“Niemand hat uns je verstanden”, seufzt Mike Watt irgendwo im Mittelteil der ‘We Jam Econo’-Doku-DVD, die dieser Tage erscheint, und die die Geschichte seiner Band, der Minutemen, erzählt. Sieht man aber die leuchtenden Augen und die offensichtliche Begeisterung der zahlreichen Weggefährten, die in dem Film ebenfalls zu Wort kommen, dann ist klar, dass Watt Understatement betreibt. Zugegeben, vielleicht sind nicht alle subtilen Anspielungen, alle politischen Ambitionen und komplexen musikalischen Ideen, mit denen die Band ihr Werk unter, ja vielleicht sogar überfüttert hat, genügend gewürdigt oder überhaupt zur Kenntnis genommen worden. Eines aber steht fest: Die Minutemen waren eine eminent wichtige Band des US-Undergrounds.

1976, als Mike Watt (Bass), Dennes ‘D.’ Boon (Gitarre) und George Hurley (Schlagzeug) in San Pedro ihren High School-Abschluss machen, ist Punk noch alles andere als das stereotype Genre, als das wir es heute zu kennen glauben – und die drei Jugendfreunde sind alles andere als stereotype Punks, wie wir sie heute kennen. Von Boons Mutter zum Musikmachen ermutigt – in dem Bestreben, die Jungs von der Straße und möglichem Ärger fernzuhalten – verbringen Mike und D. endlose Stunden damit, sich völlig autark auf einen individuellen Stil zu verständigen: Inspiriert von bodenständigem Rock der Marke Creedence Clearwater Revival und Blue Qyster Cult, von abgehobenen Funkbands wie Funkadelic und auch vom Punkrock der frühen Black Flag und Germs, brauen die beiden ihr ganz eigenes Süppchen. Als George Hurley, ebenfalls musiktheoretisch und -praktisch bis dato völlig unbeleckt, zum Schlagzeuger ernannt wird, sind die Minutemen nach einigen Kurskorrekturen (und einer Namensänderung) bereit, die Welt zu erobern.

1980 erscheint ihre erste EP ‘Paranoid Time’ auf dem Label ‘SST’. Das gehört Greg Ginn, dem Gitarristen und Chef der Band Black Flag, und hat bis dahin nur die BF-Debüt-Single ‘Nervous Breakdown’ herausgebracht. Und dann die Minutemen, die “völlig anders als Black Flag klangen. Genau die richtige Band also für eine zweite Veröffentlichung”, findet der ebenfalls für ‘We Jam Econo’ interviewte Ian MacKaye (Minor Threat-, Embrace-, Fugazi-Mitglied & Dischord-Labelbetreiber). Von da an geht es Schlag auf Schlag: Die drei aus San Pedro veröffentlichen Platte um Platte, mit immer mehr und mehr, zumeist extrem kurzen, reduzierten (mitunter auch mal längeren) Songs, angefeuert von der Energie des Punk und der Quirligkeit und dem Groove des Funk. Sie liefern sich schließlich 1984 mit ihren Labelgefährten Hüsker Dü ein freundschaftliches Rennen um die erste Doppel-LP auf ‘SST’ – die ‘Hüskers’ haben knapp die Nase vorn und veröffentlichen 23 Songs als ‘Zen Arcade’; doch bereits die nächste SST-Katalognummer sind die Minutemen mit ihrem stolze 43 Titel umfassenden Meisterwerk ‘Double Nickels On The Dime’ und dem auf dessen Cover zu lesenden augenzwinkernden Seitenhieb: “Take that, Hüskers!”

Nach eigenem Bekunden sehen die Minutemen – entgegen dem Gros der professionellen Musiker – nicht die Konzerte als Vehikel, mehr Platten zu verkaufen, sondern, wenn überhaupt in solchen Kategorien gedacht werden soll, die Platte als eine Art Werbung für das von ihnen so geliebte Touren. Und das tun sie ausgiebig, spielen vor teils begeistertem, teils gleichgültigem, mitunter sogar – und auch das dokumentiert ‘We Jam Econo’ – feindseligem Publikum. Nichts lässt die drei in ihrem Bestreben zweifeln, Musik im Auftrag des guten Zwecks zu machen; sie planen Konzerte am frühen Abend, so dass auch arbeitende Menschen sie sich anschauen – und trotzdem am nächsten Morgen früh aufstehen können.

Und es läuft gut für diese Band, die nach eigenen Regeln spielt: Die ausgiebigen Touren festigen ihre Position, ihr Einfluss ist kaum noch zu übersehen. Auch REM, damals noch ein gutes Stück von ihrem heutigen Status entfernt, aber immerhin schon eine beachtliche Größe, setzen gegen den Willen ihrer Plattenfirma 1985 durch, dass die Minutemen sie auf ihrer Tournee begleiten. Es wird die letzte für das Pedro-Trio sein – das Ende der Minutemen ist ein tragisches: “Ian: D. Booon was in a car wreck. He’s dead.”

So steht es auf dem von Henry Rollins verfassten Zettel, den Ian MacKaye über 20 Jahre aufbewahrt hat, und den er gen Schluss des Films in die Kamera hält. Am 22. Dezember 1985, kurz nach dem letzten Konzert der Tour, stirbt D. Boon bei einem Autounfall – die Geschichte der Minutemen kommt zu einem abrupten Ende. Mike Watt und George Hurley sind schockiert und beschließen, die Musik aufzugeben. Dass allerdings eines Tages ein junger Mann namens Ed Crawford an Mike Watts Tür klopft, und diesen samt George Hurley überreden kann, gemeinsam mit ihm eine Band namens fIREHOSE (sic) zu gründen – das ist beruhigend, aber andererseits vielleicht auch Stoff für einen weiteren Film…

Was von den Minutemen bleibt, sind unzählige kleine große Songs, ein unschätzbarer Einfluss und der unermüdliche Mike Watt, der seit dem Ende von fIREHOSE Mitte der Neunziger sowohl solo als auch in unterschiedlichsten Kombinationen (mit Jane’s Addiction, Iggy & The Stooges etc.) unterwegs ist. Immer in der Motivation, das Erbe von D. Boon und den Minutemen am Leben zu erhalten: “Folks ask: what kind of bass player am I? My answer is ‘I’m D. Boon’s bass player.'”