“I wanna walk up the side of the mountain/ Wanna walk down the other side of the mountain”, war 2004 die erste Textzeile, die Grandaddy von sich hören ließen, seit sie im Jahr zuvor mit ‘Sumday’ ihr vielleicht bestes Album abgeliefert hatten. Der bescheidene Wunsch, den die Herren um Chef Jason Lytle in dem Song ‘Nature Anthem’ äußerten, ging aber noch weiter: “I wanna swim in the river/ Lie in the Sun/ I wanna try to be nice/ to Everyone.”

Danach wurde es still, bis im vergangenen Herbst die EP ‘Excerpts From The Diary Of Todd Zilla’ und kurz danach die einigermaßen überraschende Nachricht vom bevorstehenden Split der Band ins Haus flatterten. Nun ist es also wirklich soweit, und mit dem selbsternannten “Mixtape zur Beerdigung der Band” namens ‘Just Like The Fambly Cat’ wird am 5. Mai 2006 die 14-jährige Geschichte von Grandaddy ein Ende finden. Keine endlose Abschiedstour, keine wahrscheinliche Wiedervereinigung – “es sei denn, irgendein Scheich bietet uns Millionen, damit wir auf seiner Geburtstagsparty spielen”, lässt sich Jason Lytle zitieren.

Das wäre dann aber ein eher ungewöhnlicher Scheich, der sich diesen Soundtrack zur letzten Ruhe als Partybeschallung ins Haus holt. Denn auch auf ihrem fünften Album bewegen sich die Kalifornier im Spannungsfeld zwischen vom Electric Light Orchestra geprägtem Soft-Rock und der hohen Schule des Gitarren-Indie-Krachs; singen über verlorene aber nicht vergessene Söhne (‘Disconnecty’), widmen Jason Lytles einstiger Profession das Instrumental ‘Skateboarding Saves Me Twice’ und strahlen bei aller Schrägheit doch stets ein trauriges Urvertrauen aus. Dass der Albumtitel mit dem Verhalten von felinen Haustieren kurz vor ihrem Ableben zu tun hat, erzählt Jason Lytle mit großem Respekt – “Sie ziehen sich einfach zurück. Wie, um uns nicht mit ihrem Tod zu behelligen!” -, genau so, wie dass er die eigenwillige Schreibweise des Wortes “Fambly” im Titel als Verbeugung vor dem Schriftsteller John Steinbeck und besonders dessen bekanntestem Buch ‘Die Früchte des Zorns’ gedacht hat. Wie dem auch sei, jetzt ist erst mal Schluss.

Vielleicht, die bei aller Melancholie unwahrscheinlich in sich selbst ruhende Musik der Band ließe auf so etwas schließen, ist der Grund für die Auflösung gar kein besonders spektakulärer, vielleicht waren die Ziele einfach nicht so hoch gesteckt, und – wie in dem eingangs erwähnten Songzitat – leicht zu erreichen. Die etwas schwammige Aussage Jason Lytles bezüglich der Ursachen unterstützt jedenfalls diese These: “Ich möchte einfach diesem Aufnahme-/Produktionsmodus entkommen, und wieder lernen, die Musik zu genießen, darin aufzugehen. Und das mache ich, indem ich simple Lieder anderer Leute nachspiele – aber auch, indem ich mich mit meinen eigenen Songs wieder vertraut mache. Viele von denen habe ich inzwischen verlernt”, lacht er, “mitunter muss ich die Texte sogar von Grandaddy-Fansites aus dem Internet runterladen und mir auf den Arm schreiben, um sie abzulesen.”

Ein Text, den Lytle aber noch präsent haben müsste, ist der zum Song ‘Elevate Myself’. Der findet sich nämlich auf dem neuen Album und scheint ziemlich genau auf den Punkt zu bringen, was den ehemals bärtigen Mann aus Modesto, Kalifornien, so gestört haben könnte: “I don’t wanna work all Night and Day/ on writing songs that make the young girls cry/ Or playing little solos on a keyboard so the kids will ask me/ How and Why?”, singt er, um im Refrain dann zu fordern: “I just wanna elevate myself”. Jedoch – nach einigem Herumdrucksen, vielen “I don’t knows” und “likes” erklärt Jason dann: “Ursprünglich habe ich den Song auf der Gitarre geschrieben. Der war viel dreckiger gedacht, nicht so elektronisch wie er jetzt klingt. Und die ganze Idee dahinter war, dass ich mich an die Gründe erinnern wollte, warum ich das alles überhaupt mache: Daran, wie sehr ich es liebe, mir ein Lied auszudenken, die Aufnahmetaste zu drücken, und mir anschließend das Ergebnis anzuhören – dieses Hochgefühl, die Liebe zur Musik! Es ist definitiv kein negativer Song, ganz im Gegenteil. Und übrigens, seit ich nach Montana umgezogen bin, in diese bergige Gegend, hat die Idee des ‘Elevate Myself’, also des Erreichens einer höheren Ebene, noch eine ganz andere, wörtliche Bedeutung erhalten.”

Damit nun aber nicht der Eindruck entsteht, Jason Lytle sei im Begriff abzuheben, oder sogar schon einen Schritt weiter und in anderen Sphären unterwegs, sei abschließend noch vermerkt, dass es zwar noch keine konkreten Pläne gibt, er jedoch bereits über ein musikalisches Leben nach Grandaddy nachdenkt. Das würde dann unter anderem eine Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Freund und Drummer Aaron Burtch beinhalten, aber auch Solo-Auftritte, die eine Mischung aus ernsthaftem Singer-Songwriter-Material und Karaoke-Einlagen bieten werden. Nach dem Berg ist eben vor dem Berg.

Text: Torsten Hempelt