Klar kannten sie Dr. Dre. Calvin Broadus, Nathaniel Dawayne Hale und Warren Griffin III waren sogar mit Andre Young unten, der Privatperson hinter den drei mächtigsten Buchstaben der Westküste. Und trotzdem bedurfte es erst einer Menge abgekauter Ohren, einiger Fußballfelder glühenden Rasens und einer Verkettung glücklicher Zufälle, bis ihr „213“-Demo (so nannten sich das Trio in Anlehnung an den Area Code ihres kalifornischen Wohnortes Long Beach) schließlich doch noch in die Hände des Superproduzenten und Starmachers fiel. Und als Doktor dann hörte, was sein Halbbruder Warren und seine Kollegen da fabrizierten, lud er sie umgehend ins Studio ein – aus Calvin, Nathaniel und Warren wurden Snoop Dogg, Nate Dogg und Warren G. Sie sollten Pop-Geschichte schreiben.Damals wussten die drei selbsterklärten Cousins Baujahr ’71 natürlich noch nicht, dass diese Audienz bei Dre auch gleich den Startschuss für drei beispiellose Solokarrieren sowie eine komplette Reformierung des Westcoast-Rap-Standards bedeuten sollte. Tatsächlich aber war diese scheinbar unbedeutende Session nichts geringeres als die Geburtsstunde des G-Funk. Die Geburtsstunde des Sounds also, der zwischen ‘92 und ’94 schlicht und ergreifend das komplette Musikgeschehen in den USA dominierte. Der Snoop Dogg zum Nationalhelden, zum ersten wahren HipHop-Celebrity emporsteigen ließ. Der Nate Dogg den Ruf der menschgewordenen Platin-Hookline einbrachte. Und der Warren G nicht nur zum Sexsymbol, sondern auch zum offiziellen Keeper des Funks weihte.Über Nacht wurde Westcoast-Rap zum festen Bestandteil des Mainstreams, erklomm die allerhöchsten Billboard-Regionen. Vorbei die Zeiten, in denen Reality-Rap á la N.W.A. – mit seinen brachial-bumsenden Breakbeats, lärmenden Sirenen-Samples und dem extragroßen Mittelfinger in Richtung Polizei – beim Bürgertum dunkle Szenarien des Weltuntergangs aufziehen ließ. G-Funk, der neue Sound, war zwar nicht weniger explizit. Aber er war eingängiger, musikalischer, ja: mehr Funk als Gangsta.Einen nicht unwichtigen Anteil an dieser Entwicklung trug besagter Warren G. Sowohl als MC als auch als Produzent fügte er mit einer nie da gewesenen Leichtigkeit Melodie und Rap zu einem großen Ganzen zusammen, vereinte Ghetto-Storytelling mit nahezu klassischem Songwriting, R&B-Flavour mit Badman-Attitude. Zu deutsch: Er brachte die Frauen dahin, wo zuvor nur Typen gelangweilt an ihrem Henny nippten. Man denke nur an „Regulate“, seinen ersten weltweiten Hit mit Nate Dogg, der es aus dem Stand bis auf Platz zwei der Billboard-Charts schaffte. Auch die zweite Single „This DJ“ ging Top Ten. Das dazugehörige Album „Regulate… The G Funk Era“ (’94) ging mit weltweit mehr als sechs Millionen verkauften Einheiten gleich dreimal Platin und gilt noch heute als einer der drei Eckpfeiler des G-Funk-Movements neben „The Chronic“ und „Doggystyle“. Geschichte schrieb Warren auch mit den drei darauf folgenden Alben, mit unzähligen Hitsingles wie „I Shot The Sheriff“ oder „What’s Love Got To Do With It“ (featuring Adina Howard), mit seinen Kollabos mit Stevie Wonder, George Clinton, Ronald Isley und 2 Pac. Er wurde mehrmals für den Grammy nominiert, hatte zahllose Gastauftritte in Film und TV, der Bürgermeister von Long Beach erklärte kürzlich sogar eine