In jedem Sommer denke ich, wenn ich im Bus fahre oder Bratwürste brutzle, wieder darüber nach, wer an den Wochenenden all diese scheußlichen Rock-Festivals mit diesen scheußlichen Bands besucht. Es sind anscheinend immer mehr Festivals geworden ˜ früher war Roskilde das geradezu magnetische Ereignis, eine gottverlassene Weidelandschaft in der dänischen Provinz, wo vor einigen Jahren ausgerechnet bei einem Konzert der friedfertigen Hippies Pearl Jam mehrere Besucher zu Tode getrampelt wurden. Heute veranstaltet fast jede Dorfgemeinde ein Festival und lässt es nicht beim obligatorischen Jazz-Fest oder den Kabarett-Tagen bewenden ˜ überall müssen es Die Ärzte sein, Pink und Lionel Richie, mindestens aber Sportfreunde Stiller, Slut, Reamonn, Mia und die Donots, je für sich schon schwer erträglich, in der Ballung aber ein Pandämonium.

Nun kenne ich zwar Fanatiker, die niemals auf den Schweinerock beim Open-air in Wacken verzichten würden ˜ doch woher kommen die Hunderttausende, die jenseits solcher Stammesriten zum Überlebenskampf drängen und 100 Euro für das Privileg zahlen, schlecht zu sitzen, zu stehen, zu sehen und zu hören, an Zäune zu urinieren, aus Plastikbechern abgestandene Plörre zu trinken und um Reispfannen anzustehen, in Rumpelbussen und auf Autorücksitzen zu nächtigen oder auf Müllhalden zu campieren? Um dann entscheidende Auftritte zu verpassen, weil sie parallel stattfinden, die Zelte überfüllt sind oder überhitzt, oder weil Alkohol und Erschöpfung den Besuch verhindern. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil der Festival-Tourist kaum einen der auftretenden Künstler wirklich kennt oder schätzt, und die meisten Bands ohnehin das ganze Jahr über fast überall spielen.

Nein, es muss doch mit den Strapazen der Anreise zu tun haben, dem stets hsysterischen und pöbeligen Tonfall der Verständigung, dem hygienischen Ausnahmezustand und dem allgemeinen Rückfall ins zivilisatorische Stadium der Troglodythen ˜ gute Gründe, gewiss. Das Rock-Festival ähnelt hierin dem katholischen Kirchentag, bei dem ebenfalls ein Gemeinschaftserlebnis samt Wundererwartung die Massen bewegt. Übernachtung in Turnhallen und Frühstück auf Schulhöfen gilt dem katastrophischen Bewusstsein als Höhepunkt beim Zusammenschweißen, ein sinnliches, wo nicht übersinnliches Erlebnis, das der Alltag nicht bietet.

Frühere Generationen hatten den großen Gleichmacher-Krieg und die einigende, wenn auch zernichtende Erfahrung der Front: Entbehrung, Hunger, Kälte, Nässe, Verwundung und Tod. Unsere Großeltern saßen deshalb später am liebsten in ihrem Häuschen oder an sonnigen Gestaden, umgeben von Gleichaltrigen, Gleichgesinnten und Gleichaussehenden. Auch das Auto bot ihnen Schutz und Zuverlässigkeit, es ersetzte den Panzer bei der Passage gen Italien.

Die Generation VW-Bus rebellierte in den Sechzigern gegen solches Spießertum und suchte das wilde Leben, die freie Liebe, den Rausch ohne Reue. Und die Generation Golf, verwöhnt von Vergnügungspark und Erlebnisbad, stellt die unmittelbare, authentische Erfahrung immerhin noch nach: auf den umzäunten Arealen des Rock-Festivals, wo die so genannten Konventionen und Zwänge so lässig abgeworfen werden wie in einem Lied von Udo Jürgens. Wir dürfen zerrissene Jeans tragen, auch mal pupsen und anschließend erzählen, wie übel das Wetter war, wie langweilig The Cure, aber in dem kleinen Zelt, da triumphierte Adam Green, während auf der Hauptbühne Metallica, aber die Ordner waren total scheiße, und der Rucksack war dann auch weg, mit den Pflastern und der Sonnencreme…
Aber schön war es doch.

Arne Willander ist noch immer 33 und Redakteur beim “Rolling Stone” in München.