Als der britische Pop-Exzentriker David Jones, in jenen Tagen, nach langen Jahren als tingelnder Folkie mit einem Faible für Vaudeville und große Gesten, gerade unter dem Moiker David Bowie zu bescheidenem Ruhm gekommen, den es ihm mithilfe seines Alter Egos, der Kunstfigur Ziggy Stardust gar noch zu mehren gelang, jedenfalls: Als dieser damals 26-Jährige David Bowie am 3.7.1973 beim Abschlusskonzert der Tournee zum Album „Ziggy Stardust“ im Hammersmith Odeon zu London das überschaubar große Auditorium ein letztes Mal mit homoerotisch anmutenden, künftige Rollenmodelle initiierenden Spielereien mit seinem Gitarristen, dem in ein Glitteroutfit gezwängten ehemaligen Pup-Rocker Mick Ronson vergnügte, gelang ihm ein kleiner Kunstgriff, der seiner zu dieser Zeit noch an der Peripherie des Big-Biz angesiedelten Karriere den entscheidenden Twist geben sollte. Es war unmittelbar nach dem dröhnenden Schlussakkord des Velvet-Underground-Klassikers „White Light/ White Heat“ als Bowie – berauscht von sich selbst und vermutlich auch von tonnenweise Kokain – jene später als ‚Farewell Speech’ in die Pop-Geschichte eingegangenen legendären Worte sprach: „This show will stay the longest in our memories, not just because it ist he end of the tour“ – schwerer Atem, spitze Schreie – „but“ – noch mehr Geschrei – „because it is the last show we’ll ever do“. Tosen, Verzweiflung – Ziggy-Mania.

Was aufmerksamen Beobachtern ohne Hang zum Pathos schon damals als das, was es eben war hätte auffallen müssen: die dramaturgisch ingeniöse Ankündigung des programmatisch betitelten letzten Songs des Abends, „Rock’n’Roll Suicide“, mit dem auf dem Album „Ziggy Stardust“ das endgültige Scheitern der vom namensgebenden Außerirdischen auf Erden gegründeten Band dokumentiert wird, außerdem als Ankündigung Bowies, künftig eben wieder unter dem Namen David Bowie musizieren zu wollen, entwickelte fortan eine beträchtliche Eigendynamik. „Bowie quits“, „Pop idol Bowie gives ‚last show’“, „Bowie’s final night on stage“ – nur drei der damaligen Schlagzeilen, stellvertretend für viele andere. Aus einem von einigen Hit-Singles abgesehen der breiten Masse eher als Phänomen denn als herausragendem Musiker bekanntem Sänger war über Nacht ein landesweiter Star geworden. Damals unternahm der heutige Multi-Millionär Bowie, der in den 90er Jahren als erster Pop-Star an die Börse ging und demnächst ein weiteres Album veröffentlichen wird, die erste von zahlreichen Häutungen, welche ihm bald den Ruf als ein so genanntes ‚Chamäleon des Pop’ einbringen sollten. Unmittelbar darauf entledigte er sich für sein nächstes Album „Diamond Dogs“ zwar seiner Spiders From Mars genannten Band, nicht aber des Ziggy-typischen roten Feuerschweifs auf seinem Kopf.

Es war in jenen Tagen, als Pop-Musik endgültig zum dramaturgisch inszenierten Massenphänomen wurde. Zahllose andere Marketing-Strategien wurden entwickelt, diese entwickelte sich zu einem Evergreen: Das Verkünden des Endes der eigenen Karriere wurde seither von zahllosen Nachahmern immer wieder als willkommenes Instrument genutzt, um die eigenen Platten- oder Konzertkartenverkäufe anzuheizen. Zu wahrer Meisterschaft in dieser Disziplin brachten es bekanntermaßen die Rolling Stones, von denen bis zum heutigen Tage ohne Zutun der Band stets und bei jeder Tournee alle annehmen, es sei wohl die insgesamt letzte. Böse Zungen befürchten hier drin einen beträchtlichen Grund für die nach wie vor sensationellen Ticketverkäufe der Band.

Es war ebenfalls in jenen Tagen, dass Musiker zunehmend begannen, ihre eigenen Geschicke in die Hand zu nehmen, statt sich von gewieften Managern und windigen Labels über den Tisch ziehen zu lassen. Sie begannen professionelle Medienpersönlichkeiten zu entwickeln und einige von ihnen zeigten beträchtliches Talent in Sachen Selbstvermarktung. Seit damals schreiben Pop-Journalisten, also wir, nur noch, was wir schreiben sollen. Teils, weil an die ‚echten’ Informationen im Rahmen generalstabsmäßig anberaumter Fließband-Interviewtermine im Halbstundentakt mit rhetorisch gewieften und in entsprechenden Kursen gebrieften Musikern gar nicht mehr ranzukommen ist. Teils aber auch, weil die Journaille gar nicht an etwas anderem als der Fortschreibung der Pop-Mythologie interessiert ist. Selbige gehorcht witzigerweise beinahe 35 Jahre später immer noch ähnlichen Gesetzen, setzt ähnliche Schlüsselreize.

Als der britische Pop-Exzentriker Patrick Wolf, bislang ein nur Eingeweihten bekannter Folkie mit einem Faible für theatralische Gesten, vor einigen Wochen in den Interviews zu seinem aktuellen und bislang besten Album „The Magic Position“ verkündete, es sei nun, mit 23, die Zeit für ihn gekommen, seinen Abschied aus der bösen Vermarktungsmaschinerie des Pop zu nehmen, da er um seine geistige Gesundheit fürchte, stürzten sich die Medien – also wir – mit Begeisterung auf die wenigen angeblich letzen Interviews, die zu großen Teilen unkommentiert entsprechend der Vorgabe des Künstlers abgedruckt wurden. Patrick Wolfs war auf einmal jemand, über den man auch jenseits seiner englischen Heimat sprach. Magazine, die Halbseiter eingeplant hatten, räumten größere Strecken für die vermeintlich finale und sensationelle Berichterstattung frei. Auch der zeitgleich stattfindenden Tournee des mit homoerotisch angehauchter, Bowie-induzierter Symbolik spielenden Jung-Dramatikers wird das Geschrei nicht geschadet haben: Kaum ein Konzert von Patrick Wolf, vor dem es nicht zu langen Schlangen und frühen Ausverkaufsmeldungen gekommen wäre. Einige Wochen später war dann plötzlich nur noch von einem Bühenabschied die Rede, jüngst ließ Wolf verlauten, dass er da Livespielen sehr liebe, er aber in jedem Fall eine Auszeit nehmen wolle. Man solle aber niemals nie sagen. „The times they are a-changin’“? Vielleicht – nicht so aber die Mechanismen.