ganze Woche zur „Warren G Week“ – wegen dessen großer Verdienste in der Community. Nicht übel für jemand, der sich einst als Mitglied der Insane Rollin‘ Twenty Cribs in den Straßen seines Yards durchschlagen musste…Eigentlich müsste sich der heutige Familienvater mit diesem fast schon Jason Priestley-mäßigen Minenspiel also nichts mehr beweisen. Allerdings ist es wohl die Liebe zum Funk und die Verbundenheit zu seinen Fans, die den Regulator auch nach 17 Jahren immer wieder in die Booth treibt. Im letzten Jahr war nach mehr als einer Dekade dann sogar die Sensation perfekt: Warren, Snoop und Nate feierten mit „The Hard Way“ die schon längst nicht mehr für möglich gehaltene Reunion von 213. Ein sich perfekt schließender Kreis also. Und zugleich die beste Gelegenheit, um mit der mittlerweile fünften Solo-LP und einem neuem Independent-Label im Rücken ein neues Kapitel Westcoast-Geschichte aufzuschlagen! Wie das Album heißt? „In The Mid-Nite Hour“. Was es in sich birgt? Die konsequente Weiterentwicklung klassisch runtergefunkter, extrem relaxter Westcoastbanger voll rollender und bliepender Synthie-Sounds, wie man sie von Warren als Fan verdammtnochma erwarten darf.Gleich die erste Single „Make It Do What It Do“ gibt die Marschroute für den Rest des Albums vor: Warrens zurückgelehnter Cali-Flow trifft auf die HipHop-meets-House-Beats des Überproduzenten Mousse T. aus Hannover. Global Funk Affairs im wörtlichsten aller Sinne… „Get Ya Down“ mit Cypress Hill-Frontmann B-Real am Gastreim und dem Sänger Side Effect am Gospel bietet dann Soulfood pur, dieses Mal ganz nach afro-mexikanischer Machart. „In Los Angeles gibt es einfach zu viel Gewalt zwischen den verschiedenen Communities, den Schwarzen, den Latinos, den Mexicans. Mit ‚Get Ya Down‘ wollten B-Real und ich zeigen, dass auch ein Miteinander möglich ist, dass wir auch zusammen Geld machen können. Ich meine, wir gehören alle Minderheiten an. Wenn wir jetzt nicht zusammenhalten, sind wir bald alle ausgerottet!“ Eine kleine persönliche Retrospektive über seine nicht immer ungetrübten Erfahrungen mit der Musikindustrie hingegen gibt Warren G auf dem souligen “Walk These Streets“ mit dem legendären Raphael Saadiq. Weitaus minimalistischer instrumentiert, empfiehlt sich das in bester LBC-Manier mit Nate Dogg gechroonte „I Need A Light“, auf dem über einem live eingespielten, spartanischen Gitarren-Lick für alle hustlenden Brüder repräsentiert wird. Ein weiterer 213-Sureshot mit Zuckerguss ist „PYT“, während „In Case Some Shit Go Down“ (feat. Mike Jones und Warren Gs Protegé Frank Lee White) den für Houston typischen Screwed&Chopped-Style mit klassisch entspanntem Westcoast-Lowrider-Sound paart. Prädestiniert für die samstägliche Balz bouncet „We Need Each Other“ mit einem schnurgeraden Beat, dazu geht Warren mit Dr. Dres neuester Entdeckung Bishop Lamont und dem Newcomer Chevy ordentlich Candies shoppen. „Das ist es auch, was ‚The Mid-Nite Hour’ für mich bedeutet: harte Arbeit bis früh morgens, aber auch Fun und Party. In der Nacht kann so viel passieren, und darüber spreche ich auf dieser Platte. Ich will den Leuten Geschichte mitgeben, Geschichten, wie sie nur das echte Leben schreiben kann. G-Funk eben. Forever.“

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