Vor fünf Tagen spielte Hannes Wittmer im Theater an der Parkaue, seit Mittwoch ist er wieder als Spaceman Spiff auf den Bühnen der Republik unterwegs. Wir trafen den gebürtigen Würzburger am Dienstag Nachmittag zu Kaffee und Kuchen. Zusammen mit dem Spaceman sprachen wir über die großen Fragen des Leben, über das Alter und sein Alter-Ego.

Wie war’s denn am Theater?

War schön, hat Spaß gemacht.

Aber du hast jetzt nicht das Bedürfnis nur noch Theater zu machen?

Ne ne, das nicht. Aber es hat mega Spaß gemacht – ist eine super Abwechslung für mich. Es ist schön, wenn du ein Zahnrädchen von einem Gesamtkunstwerk bist und nicht im Mittelpunkt stehst. Das ist angenehm. Gerade wenn du am Theater mit Autoren zusammen arbeitest, ist das einfach geiler Input.

Ich war gestern im Privatclub auf einem Konzert und da dachte ich mir: Wieso spielt Spaceman Spiff im Privatclub? Ist der nicht zu klein?

Die Frage war natürlich, ob man in was größeres geht. Dadurch das es ja keine Bandgeschichte ist, sondern ein Duo mit Cello und deshalb mehr einem Solokonzert ähnelt haben wir uns dazu entschieden, das Konzert nicht hochzuverlegen, sondern dann einfach noch ein Zusatzkonzert spielen. Zwei Mal 250 ist doch auch schön.

Wie kam die Idee mit dem Duo?

Ach, schon lang! Clara, die die Cello spielt, ist eine sehr gute Freundin von mir, wir kennen uns schon seit sechs oder sieben Jahren. Als ich frisch nach Hamburg gezogen bin, haben wir schon mal zusammen gespielt. Sie hatte ihren Eltern zu Weihnachten geschenkt, dass wir gemeinsam zwei meiner Lieder spielen. Und bei einem Konzert von mir hat sie auch schon mal zwei Lieder mitgespielt. In Bad Kissingen haben wir dann unser erstes Konzert als Duo gespielt. Wir waren damals als Band gebucht, konnten dann aber nicht spielen und dann sprang Clara ein. Das hat so gut geklappt, dass ich sie dann noch auf Tour mitgenommen hab. Ich hatte einfach Lust mal wieder Solo zu spielen, das hat mal wieder so Sinn gemacht, aber hatte gleichzeitig auch keine Lust auf’s alleine unterwegs sein.

Bist du eigentlich noch oft in Würzburg?

Ja, schon. Ich bin ja seit einem halben Jahr obdachlos, weil ich so viel unterwegs bin. Da ich dort Familie und eine Homebase hab, bin ich gerade sogar öfter in Würzburg als in Hamburg. Zu erst war ich mit Enno Bunger auf Tour, dann war ich ganz viel auf Reisen und jetzt geh ich wieder auf Tour, deshalb lohnt es sich nicht so wirklich eine Wohnung zu halten.

Also ist Würzburg schon noch deine Heimat?

Auf jeden Fall.

Also ist es nicht Hamburg geworden?

Naja, beides so ein bisschen.

Ich hab so das Gefühl, du tingelst zwischen Hamburg, Berlin und Würzburg hin und her?

Berlin gar nicht so viel. Vor allem aber Hamburg und Würzburg. Das liegt daran, dass ich in beiden Städten wahnsinnig viele Freunde hab.

Ich hab gehört, dass du das erste mal als du in Berlin warst Angst hattest vor der Stadt?

Als ich das erste Mal hier war, haben mich die ersten zwei, drei Tage total fasziniert – dann ist alles auf mich eingebrochen. Das war mir einfach viel zu groß.

Wie hast du das überwunden?

Da gab es so zwei Momente. Einmal bin ich mit der Ringbahn um Berlin herum gefahren. Dann hatte ich auf ein mal so eine Grenze. Und das andere mal bin ich nach Potsdam gefahren auf ein Konzert. Dort hab ich mich dann spontan mit einem Mädel unterhalten. Zwei Tage später hab ich sie dann zufällig irgendwo mitten in Kreuzberg auf der Straße gesehen. Wenn so was in Berlin möglich, dann “super”.

Du hattest dir ja vor kurzem eine längere Auszeit in Neuseeland gegönnt, auf der anderen Seite hab ich schon das Gefühl, dass du recht viel unterwegs bist. Wie passt das zu deinen Titeln, die sich oft um Entschleunigung drehen? Oder geht es dir eher darum, was du tust?

Gerade auf meiner letzten Platte hatte ich ganz viel mit dieser Entschleunigung, das stimmt schon. Aber es geht auch immer um einen alternativen Lebensweg. Ich hab manchmal so das Gefühl, dass dieses touren ja ein alternativer Weg für mich ist. Das fühlt sich tatsächlich sehr oft nach Reisen an hab ich festgestellt.

Also geht es schon eher darum, was man macht?

