So, nun haben wir also mit dem Oscar ein weiteres cineastisches Großereignis hinter uns gebracht. Anders als die Berlinale hat der Academy Award allerdings so gut wie gar nichts mit der Realität der neuen Filme dieser Woche zu tun. Doch was war es wieder für eine Nacht: Beyoncé durfte mehrmals am Abend ihr Kleid wechseln – und wir sind Oscar! Wobei – so ganz sicher sind wir uns noch nicht, ob wir mit diesem fast schon unangenehm selbstbewussten Riesen Florian Henckel von Donnersmarck in einen Topf geworfen werden wollen. Da kann sein Film noch so gut sein.

Von den Neustarts dieser Woche war nur ein einziger für die Goldjungs nominiert: Stephen Soderberghs „The Good German“, und das auch nur in der Kategorie Beste Musik. Tatsächlich hätte er mehr auch nicht verdient gehabt. Soderbergh versteht seinen Film nämlich als Hommage an den Film noir der Vierziger Jahre, weswegen er hübsch anzusehend in Schwarzweiß und sehr melodramatisch daherkommt. Doch diese Idee verpufft noch an der Oberfläche, weil die Geschichte über das Nachkriegs-Berlin von 1945 merkwürdig irrelevant und uninteressant daherkommt. Auch der sehr zurückgenommene George Clooney und die recht theatralische Cate Blanchett (die momentan überall anzutreffen ist, u.a. auf der Oscar-Bühne mit Henckel von Donnersmarck) können da kein wirkliches Feuer entfachen.

Reichlich Feuer hat hingegen „Smokin’ Aces“ zu bieten, was den Film allerdings nicht unbedingt besser macht. Regisseur Joe Carnahan tut so, als sei er Tarantino in den Neunzigern, weswegen er auf hemmungslose Gewaltorgien, flotte Clip-Ästhetik und einen krachenden Soundtrack setzt. Doch anders als beim „Pulp Fiction“-Guru ist die Geschichte über einen Mafia-Gangster, hinter dem gleich ein Dutzend Kopfgeldjäger und Profikiller her sind, ziemlich schwach auf der Brust. Die Klischees sind erdrückend und die Gags entsprechend platt. Sehenswerte Schauspieler wie Andy Garcia, Ray Liotta, Ben Affleck, Ryan Reynolds oder Soul-Diva Alicia Keys geben sich alle Mühe, doch der über-brutale Kugelhagel bleibt eine recht ärgerliche Angelegenheit.

Bleiben wir noch kurz in der blutrünstigen Ecke, wo mal wieder ein Horror-Remake auf uns wartet. Als dutzendster Vertreter dieses schlichten Erfolgsrezepts geht nun „The Hitcher“ wieder auf Reisen, und wie so häufig bei diesem angesagten Trend ist auch im Falle des Highway-Killers das Original um Klassen besser. Kultstar Sean Bean macht sich immerhin bestens in der Rolle des mörderischen Anhalters, der es auf Fernsehgirlies wie Sophia Bush (kürzlich auch in „Rache ist sexy“ zu sehen gewesen) abgesehen hat.

Und es geht noch weiter mit den filmischen Enttäuschungen, denn auch „Fast Food Nation“ bleibt hinter den Erwartungen zurück. Eigentlich schade, denn wo doch gerade Kochen im Allgemeinen und Bio-Essen im Besonderen so angesagte Themen sind, hätte ein spannender Film über schlechte Speisen und die Machenschaften der Lebensmittelindustrie so gut ins Bild gepasst. Tatsächlich berichtet Richard Linklater in seinem verschachtelten Episodenfilm zwar von Scheiße im Hamburger und Ekel erregenden Bedingungen für sterbende Kühe und arbeitende Mexikaner in der Fleischfabrik. Doch er erzählt das so umständlich, ungeschickt und zäh, dass einem irgendwann nicht nur der Appetit, sondern auch die Lust am Kino vergeht.

Als Gegenmittel empfehlen sich die kleinen Überraschungen dieser Woche. „Whole New Thing“ beispielsweise, ein kleiner kanadischer Film über das Erwachsenwerden. Im Mittelpunkt stehen der unkonventionelle Emerson und seine über-liberalen Eltern, die ganz aus dem Häuschen sind, als ihr Sohn den ersten feuchten Traum erlebt. Ganz problemlos geht es mit der Pubertät dann aber doch nicht los, denn die Gefühle, die der Junge seinem neuen Englischlehrer entgegenbringt, sind für niemanden leicht einzuordnen – und auch die Erwachsenen verkomplizieren ihr Leben in dieser sehr sympathischen Dramödie gehörig.

Ebenfalls eine Klasse besser als die übliche Durchschnittsware ist der Jugendfilm „Brücke nach Terabithia“, der nur auf den ersten Blick so tut, als spiele er in der Fantasy-Liga von „Die Chroniken von Narnia“. Tatsächlich nehmen die Spezialeffekte keinen allzu großen Raum ein, schließlich ist die Romanverfilmung ein Plädoyer für die Phantasie und die Geschichte einer Freundschaft zwischen 11-jährigen, die sich auch vor ernsthaften Themen wie dem Tod nicht scheut.

Dann ist da auch noch „Junebug“, eine kleine Perle des amerikanischen Independent-Kinos. Die Handlung – Etepetete-Ehefrau lernt die prollige Familie ihres Göttergatten kennen – klingt altbekannten Albernheiten, doch der Film von Phil Morrison ist so clever, witzig doch ernsthaft, dass gar kein Platz bleibt für doofe Plattitüden. Mit Amy Adams als schwangerer Schwägerin gibt es sogar eine schauspielerische Offenbarung zu entdecken. Bereits vor einem Jahr war die Nebendarstellerin dafür für den Oscar nominiert, womit der Bogen zum vergangenen Wochenende auch wieder geschlagen wäre. Wem das nicht reicht, der sei darauf hingewiesen, dass die meisten der aktuell prämierten Oscar-Filme vermutlich noch im Kino um die Ecke zu sehen sind. „Pans Labyrinth“, „Babel“, „Letters From Iwo Jima“ und natürlich „Departed“ lohnen sich unbedingt. Und unseren guten Deutschen, Herrn Henckel von Donnersmarck, findet man in jeder Videothek!

Text: Patrick Heidmann