Sie stehen einer in jeder Hinsicht einzigartigen und ungewöhnlichen Band vor. Die Inspiration für ihre Alben beziehen Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler-Zavala aus Filmen, so auch für das neue und dritte ‘Amputechture’. Den sicheren Hafen der einst als innovativste Hardcore-Band der auslaufenden Neunziger geltenden At The Drive-In gaben sie auf für das seit fünf Jahren andauernde, dem Hörer einiges abverlangende Klang-Experiment The Mars Volta. Der Preis? Künstlerische Anerkennung. Und wer kann schon von sich behaupten, dass bei Konzerten John Frusciante am Bühnenrand steht und mittels einer nicht eingestöpselten Gitarre Ton für Ton sämtliche Songs mitspielt.

The Mars Volta befinden sich auf einer US-Tour mit den Red Hot Chili Peppers. Es ist vier Uhr Nachmittags, Cedric Bixler-Zavala ist gerade auf dem Weg zum Soundcheck. Erst vor wenigen Wochen hat er mit seinem Partner die Aufnahmen am dritten Mars Volta-Album ‘Amputechture’ abgeschlossen, nun gilt es bereits das für normale Hörgewohnheiten durchaus sperrige Werk Abend für Abend dem zuletzt noch einmal rasant angestiegenen Mainstream-Publikum der Peppers schmackhaft zu machen. Ein Unterfangen, welches laut Zavala “insgesamt gut läuft”.
Vor allem hinter den Kulissen dürften ohnehin alle ihren Spaß haben, handelt es sich doch um eine Art Familienunternehmen: Nachdem Flea und Frusciante bereits in der Vergangenheit bei Mars Volta aushalfen, hat letzterer nun auf ‘Amputechture’ beinahe sämtliche Lead-Gitarren beigesteuert. Privat verbindet beide Bands eine große Freundschaft. “Es ist klasse”, erklärt Zavala. “Flea und John stehen jeden Abend am Bühnenrand und sehen uns zu. Am Tollsten ist aber Fleas Tochter. Sie ist erst einige Monate alt, aber für mich steht jetzt schon fest, dass sie einmal Musikerin werden wird. Sobald ihr Vater auf irgendeinem Instrument spielt, fängt sie begeistert an mitzuwippen und strahlt über beide Ohren.”
Aber wäre die gemeinsame Tour nicht auch eine gute Gelegenheit, den einen oder anderen Gig mit Frusciante gemeinsam zu bestreiten? “Nein, das machen wir nicht. John hat aber während wir spielen stets seine Gitarre umhängen und spielt alles mit – auch wenn er sie nicht eingestöpselt hat.” Doch auch wenn Mars Volta live auch ohne den Peppers-Gitarristen gut auskommen – die gemeinsame Arbeit am aktuellen Werk will Zavala nicht missen: “Das tolle an John ist, dass er absolut alles spielen kann und sich ganz in den Dienst der Musik stellt. Am besten gefällt mir sein Beitrag zu ‘Viscera Eyes’. Dort spielt er ein großartiges Outro, das die Nummer noch einmal in eine ganz andere rhythmische Richtung bringt. Sie bekommt dadurch ein richtiges Grateful Dead-Feeling.”
Ohnehin ist Cedric auch mit der neuen Platte mehr als zufrieden. Auch wenn im Gegensatz zu den beiden Vorgängern kein durchgehendes inhaltliches Konzept verfolgt wird, handelt es sich bei ‘Amputechture’ um ein in sich geschlossenes Werk, das eher an einen der von The Mars Volta so geschätzten Experimentalfilme wie The Holy Mountain’ von Alejandro Jodorowsky erinnert als an die üblichen Verdächtigen unter den musikalischen Referenzen. Zumindest scheint es schwer denkbar, aus diesem Werk eine Single auszukoppeln oder sich einzelne Tracks auf den iPod zu laden.
Die Wiedergeburt des Albums als konzeptionelles Gesamtkunstwerk ist Zavala jedenfalls ein deutliches Anliegen, während er dem Computer-Zeitalter bei weitem nicht nur Positives abringen kann. “Wir laufen Gefahr, durch den heutigen Perfektionsdrang und die fortschreitende Computerisierung immer mehr unsere Menschlichkeit zu verlieren. Zumindest in der Kunst ist es aber so, dass sie erst durch ein menschliches Element lebendig wird.” Und den Vergleich seiner Musik mit Filmen findet er in jedem Fall interessanter als ständig die offensichtlichsten Vergleiche zu wiederholen: “Natürlich denkt jeder bei uns zuerst an Krautrock, Free-Jazz und Art-Rock. Das ist mir aber ein bisschen zu offensichtlich und langweilig. Die meisten Leute würden sich wahrscheinlich wundern, wenn ich sage, dass uns zum Beispiel Leute wie Yoko Ono, Slade oder auch die Shangri-Las mindestens genauso stark beeinflusst haben.” Letztere erinnern ihn an die Jugend in El Paso, an Engtänze, Autokinos und gemeinsame Abende vor dem elterlichen Plattenspieler.
Woher auch immer die Musik kommt, eins steht fest: Mit The Mars Volta haben Cedric und Omar endgültig ihre musikalische Heimat gefunden. Und auch wenn At The Drive-In allerorten bis heute nachgetrauert wird, kann Cedric selbst seiner früheren Band heute nicht mehr besonders viel abgewinnen: “Ehrlich gesagt habe ich seit dem Tag unserer Auflösung keinen der alten Songs mehr gehört und sie gefallen mir auch nicht mehr besonders. Ich musste sie sieben Jahre lang singen, das reicht für ein ganzes Leben.” Schade.