Ja genau. Wenn man nicht gestresst wird, ist das eigentlich schon sau viel wert. Wenn man sich immer irgendwie durchkämpfen muss, dann ist das auf Dauer echt anstrengend. Beim touren hab ich das aber echt selten. Da ich mich auch noch um die ganze Logistik und so kümmere ist es manchmal schon stressig. Gerade jetzt im Duo, mit einem Kumpel der Merch verkauft, entspannt im Kombi unterwegs zu sein, das ist einfach super.

Du machst auch viel drumherum selbst, oder?

Ich finde das schon wichtig. Bis zur letzten Platte hab ich ja auch wahnsinnig viel selbst gemacht. Den ganzen Promokram und so. Meine Platten hab ich ja auch zusammen mit dem mairisch Verlag selbst rausgebracht. Ich weiß nicht, vielleicht ist es auch davon übrig geblieben, das ich das gerne auf mich nehme.

“Wenn du eine Platte rausbringst und es dann so einen Hype gibt, bist du halt genauso schnell wieder weg.”

Deine Karriere ist ja auch sehr homogen gewachsen. 

Total. Ich hab ja mit irgendwelchen Kneipenkonzerten vor zwanzig Leuten angefangen. Von den zwanzig waren dann zehn eigentlich nur zum Bier trinken da. Seit dem ist das alles so ein kleines bisschen mehr geworden. Ich merk jetzt halt auch, dass ganz viele Leute zu Konzerten kommen, die mich schon vom ersten Album kennen. Viele der Leute kenn ich dann auch noch persönlich, weil sie seit Jahren immer wieder zu meinen Konzerten kommen. Von daher: Ist schon schön. Mit der letzten Platte hat das jetzt einen weiteren Schritt getan. Wenn du eine Platte rausbringst und es dann so einen Hype gibt, bist du halt genauso schnell wieder weg.

Das ist glaube ich auch ein schönes Gefühl, Abends im Bett zu liegen und zu wissen, dass man das alles ohne die richtig große Hilfe geschafft hat.

Ich hatte schon wahnsinnig viel Hilfe von Freunden. Die einen haben die Cover gemacht, die anderen haben auf Konzerten mitgespielt. Mein Tontechniker, der von Anfang an dabei war oder auch Jürgen, mein erster Produzent. Ohne die Hilfe von anderen hätte ich das schon nicht so geschafft aber ja, ist schon cool.

Und du hast auch den Vorteil, dass du dich zwischen zwei Platten einfach mal abmelden kannst. Leute die einen gewissen Druck haben können das ja gar nicht.

Ich versteh das auch gar nicht, wie die Leute das hinbekommen. Ich könnte das nicht. Wenn man wie ich so Singer/Songwriter Kram macht und vor allem Geschichten erzählt, muss man ja auch was erleben. Wenn du irgendwie mitten im Tourkoller schon wieder den Druck vom Label bekommst, die nächste Platte zu schreiben: Das kann ja gar nicht funktionieren.

Du machst schon den Eindruck, als könntest du dir das alles sehr gut einteilen. Die letzten zwei Tage hast du noch Theater gespielt, ab morgen geht’s dann auf Tour. Du machst schon auch immer das, worauf du Lust hast. 

Ich bin da total dankbar, dass ich so was wie Theater zwischendurch mal machen darf. Ich weiß auch nicht ob den Rest meines Lebens immer Spaceman Spiff da sein wird. Ich weiß, dass ich für immer Musik machen werde aber ja, mal gucken. Die letzte Platte hab ich ja jetzt so langsam abgetourt und dann habe ich nächstes Jahr eben mal wieder ein bisschen Raum.

” Ich hab auch so das Gefühl, dass es, gerade nach den letzten drei Alben, mal wieder Zeit ist für so einen Bruch.”

Also hast du noch keine Songs für’s nächste Album?

Nö, ich bin da nicht so. Ich hab eher so das Gefühl, weiß nicht. Spaceman Spiff hat mich jetzt so meine kompletten Zwanziger begleitet. Das war ja eine Idee, die ich Anfang zwanzig hatte, diese Spaceman Spiff Geschichte. Jetzt mach ich das seit sieben oder acht Jahren, muss mal gucken. Ich hab auch so das Gefühl, dass es, gerade nach den letzten drei Alben, mal wieder Zeit ist für so einen Bruch. Ich werd mich jetzt nicht sofort wieder hinsetzen und die nächste Spaceman Spiff Platte schreiben. Ich hab einfach das Gefühl, dass ich noch nicht genügend neue Themen dafür hab.

Also gibt es keinen Masterplan?

Nö, gerade nicht. Im Moment bin ich aber auch noch beschäftigt. Es geht ja erstmal auf Tour. Bislang hatte ich noch gar nicht genug Zeit um mir da viel Gedanken zu machen.

Macht man sich mal Gedanken, wie das so mit 60 aussieht?

