Die Wahrscheinlichkeit, dass man in Berlin auf der Straße richtig gute Musik zu hören bekommt, ist ja bekanntermaßen eher gering. Abgesehen von einer Handvoll Absolventen russischer Musikhochschulen, die sich ihr Talent in der Berliner U-Bahn in harter Valuta auszahlen lassen, besteht das Straßenorchester der Hauptstadt in der überwältigenden Mehrheit aus nervtötenden Nichts- bis Garnichtskönnern. Was in dieser Stadt in den Fußgängerzonen, vor Cafes und im ÖPNV zusammengeschrammelt, -geknödelt und -geröhrt wird erfüllt in der Regel nicht mal minimalste technische und kompositorische Standards.
Wie schön, wenn man dann doch mal auf eine der seltenen Ausnahmen stößt. Wie z.B. Ben, Onkel, Noodt und Matze alias die “Ohrbooten.”
Wer die vier Jungs mal auf der Straße live erlebt, merkt sofort, was das für gewiefte Menschenfischer sind. Wie ein feines Treibnetz verteilen sie ihre Lieder über den Gehweg und zwingen einen Passanten nach dem anderen zum Stehen bleiben und Mitwippen. Ihr Großstadtsound, den sie selber “Gyp Hop” getauft haben, vermischt geschickt Reggae mit Hip Hop Freestyles und feinen Melodien und dekoriert das ganze mit einem bunten Strauß schräger Klangeffekte. “Was Gyp Hop ist? Na eine Kreuzung aus Gypsie Musik und Hip Hop. Das ´Gypsie´ steht vor allem für eine bestimmte Attitüde – dieses Rumreisen und Spielen wann und wo man will. Und der Freestyle Hip Hop ist ein Element, dass sehr eng mit der Straße zusammenhängt. Davon abgesehen fanden wir den Namen einfach geil.”
 
Die Ohrbooten reisen grundsätzlich mit leichtem Gepäck. Ein kleiner Amp, eine Gitarre, ein Keyboard, eine Percussionkiste und Bens Schlappmaul reichen den vier Jungs in der Regel um ihren Münzhut voll zu machen. Das damit ihr Potential aber noch lange nicht ausgeschöpft ist, zeigt die Band immer dann, wenn man sie mit richtig dickem Equipment unterm Arm auf das ganz große Publikum loslässt – wie sie dieses Jahr auf diversen Open Air Festivals (Summerjam, Ringfest etc) unter Beweis stellen durften. “Du würdest dich wundern, wenn du uns mal auf der großen Bühne sehen könntest! Unser Sound ist dann auf jeden Fall um längen fetter. Da können wir mit allem mithalten was da sonst noch so spielt! Wenn man noch kein Album draußen hat, hat man ja auch gar keine andere Wahl als live zu überzeugen.”
Zumindest dieses Problem wird sich demnächst erledigt haben. Der erste Longplayer “Spieltrieb” ist im Kasten und dürfte ab September in den Regalen stehen. Die Produktion gestaltete sich übrigens unerwartet launig. Um den “Straßen-Spirit” ihrer Musik auch 1 zu 1 auf die Platte zu transportieren, haben sie das komplette Album einfach live eingespielt. “Das Equipment, das wir benutzt haben, war im Grunde das gleiche wie draußen. Nur etwas teurer. Wir haben alle in einem Raum gesessen und gestanden. Zu viert im Kreis und haben quasi Live-Konzerte gegeben. Wir hatten immer Leute da, die im Studio waren. Das war kein abgeschotteter Prozess. Die Leute konnten kommen, wann sie wollten, und wir haben für die Konzerte gegeben.”
Dass dieser Kunstgriff nicht leicht werden würde, war der Band dabei von Anfang an klar. Ihre Mucke lebt nämlich eigentlich vom Mitmachen. Von Bens situationsbezogenen Freestyles und von dem emotionalen Ping Pong zwischen Band und Meute, die sich gegenseitig immer weiter anstacheln. “Wir haben es auf jeden Fall versucht. Aber irgendwo ist es auch schön, dass du diese Live-Situation nicht simulieren kannst. Weil das heißt, dass die Leute immer wieder zu unseren Konzerten kommen wollen und müssen, um genau dieses Feeling zu haben.”
Bleibt zum Schluss noch die Frage auf, ob einem die Gigs außerhalb der gemütlichen Konzerthallen nicht hin und wieder Ärger mit der Ordnungsmacht einbringen? “Eigentlich nicht. Nur einmal, am ersten Mai hier in Kreuzberg. Da hatten wir einen Handkarren mit einem Amp dabei, sind spielend die O-Straße runtergezogen und hatten schon ne ganze Menge Leute im Schlepptau. An der Wiener Straße wurden wir dann von einer Hundertschaft abgefangen. Unser Equipment haben sie konfisziert. Wir seien eine ´unangemeldete Demo´ die ein ´Gefahrenpotential darstelle`. Unschöne Episode, das Ganze. Aber selber schuld.”
Text: Matthias Pflügner