“You’re Speaking My Language.” So der Titel des Debütalbums von Juliette Lewis samt Begleitband The Licks. Dass derselbe Satz gleich zu Anfang der Platte ertönt, weist darauf hin, dass es keiner besonderen Ausbildung, z.B. in Form eines Volkshochschulkurses oder Vokabeltrainers bedarf, die Sprache zu erlernen, die Ms. Lewis als gemeinsam voraussetzt. Und dem ist natürlich auch so; ist das Idiom, um das es sich dreht, doch die internationale Sprache des Rock’n’Roll.

Und die, um noch einen Moment bei der Metapher zu verweilen, beherrscht Juliette Lewis tatsächlich fließend: Vom Imperativ des Iggy bis zum Gerundium der GoGo’s, vom Akkusativ der Avengers bis zum Disjunktiv der Distillers – betritt sie die Bühne oder das Aufnahmestudio, ist sie jederzeit in der Lage so fehlerfrei zu konjugieren, deklinieren, eben zu rocken, dass die Versuchung groß ist, in ihr gar eine Muttersprachlerin des Rock zu vermuten. Und dennoch, wie vermutlich 98,3% der Leser dieses Textes sowieso wissen, stammt die dunkelhaarige Dame eigentlich aus einem anderen Genre mit ganz eigenem Jargon: dem Film.

Die Rolle des leicht entrückten, abseitigen oder durchgeknallten Teenagers bis jungen Erwachsenen war es, die sie in verschiedenen Varianten in Filmen wie ‘Kap der Angst’ oder ‘From Dusk Till Dawn’ immer wieder gab. Nicht zu vergessen ihre Gesangsdarbietung (eine PJ Harvey-Coverversion) in dem Endzeitdrama ‘Strange Days’. Das ist schon eine ganze Weile her, etwa zehn Jahre. Warum hat es dann, obwohl Madam es nach eigenem Bekunden “schmerzhaft offensichtlich” findet, dass sie “zur Rock’n’Roll-Sängerin bestimmt” sei, so lange gedauert, bis sie sich mit eigenen Songs ans Licht wagt? “Ich hätte das viel früher machen sollen, nur fehlten mir bislang die Eier dazu, im übertragenen Sinne.” Inzwischen, so ist sie sich sicher, ist sie sich im Klaren “worüber ich schreiben und singen will.”

Als da zum Beispiel wären: Die Dummheit des derzeitigen Präsidenten und seiner Gefolgschaft (‘American Boy’), ein ’20 Year Old Lover’ oder aber die Aufregung der Liebe im Allgemeinen, der sie mit dem vielleicht schönsten Lied des Albums ‘Seventh Sign’ ein musikalisches Denkmal setzt.
Trotz der Tatsache, dass die 31-Jährige mit keinem der Songs das sprichwörtliche Rad neu erfindet, merkt man ihrer Musik dennoch die Liebe und Überzeugung an, mit der sie gemacht ist. Was auf Platte souverän und druckvoll aus den Boxen rollt, wird live kongenial umgesetzt. Zwischen Betreten der Bühne mit knappem Stöffchen am Leib und Wikinger-Helm auf dem Haupt bis zum finalen Stage-Dive mit Anlauf, liegen viele kurzweilige Minuten voll sattem Riff-Rock und Punk-Pop, spaßigen Ansagen und bandinternen Schäkereien. Kurz: ein rundum stimmiges Rock-Vergnügen.

Dass so etwas nicht von ungefähr kommt, und neben Talent und dem Wunsch auch eine Menge Arbeit erfordert, macht sich in der Prioritätensetzung von Juliette Lewis bemerkbar: “Ich mache diese Jahr nur einen Film, die Musik steht für mich im Mittelpunkt.” Sie möchte “soviel touren wie möglich” und das Rock’n’Roll-Leben auskosten, das sie sich auf Grund ihrer Unsicherheiten so lange verwehrte.

Bleibt also abschließend festzustellen, dass sich in diesem Falle die Überwindung des inneren Schweinehundes gelohnt hat. Im Gegensatz zu den zumeist halbgaren musikalischen Seitensprüngen vieler ihrer Schauspielkollegen und – kolleginnen nämlich gibt bei ‘You’re Speaking My Language’ wie auch bei der bereits erschienenen Vorab-EP ‘Like A Bolt Of Lightning’ so gut wie nichts Anlass zu der Beklemmung, die den Hörer so manches mal beschleicht, wenn ein sprichwörtlicher Schuster seine angestammten Leisten hinter sich lässt und sich beim Stemmen der neuen einen Bruch hebt… Juliette Lewis biedert sich nicht an Trends an, liefert nicht den verkaufsfördernden Werbesoundtrack zu einem weiteren Produkt/Film, sondern lässt ganz einfach die in ihr bislang schlummernde Rocksau heraus. Und das ist gut so.

Text: Ralph Schlegel
Interview: Michael Lücke