Den Beschränkungen des Musikbusiness sind Underworld mit ihrem neuen Album “Oblivian With Bells” entflohen, um ernsthaft Musik zu machen. Nach Jahren des Stillstands hat dies hörbar gut geklappt!

Seit drei Dekaden machen Karl Hyde und Rick Smith zusammen Musik. Angefangen als New-Wave-Band in den Achtzigern, gehören Underworld spätestens seit ihrem Megahit “Born Slippy” zu den Aushängeschildern des Elektro-Genres. “Dieses Lied war sehr lange eine Art Fluch für uns. Viele Leute haben jeden neuen Song von uns daran gemessen und kaum ein gutes Haar an den Nachfolgealben gelassen”, resümiert Sänger Karl Hyde die Entwicklung zurückblickend. Vielleicht ein Grund, weswegen die Musikwelt gute fünf Jahre auf ein neues Album warten musste. Oder lag es doch daran, dass die Beiden keine zündenden Ideen hatten? “Weder noch”, folgt die Antwort mit Bestimmtheit, “wir hatten die Nase voll von der Musikindustrie. Es hat uns immens genervt, dass so viel Geld für Promotion und so Zeug raus gehauen wurde. Es geht um die Musik und nicht um unsere Medienpräsenz!”

Ihr letztes, 2002 veröffentlichtes Album “A Hundred Days Off” bildete den Tiefpunkt und präsentierte eine Kapelle, die nicht nur soundtechnisch neben der Spur stand. Für Karl Hyde liegt der Grund jedoch weniger bei Underworld selbst, als vielmehr in dem Druck, der von Außen an das Duo herangetragen wurde. “Alle sagten: Los, mit dem Album müsst ihr noch einmal was ganz Großes schaffen! (überlegt) Keine Ahnung, warum wir uns dadurch haben beeindrucken lassen, aber unser Sound klang auf dieser Platte irgendwie nach Gestern!” Dem kann man leider nur zustimmen und der folgenreichen Entwicklung der ist auch kaum Gutes abzugewinnen.

Nachdem die Platte kommerziell floppte, habt ihr den Plattenvertrag auslaufen lassen und euch relativ rar gemacht. Von einer Sturheit war die Rede!
Karl Hyde: “Wir wollten uns den Mechanismen nicht mehr ausliefern und haben angefangen, unsere Sachen per Internet zu vertreiben. Bis zu einer gewissen Zeit war das auch ganz okay. Irgendwann bemerkt man allerdings, dass es auf diesem Wege unglaublich schwer ist, neue Hörer zu gewinnen.”

Du redest von Sachen, könntest den Kindern aber auch Namen geben. Abgesehen von ein paar einzelnen Songs, waren es nur zwei Soundtracks die Online veröffentlicht wurden!
Karl Hyde: “Das klingt, als wären wir faul gewesen. (lacht) Ich empfand Underworld in dieser Zeit als ein sehr produktives Projekt, denn wir haben wahnsinnig viele Auftritte absolviert. Allerdings nicht in den großen Hallen, sondern in kleinen Clubs. Vier, fünf Stunden haben Rick und ich dort aufgelegt und musikalisch wieder zueinander gefunden.”

Warum dann das Einlenken? Es hört sich doch alles ganz gut an – so ohne Label, ohne Tourstress und ohne Erfolgsdruck im Nacken!
Karl Hyde: “Die letzten vier Jahre waren einfach sehr wichtig, weil Underworld gelernt haben auf eigenen Beinen zu stehen. Deswegen sind wir zu der Überzeugung gekommen es mit diesen Erfahrungen noch einmal mit einer Plattenfirma zu versuchen. Rick und ich wollen, dass so viele Leute wie möglich von ‘Oblivian With Bells‘ Notiz nehmen.”

Es bleibt abzuwarten, ob dies wirklich so eintreten wird. Sicher ist zumindest, dass Underworld etwas Großes erreicht haben: Im Gegensatz zu Kollegen wie Daft Punk, DJ Shadow oder auch Fatboy Slim sind sie der kreativen Sackgasse entkommen. “Oblivian With Bells” klingt trotz Neunziger-Big-Beats nur selten nach “Gestern” und kann durch Neuerungen bei den Arrangements, Samples und klassischen Instrumenten punkten. “Ich weiß von diesem ungeschriebenen Gesetz im Elektrogenre: Bist du zu lange weg, verlierst du den Anschluss! Deswegen war es uns auch sehr wichtig, den Puls an der Zeit zu behalten. Wir haben die musikalischen Trends sehr wohl verfolgt und sind nicht engstirnig geworden. Ich meine, wenn inzwischen bis zu fünf Gitarren bei einem Underworld-Track zum Einsatz kommen, ist dass doch wirklich eine Weiterentwicklung, oder?!”

Halten wir also fest: Satt und Zufrieden scheinen Underworld noch lange nicht zu sein. Ihre neuen Songs werden sicherlich nicht als “new and fresh” bezeichnet werden. Allerdings besitzen sie genügend Coolness, um der gleichaltrigen Kollegenschar den Neid ins Gesicht zu treiben!

Text: Marcus Willfroth