden können. Da macht das ein oder andere zerschlagene Schaufenster auch nicht mehr viel aus. So was kommt halt von so was.
Marten: Ich würde mich nie hinstellen und diese Leute verurteilen. Auch wenn ich vielleicht nicht unterschreiben würde, ob man nun unbedingt so ein Auto von ‘ner Rostocker Oma anzünden muss.

Ihr seid inzwischen ja auch nicht mehr Anfang 20. Ändert sich mit dem Alter auch die Perspektive auf politische Aktionen?
Peter: Wir waren anfangs in diesem ganzen Antifa-Rahmen wesentlich mehr unterwegs. Das hat alles ein bisschen nachgelassen. Man schon angefangen, ein bisschen zu selektieren. Wir mussten irgendwann nicht mehr jede Soli-Geschichte mitnehmen. Dazu fehlt wie gesagt auch einfach die Zeit. Ich bin verheiratet, habe ein Kind, zwei Bands und arbeite. Um noch mal auf Rostock zurückzukommen: Das ist vielleicht eine banale Ausrede, aber läge Rostock bei Flensburg, würde ich hinfahren.
Marten: Früher hat es schon gereicht, wenn jemand ‘Scheiß Bullen!’ gerufen hat und man ist mitgelaufen, einfach um’s den Schweinen mal richtig zu zeigen. Dann hat man sich ein bisschen geprügelt und dann war das auch gut. Heute differenziert man da schon mehr. Wobei sich die Meinungen über gewisse Sachen bei mir nicht wirklich relativiert haben.
Peter: Politischen Aktivitäten – auf Demos gehen etc. – spielten für mich und auch für alle anderen in der Band früher eine ganz große Rolle.

Inwiefern äußert sich eure politische Einstellung in eurer Musik?
Jan: Jeder einzelne ist politisch. Und da jeder einzelne von uns politisch ist, sind wir auch eine politische Band. Aber ich glaube, das macht lieber jeder mit sich selbst aus, als das jetzt in Texten oder großen Ansagen zu verbreiten.
Marten: Die Texte sind aber schon politisch.
Roland: Wir sind keine offensiv politische Band, denke ich.
Tobert (Bass, Brille ohne Gläser): Wir sind eine politische Band aber keine Polit-Band. Für mich gibt es da einen Unterschied. Es gibt Bands, auf deren Agenda Propaganda ganz oben steht und die sagen, “Bevor du einen Ton hörst: wir sind politisch!” Das ist auch super und hat durchaus seine Daseinsberechtigung, aber das ist nicht mein Ding. Das, was Jan sagt, stimmt schon. Wir sind alle politische Menschen und die Band dadurch irgendwo auch. Wir sind eben keine plakative politische Band.
Roland: Wir haben ja auch immer die Auffassung gehabt, dass man über das Private politisch ist. Du kannst ja nichts tun oder lassen, ohne gleichzeitig auch eine politische Aussage getroffen zu haben. Alles, was du tust oder lässt hat politische Konsequenzen.

Text: Michael Schneider, Florian Hayler

www.turbostaat.net