Ich weiß nicht, wie viele Bands es gibt, die zu Lebzeiten nie den Durchbruch schafften und erst nach deren Auflösung in den Himmel gehoben wurden. Doch ich weiß, dass Velvet Underground eine von ihnen ist. Damals verspottet, nicht ernst genommen, tummeln sich heute massenweiße Bands, die sich von der Britischen Rockband inspiriert sehen und sie als ihre großen Vorbilder propagieren.

 

Mitte der wilden 60er Jahre schließen sich Lou Reed, John Cale, Angus MacLise, Maureen Tucker und Sterling Morrison zu Velvet Underground zusammen. Der Bandnamen entstammt eines Sadomaso-Romans, den Reed im Müll seines Vermieters gefunden hat. Ihren ersten Auftritt haben Velvet Underground am 11.Dezember 1965 in New York. So richtig in Fahrt kommt ihre Karriere aber erst, als der Pop-Art-Künstler Andy Warhol die Band bei einem Auftritt entdeckt. Ihn faszinierte der kuriose Auftritt der Band, den diese spielt mit dem Rücken zum Publikum. „Wir ignorierten quasi unser eigenes Publikum und konzentrierten uns nur auf unseren Sound” (John Cale). Dies imponiert Warhol und engagiert sie für sein Projekt „Exploding Plastic Inevitable“. Im Gegenzug soll die Band das Kölner Model Nico integrieren, um so live eine erotischere Ausstrahlung zu bekommen. Zähneknirschend stimmt man zu. Reed komponiert ihr den Titel „I’ll Be Your Mirror“ auf den Leib.

Endlich meldet sich mit Verve eine Plattenfirma. Das Debütalbum kann kommen. Doch das Label verschwendet massig Zeit und lässt das Werk erst ein Jahr nach der Produktion auf den Markt los. 1967 erscheint „The Velvet Underground & Nico” mit einem von Warhol geschaffenen Cover. Es zeigt eine abziehbare Banane. Die Promotion-Arbeit des Labels ist auch nicht der Rede wert und so geht die Scheibe nach ihrem Erscheinen mehr oder weniger an der Zeit vorbei und bekommt erst später den Ruhm, den sie verdient. Die Band hat sich mittlerweile wieder von Warhol und auch von Nico getrennt und geht auf diverse Tourneen. Vor allem sind sie in Kalifornien gern unterwegs, da sich dort die Möglichkeit ergibt, tagsüber an den Stränden zu verweilen und abends in verqualmten Clubs aufzuspielen. Jedoch beginnen die Spannungen zwischen Lou Reed und John Cale sich immer mehr zu vergrößern.  Das zweite Album „White Light/White Heat“ wird von Tom Wilson produziert und nähert sich der Kunstform Krach. Auf Grund seiner fehlenden Eingängigkeit, wird es kein kommerzieller Erfolg. Nach den Aufnahmen kommt es zum Duell. Reed möchte von Morrison und Tucker wissen, ob sie lieber mit ihm oder Cale weiter machen wollen. Reed kann sich durchsetzen und schickt Tucker vor, Cale die Hiobsbotschaft zu überbringen.

 

Am 28. September 1968 spielt er sein letztes Konzert als Teil der Velvet Underground in der Heimatstadt seines Nachfolgers: in Boston. Für ihn springt Doug Yule in den Untergrund. Mit ihm im Studio und Reed als alleinigen kreativen Geist veröffentlichen sie 1969 das Album „The Velvet Underground“. Der experimentelle Spirit ist vertrieben und man kann mittels sanfter und melancholischer Tracks die Verkaufszahlen erstmals in vorzeigbare Dimensionen katapultieren. Jedoch verlässt Reed, noch bevor das Album „Loaded“ in den Regalen steht, 1970 die Band um sich für ein Jahr aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen. Damit ist die Band im Grunde tot. Doch Manager Steve Sesnick will den kommerziellen Namen noch weiter ausnutzen. 1972 erscheint „Squeeze“. Jedoch hat dieses mit der Originalformation rein gar nichts zu tun, denn Doug Yule spielt das komplette Album allein ein. Die offizielle Auflösung wird 1973 bekannt gegeben.

1987 stirbt Andy Warhol. Durch die Zusammenarbeit an der Hommage „Songs For Drella“ kommen die einstigen Streithähne Reed und Cale wieder zusammen. Eine Reunion scheint möglich. Als im Juni 1990 alle ehemaligen Mitglieder sich bei einer Warhol-Retrospektive zusammen finden und spontan den Song „Heroin“ intonieren, scheint eine weitere Runde Velvet Underground in greifbare Nähe. Und tatsächlich, im Jahr 1993 versöhnen sich die ehemals verfeindeten Künstler. Doch der Frieden hält nur kurz. Zu tief sind die Gräben zwischen Reed und Cale, so dass nach nur einer Tour im Vorprogramm von U2 die Band erneut kapituliert. Mit dem Tod Morrisons im Jahr 1995 endet die Geschichte von Velvet Underground endgültig. Einer Band, der der kommerzielle Erfolg stets verwehrt blieb, aber bis zum heutigen Tag, Künstler in aller Welt inspiriert und ganze Musikstile prägte.

Velvet Underground waren:
Lou Reed Gitarre – Gesang    
John Cale – Bass, Viola, Keyboard, Gesang
Sterling Morrison – Gitarre, Gesang, Bass
Maureen „Moe” Tucker – Schlagzeug    

Enrico Ahlig