Ja ja, der Dezember ist vorbei, es stehen schon die ersten Schoko-Osterhasen in Supermärkten zur Abholung bereit. Und dennoch: Die große Zeit der Decemberists scheint gerade erst anzubrechen. Jedenfalls hierzulande, denn in den heimatlichen USA “hielt uns unser Label offensichtlich für stark genug, ein neues Album mitten im Weihnachtsgeschäft herauszubringen”. Was Drummer John Moen einigermaßen amüsiert feststellt, entbehrt aber keineswegs empirischer Grundlage: Das von Chris Walla (Death Cab For Cutie) produzierte Major-Debüt der Band aus Portland, Oregon, verkaufte sich ausgezeichnet – und wird dieser Tage nun auch in Deutschland veröffentlicht.

Es ist wohl ein gutes Zeichen, dass bei diesem großen Internet-Auktionshaus bereits Decemberists-Gürtelschnallen angeboten werden…
Gürtelschnallen?! Die müssen die selber gemacht haben; wir verkaufen so was nicht!

Dafür aber Decemberists-Sets für textile Handarbeiten. Ist das gut gegen die Langeweile auf Tour?
Nein, wir dachten einfach, das wäre niedlich. Aber eigentlich will die niemand kaufen (lacht)…

Apropos “niedlich” – besonders niedlich oder auch märchenhaft sehen die beiden Personen auf eurem Cover ja nicht aus. Eher etwas teuflisch…
Ja, das stimmt… Aber ich weiß auch nicht woher das kommt. Die ganze Artwork-Sache arbeiten Colin (Meloy, Sänger, Gitarrist und Songwriter) und Carson (Ellis, Meloys Freundin und Mutter des gemeinsamen Kindes) zusammen aus. Alles, was ich dazu sagen kann, ist,dass ich es unglaublich gut finde, was Carson macht! Sie schafft es, eine starke Verbindung zwischen den Bildern und der Musik herzustellen.

Was mir bei der Story zum Albumtitel einfällt: Hast d sie eigentlich schon mal dabei gesehen, wie sie das Artwork herstellt?
(lacht) Ja, ich habe sie bei der Arbeit gesehen und ja: Sie sieht menschlich dabei aus!

Also hat sie nichts mit dem “Crane Wife”, der titelgebenden Kranich-Frau zu tun. Wie kam es zu dem Titel?
Als Colin vor einigen Jahren in einem Buchladen arbeitete, verlangte seine Chefin, dass sich alle Angestellten mit den Kinderbüchern im Sortiment eingehend beschäftigen. Damit sie, wenn sie um Empfehlungen gebeten würden, diese auch kompetent geben könnten. Und dabei stieß er auf das Märchen vom “Crane Wife”. (In dem Märchen geht es um einen armen Mann, der ein verletztes Kranichweibchen findet und gesund pflegt. Kurz darauf trifft er eine Frau, die er heiratet. Diese Frau verfügt über besondere Fähigkeiten als Seidenspinnerin. Eines Tages stellt der Mann – als er seiner Frau gegen ihren ausdrücklichen Wunsch nachspioniert und bei der Arbeit zusieht – fest, dass sie in Wirklichkeit der Kranich ist, der menschliche Gestalt angenommen hat und aus seinen Federn die Stoffe herstellt. Ein Märchen ohne Happy End: Frau Kranich fliegt entrüstet von dannen.)

Zwei Songs auf dem Album behandeln aber ganz und gar nicht märchenhafte Themen: “When The War Came”…
…für den wir übrigens von einigen Fans schon zu hören bekommen haben, er klinge überhaupt nicht nach den Decemberists (lacht). Er fällt also auch musikalisch anscheinend aus dem Rahmen. Und was war der andere Song, entschuldige, dass ich dich unterbrochen habe?

Kein Problem! Der andere wäre “Shankill Butchers”, der scheint ja auf einer ziemlich grausigen Geschichte zu basieren. (Die sogenannten “Shankill Butchers” waren eine Gruppe junger nordirischer Männer, die in den Siebzigern religiöse Vorwände nutzten, um Katholiken in Belfast zu misshandeln und oft auch umzubringen.)
Ja, und was Colin, der darüber gelesen hatte, sehr erstaunte,war, wie kürzlich das erst passiert ist – im Grunde genommen so gut wie gestern! Eine sehr seltsame, beklemmende Sache. In dem elben Buch stand übrigens auch, dass Eltern aus der Gegend in der diese Morde stattfanden, die Geschichte als eine Art warnendes Märchen benutzten, das sie ihren Kindern vor dem Einschlafen erzählten, damit diese brav blieben…

Das Stück hat auch ein bisschen was von einem “bösen Schlaflied”!
Stimmt – und es war schon einer meiner Lieblingssongs auf dem Album, bevor ich wusste, worum es darin geht.

Erklärt Colin euch seine Texte nicht, bevor ihr die Lieder aufnehmt?
Ach weißt du, mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Drums zum Song passen. Ich denke auch eher über Gesangsharmonien nach als über die Texte an sich. Je öfter wir die Stücke dann live spielen, desto mehr bekomme ich nach und nach davon mit…

Text/ Interview: Torsten Hempelt

The Decemberists On Tour
12.Feb.2007 – Prime Club, Köln
13.Feb.2007 – Knust , Hamburg
14.Feb.2007 – Postbahnhof, Berlin
16.Feb.2007 – Fri-son, Freiburg
17.Feb.2007 – Estragon Club, Bologna
18.Feb.2007 – Ampere, München
19.Feb.2007 – Flex Club, Wien