Das ist irgendwie schon noch so im Hinterkopf, dieser Sicherheitsgedanke den man immer hat, aber…. Ich weiß es nicht. Bis ich 60 bin kann noch so unfassbar viel passieren. Ich versuch mir da jetzt keinen Druck zu machen. Natürlich hatte ich auch mega Schiss als ich nach Hamburg gezogen bin. Bis jetzt bin ich immer irgendwo rausgekommen. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich mit 60 nicht auf der Straße sitzen werde. Wer weiß was in 40 Jahren ist. Vielleicht gibt’s den großen Crash und der Kapitalismus bricht zusammen und plötzlich zahlen wir alle mit Bierdeckeln.

Bei deinen Texten ist mir aufgefallen, dass man vieles so ein bisschen auf seine eigene Situation beziehen kann. Ist das a.) gewollt und b.) bereust du das manchmal?

Gerade bei meinen ersten Platten, kann ich das gar nicht so richtig sagen, dass ich das selbst gemacht hab mit den Texten. Das ist immer so ein komisches Ding. Das was ich am ehesten dann mal beeinflusst hab ist, wenn so ein Text draußen ist, ihn möglichst offen zu halten. Das der Text nicht auf eine Person oder eine Sache festgenagelt ist. Das finde ich an sich gut. So funktioniert das ja auch. Wenn ich eine andere Platte anhöre, denke ich auch erstmal daran, was ich damit verbinden kann. Gerade wenn’s um Texte geht. Ne, ich finde das gut. Das passiert mir ständig, dass mich Leute ansprechen und mir erzählen, was sie in den einen Song reininterpretiert haben. Viele sind dann auch überrascht, dass es gar nicht so gemeint war.

“Ich will ja auch Musiker sein und nicht nur Texter.”

Hilft dir die Musik, also deine Gitarre, das Cello oder dann eben auch die Band, deine Texte unter die Leute zu bekommen?

Ich hoffe das natürlich. Ich könnte mich nicht hinstellen und Gedichte rezitieren. Ich glaube ich brauch schon diese musikalische Verknüpfung. Ich muss mich hinter der Gitarre verstecken können. Alleine dynamisch hast du dann noch mal ganz andere Möglichkeiten. Wie du Sätze singst, wie du was betonst. Auf der neuen Platte gibt’s ja den Titel “Mind The Gap”, der etwas leicht elektronisches, was kühles, was polterndes hat. Ich glaube schon, dass das dem Lied zuträglich ist oder eben eine Stimmung aufbaut, die der Text alleine nicht hergibt. Die aktuelle Platte ist glaube ich auch ziemlich ernsthaft und sogar melancholischer als die anderen, musikalisch aber viel schneller und fröhlicher. Ja, die Musik ist da schon wichtig. Ich will ja auch Musiker sein und nicht nur Texter. Am Anfang hat mich das auch ein bisschen geärgert, dass grad beim zweiten Album, wo wir viele Sounds eingebaut haben, viele Leute einfach nur über die Texte geschrieben haben.

In wiefern hilft dir Spaceman Spiff als “Kunstfigur” dich hinter ihm zu verstecken?

Es war mal so, dass ich Spaceman Spiff hatte um die Musik vom privaten Leben zu trennen. Inzwischen bin ich aber auch der Meinung, dass es wohl keinen Unterschied gemacht hätte.

Umso länger man das macht, kann man das auch irgendwie nicht mehr trennen, oder?

Genau. Am Anfang war das der Sündenbock auf den ich alles schieben konnte. Wenn du dich auf eine Bühne begibst, bist du auf jeden Fall eine riesige Projektionsfläche für alle anderen. Die Leute die vor der Bühne stehen haben ein komplett anderes, verklärtes Bild von dir, gegen das du als normaler Typ gar nicht anstinken kannst. Damit hatte ich eine zeitlang wirklich Probleme.

Wenn man das komplett trennen will, muss man wahrscheinlich eine Maske aufsetzen, oder?

Das ist ein Fluch aber auch ein Segen. Einerseits finde ich das ja auch total gut. Ich kann nach dem Konzert mit Leuten reden und so weiter. Ganz oft schwingt das Gefühl mit, dass mich die Leute kennen, obwohl sie nur meine Alben gehört haben und auf ein paar Konzerten waren. Das finde ich total bereichernd, wenn es um mehr geht als nur um die Musik. Wenn ich Leuten mit meiner Musik durch eine schwere Zeit helfen konnte. Das ist schön und gibt dem ganzen einen zusätzliche Ebene. Ich kann’s mir aber auch vorstellen, dass es geil ist auf der Bühne etwas komplett anderes zu verkörpern und einfach eine Maske aufzusetzen.

Das läuft aktuell bei Hannes und Clara im Auto

 

Spaceman Spiff live

 

am 16. Mai 2015 in Berlin, Privatclub (Zusatztermin: 20. August 2015 in Berlin, Privatclub)

am 22. Mai 2015 in Würzburg, Café Cairo

 

am 01. Juni 2015 in Ludwigsburg, Campus

am 12. Juni 2015 in Wiesbaden, Schlachthof

am 13. Juni 2015 in Marburg, KFZ

am 16. Juni 2015 in Reutlingen, FranzK