Kratzig Charmanter Metropolen-Country mit dem grantigen Eigensinn eines Intellektuellen wider Willen. Ein Tatgegenstand, oder Element Of Crime, der auf mysteriöse Weise und ohne, dass es jemand ahnen konnte, bis heute nahezu unverändert entgegen jeder musikalischer Mode fortdauern konnte. In eben diesem Sinne ist das neue Album eine Überraschung, weil es eben so überraschend konventionell und bodenständig ist. So wie sich der Hauptverdächtige gerne selbst sieht. Ein Gespräch mit Sven Regener darüber, warum der Täter vielleicht doch nicht immer wieder an den Tatort zurückkehrt.

Herr Regener, Ihre neue Single heißt schlicht und einfach “Delmenhorst”. Und sie ist kein Liebeslied. Was hat Ihnen diese Stadt getan?
Nichts. Schauen Sie mal hier. Delmenhorster Kreisblatt, die haben das richtig verstanden. (Zitiert) “Keine Jubel-Arie: Mystisch und melancholisch erzählt er vom Grenzübertritt nach Delmenhorst und blickt auf Getränke Hoffmann, ein Geschäft, das längst nicht mehr existiert.” – Ich habe zum Beispiel gar nicht gewusst, dass es je existiert hat. – “Der stets Introvertierte transportiert einmal mehr eigenwillige Stimmung.” – Der Delmenhorster ist cool. Der Delmenhorster sagt: “Ja ist doch cool, ein Lied über Delmenhorst!” Und natürlich geht’s nicht darum, eine Apotheose Delmenhorst zu schaffen. Nein, nein, nein: Delmenhorst ist poesiefähig! Und eine Stadt, die poesiefähig ist, gegen die hat man nichts. Oder wenn, dann so wie bei “Nutbush City Limits”, aber das kann man ja wohl bei dem Delmenhorst-Lied nicht sagen. Nein, Delmenhorst ist genau so ein guter Ort, um Geschichten spielen zu lassen, wie Tucson, Arizona oder San Bernadino. Denn Delmenhorst klingt genauso gut wie San Bernadino. Der Klang ist cool: “Delmenhorst”. Das bringt auch eine Menge Assoziationen mit sich, das hat eine ganz eigene Kraft. Und: Bei mir reimt sich Delmenhorst sogar auf Spaß, das schafft sonst auch keiner. Nein, das ist kein Lied gegen Delmenhorst, was soll das auch bringen? Sondern ein Liebeslied auf eine seltsame Weise. Es geht um eine Flucht, um das Exil, das man wählt, um aus dem bisherigen Leben zu verschwinden. Aber ich hab Delmenhorst seit 23 Jahren nicht mehr gesehen. Es handelt sich also um ein virtuelles Delmenhorst. Das Delmenhorst in uns allen.

Ohne den Delmenhorstern zunahe treten zu wollen. Was, bitte, ist an Delmenhorst poesiefähig?
Der schöne Name! Außerdem steht Delmenhorst natürlich für diese kleinen Städte. Es gibt ja Tausende von Städten in Deutschland, und die meisten Leute leben eben nicht in großen Städten, sondern in Kleinstädten. Wenn man sich dem gar nicht stellen kann, wenn man das nicht in die Songs reinkriegt, dann kann man das eigentlich alles lassen. Das ist die Nagelprobe gewesen, Stiftung Warentest, für mich. Schafft man das? Kann man Lieder machen, die genuin in diesem Land spielen, die romantisch sein können obwohl sie in Delmenhorst spielen? Und ja, es geht!

Bisher spielte sich die romantische Lebenswelt, die Sie in Ihren Songs verarbeitet haben, ja eher weniger im klassischerweise unromantischen Kleinstadtmilieu ab.
Die Geschichten, die wir erzählen, haben ja schon viel mit Großstädten zu tun. Aber gleichzeitig hat die Musik ja auch manchmal diesen ländlich mexikanischen Einschlag. Durch diese Art von Gitarren und Mandolinen von Jakob, gibt es so seltsame countryesque Elemente, und seien es nur Alpencountry-mäßige. Aber so was Volkstümliches, Folkiges, schwingt ja immer mit. Und das ist ja gerade der Reiz, auch für uns, warum sich das vielleicht immer wieder so paradox darstellt. Es ist so eine Art Folk-Rock was wir da machen, städtischer Folk-Rock, was eigentlich ein Widerspruch ist. Aber so kann man dann zum Beispiel auch ruhig mal ein Bild nehmen wie von der Haltestelle auf dem Cover und drüber schreiben, “Mittelpunkt der Welt”.

Die Haltestelle, die das Cover des Albums ziert, spricht gleichzeitig für eine traumatische Trostlosigkeit des flachen Landes und erinnert an die romantische Verklärung von Wild West Endlosigkeit. Was überwiegt?
Natürlich geht’s auch um Verklärung. Wenn wir uns aber die Welt, die wir vorfinden, nicht auch verklären, dann wird’s irgendwann unerträglich für uns, in ihr zu leben. Das ist ganz einfach: Wir müssen uns das irgendwie auch ein bisschen schöntrinken. Und dafür sind Lieder da. Und ich muss sagen, es macht auch einfach Spaß. Wenn wir das gar nicht könnten, das wäre trostlos, dann hätten wir versagt. Ich arbeite gern mit der Wirklichkeit, die ich vorfinde. Ich bin nicht so ein New-York-Rio-Tokio-Typ, der der Meinung ist, nur in Berlin, München und Hamburg geht’s.

Dass bei Element Of Crime der Glamour nicht im Vordergrund steht, ist bekannt. Das neue Album unterstreicht aber die Bodenständigkeit noch mal mehr. Sie selbst gehen auch nicht gerade auf Publicity-Search…
Ich bin nicht gern in der Öffentlichkeit. Ich mache mich einfach nicht gern öffentlich. Weil, fremde Leute, was sollen die alles über mich wissen? Bis zu einem gewissen Grad geht das, in Bezug auf die Musik hat das ja einen guten Grund. Denn Musik veröffentliche ich gerne, und dann muss man auch durchaus auch Rede und Antwort stehen, das finde ich völlig in Ordnung. Aber es ist gut, wenn’s dann vorbei ist. Auch für den Rest der Welt. Niemand will dauernd Element Of Crime in den Zeitungen sehen, niemand will dauernd Sven Regener quatschen hören. Es muss auch mal Ruhe geben.

Herr Regener, vielen Dank für das Gespräch.

Text: Christoph Schrag