Dass diese Band auch hierzulande gehörig polarisieren wird, verrät schon ein verstohlener Blick aufs Bandfoto. Richtig gesehen, die Jungs sehen aus wie Mötley Crüe oder Guns N’Roses in ihren besten Tagen und bemühen sich auch musikalisch, den siffig sleazigen und glamourösen Punk wieder salonfähig zu machen. Leute die (auf) Franz (oder) Ferdinand hören, lesen jetzt besser gar nicht erst weiter, aber alle, die wie ich, eine gesunde Trend-Leck-mich-am-Arsch-Attitüde haben und auf die große Gossen-Geste stehen, dürften über den neuesten britischen Zuwachs im Coolness-Kabinett des Straßendrecks sichtlich erfreut sein.

Das Beste daran: Wie ihr lang erwartetes Debütalbum “Blood Sweat & Towers” zeigt, zeichnen die Jungs sich nicht nur durch einen spitzenmäßige und stilsicher-authentische Optik aus, sondern können dazu auch noch rocken was das Zeug hält. Seit Dekaden hat man aus englischen Mündern schon lange keine so schön schmuddeligen und erdigen Punkrock-Hymnen mehr vernommen wie “Fuck It Up”, “Air Guitar” oder auch “How Rude She Was”. In knackiger Sex Pistols-Manier laden die Towers hier zu einem exquisiten und nicht abreißen wollenden Mitgrölgelage erster Güte. Dass die Jungs insbesondere in ihrer englischen Heimat nicht allerseits in den Medien für das gefeiert werden, was sie musikalisch zelebrieren, sondern eher oberflächlich für ihr Aussehen abgestraft werden, weiß Sänger Donny Tourette. “Wir sind die erste britische Punkrock-Band seit The Clash und den Pistols. Aber niemand schreibt darüber. Das finde ich schon sehr seltsam. Es gibt so viele Vorurteile. Aber ich bin nicht verbittert oder wütend darüber, es geht mir mittlerweile am Arsch vorbei.” Kann es ihm eigentlich auch, schließlich haben über 160 Gigs die Band nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich zu einer verflucht tighten Gang zusammengeschweißt, die jegliche Anfeindung oder Kritik von außen nur noch mit einem müden Lächeln quittieren kann. “Das Bekloppteste, was ich je in der Presse gelesen habe, war, dass ich auf Tour Selbstmord begangen habe”, so Donny, der dafür allerdings hier im Backstage-Raum des Berliner White Trash und später live auf der Bühne noch viel mehr einen recht agilen Eindruck im wahrsten Sinne des Wortes macht. Allerdings macht diese makabre Anekdote unmissverständlich klar, in welchem gesundheitlichen Zustand so manch einer diese Band wohl am liebsten sehen würde.

Die Towers Of London polarisieren, soviel steht fest. Und glaubt man den Einträgen im städtischen Bauamt, so sieht es demnächst auch nicht danach aus, dass eine neue Brücke zwischen den gegenüberliegenden und entgegengesetzten Musikverständnisseiten errichtet wird. “Dieser ganze Pseudo-Art-Pop… Meiner Meinung nach gibt es momentan kaum Bands in England, die ordentlich Arsch treten”, beschwert sich Donny, während Gitarrist und Bruder Dirk dem noch folgende richtige Beobachtung hinzufügt: “Ein paar Bands sind mit dieser Art Musik groß geworden, und auf einmal wird alles mit diesem Stil überflutet. Andere fangen an, diesen Sound zu kopieren, weil ihnen gesagt wird, dass es gerade In ist. Und die Presse schreibt dann all diese Kopien auch noch groß. Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Leute da draußen anfangen, ihre eigenen Ohren zu gebrauchen und nicht nur einfach alles schlucken, was ihnen auf der Tageskarte gerade serviert wird.” Wenn das mal keine ordentliche Punk-Ansage ist. Provokation wird bei den Towers eben endlich mal wieder groß geschrieben, so wie es sich im ursprünglichen Rebellionsgeist des Rocks eben auch gehört. Donny: “So wie ich aussehe, kann ich in unserer Heimat immer noch nicht überall rumlaufen, weil ich manche Leute damit voll auf die Palme bringe. In London stört das niemanden, aber fahr mal in kleiner Städte und Orte in England, da schlägt dir immer noch ein Haufen Feindseligkeit entgegen. Ich kann mir vorstellen, dass es damals ähnlich war, als es mit der Punk-Bewegung los ging. Nur mit dem Unterscheid, dass sich damals dann ein paar mehr Leute wie Punks gekleidet haben. Heutzutage laufen allerdings nicht so viele Leute rum wie wir.”

Angesichts der momentan modischen Invasion der akkuraten Kurzhaar-Unfrisuren und Fellkapuzen-Jacken eigentlich eine Schande. Aber wer weiß, vielleicht sind ja die TOL in Wahrheit dazu auserkoren, den britischen Rock jetzt mal richtig zu retten. Donny findet durchaus Gefallen an diesem Gedankenspiel. “Ich habe noch nie wirklich darüber nachgedacht, was wäre, wenn wir die neuen Retter des britischen Rock wären, aber es wäre doch um einiges spannender und aufregender als die Arctic Monkeys, oder?” Wer, außer vielleicht den beiden eingangs erwähnten Jungs mit den deutschen Namen oder der eingetragenen Einzelhandelsvereinigung für Jacken mit Fellkapuzen, würde dem wohl widersprechen…

Text: Frank Thießies