John Stargasm war früher ein waschechter Punkrocker. Allerdings gehörte der Ghinzu-Sänger selbstverständlich nicht jener Seitenscheitel tragenden Pussy-Fraktion an, die heute vielfach mit dem Begriff Punk assoziiert wird, sondern er und seine Jungs waren richtig toughe Burschen “mit Blut auf der Bühne und so”. 

Nun würde der sympathische Belgier mit dem Omnipotenz signalisierenden Namen vermutlich noch heute seine Bierpullen mit den Zähnen aufmachen, gäbe es da nicht ein kleines Problem: Der bekennende Queen-Fan Stargasm spielt seit frühester Jugend Klavier und wollte unbedingt einmal so komplexe und auf den schwarzen und weißen Tasten basierende Mini-Opern komponieren wie seine Vorbilder – freilich jedoch ohne deren Schmock und Popanz. Konsequent nutzt er deshalb 1999 den ohnehin bevorstehenden Split seiner alten Punk-Truppe Vegasian und begibt sich in Klausur, um einige an Kopfkino-Dramen Radiohead’scher Provenienz gemahnende Kunstrock-Dramen zu komponieren. Auf der Suche nach geeigneten Mitmusikern erinnert er sich an die alten Vegasian-Kollegen Michaël Nagazaki (Bass) und Ex-dEUS-Schlagzeuger Fabrice George. Greg Remy (Gitarre) und Sanderson Poe (Contrabass) ergänzen das Line-Up, Ghinzu sind geboren.

“Das Klavier war in der Rock-Musik einige Jahre völlig out, aber ich denke, dass es jetzt wieder populärer wird”, hofft ein leicht verkaterter John, dass ihm der Zeitgeist hold ist. Eine Hoffnung, die verschleiert, dass Ghinzu weitaus mehr zu bieten haben als rührselige Klavierstücke – wie man angesichts dieser Äußerung vielleicht vermuten könnte. Die mannigfaltigen Einflüsse der Protagonisten “von Clash bis zu den frühen Pink Floyd” und ihre instrumentale Variabilität sorgen dafür, dass sich die Band auf ihrem zweiten Album “Blow” in einem bunten Gemischtwarenladen populärer Musik bedient, ohne dabei je zur reinen Versuchsanstalt zu mutieren. Und selbst die Punkrock-Roots haben außer aufgeschlagenen Unterlippen auch noch andere Spuren hinterlassen, wie man nicht zuletzt auch auf der ersten Single ‘Do You Read Me’ hören kann. Die Befürchtung Stargasms “nicht underground genug für Deutschland zu sein”, erweist sich demnach bereits nach wenigen Durchläufen des formidablen Erlebnistonträgers als völlig unbegründet.

Tatsächlich ist Vielseitigkeit der entscheidende Trumpf der in Belgien und Frankreich bereits ziemlich erfolgreichen Band. “Ich mag aktuelle Acts wie die Strokes oder White Stripes”, erklärt John. “Was mich jedoch an diesen stört ist, dass ihre Alben nur eine musikalische Richtung bedienen. Ich meine, ein Künstler malt doch auch nicht nur mit einer Farbe.” Und in der Kunst kennt sich der früher äußerst erfolgreich als Art Director arbeitende Stargasm bestens aus. Trotz des anspruchsvollen Backgrounds sind Ghinzu jedoch alles andere als humorlose Muckertypen. Im Gegenteil, Humor ist eine tragende Säule des Fünfers aus der belgischen Metropole – auch wenn sie die Image gebenden Afro-Perücken mittlerweile weglassen. “Was uns reizt, ist die Balance zwischen Cheesiness und Ernsthaftigkeit. Es gibt einen ganz schmalen Grat, den man nicht überschreiten darf, sonst wird es lächerlich. Und die Sache mit den Perücken drohte zu sehr ins Alberne abzudriften. Außerdem schwitzt man unter diesen Dingern wie in der Hölle”.

Text: Torsten Groß