Verdammt, es ist soweit. Schnell noch die 30 Kippen auf der Warpig-Torte angezündet, den JD geköpft – Eis nicht vergessen – und die 60 Stripperinnen reinlassen: Motörhead feiern diese Jahr ihren 30.! Und Lemmy wird endlich 60. Was für ein Jubiläum. Keine Experimente, keine Verarschung und erst recht keine Reality-TV-Shows, dafür volles Rock’n’Roll-Programm schnell, heiß und fettig, und immer gnadenlos auf die Glocke. Glückwunsch.

Und wie man das zu solchen Anlässen immer gerne macht, lassen wir die Bandgeschichte noch einmal Revue passieren, am besten natürlich weiterhin in Zahlen. 17 Studioalben, unzählige Live-Mitschnitte und Gigs konstant im dreistelligen Dezibel-Bereich haben Motörhead den Status des herrlich kaputten und doch unverwundbar unkaputtbaren Stuka-Bombers des schweißtriefenden Speed-Rocks eingebracht. Und auch wenn Gründervater Lemmy das Besetzungskarussell analog zu seinem Lebensstil über die Jahre hinweg stets auf Hochtouren gehalten hat, hat dies die klangliche Essenz der Band niemals korrumpiert. Ach ja, bevor wir es vergessen, in diesem Zusammenhang gibt es ja gleich noch ein Jubiläum, schließlich ist die aktuelle Trio-Konstellation mit Mikkey Dee am Schlagzeug und Phil Campbell an der Gitarre nun auch schon zehn Jahre fest im Sattel, wenn es wieder heißt: Motörhead – da weiß man, was man hat. “Wir haben da etwas erschaffen und jetzt stecken wir darin fest”, so Lemmys stilistische Selbsteinschätzung zum eingetragenen Motörhead-Sound. “Die Leute mögen es eben nicht, wenn man neue Grenzen erkundet, sondern sie wollen, dass du immer gleich bleibst. Wenn du das dann aber machst, sagen sie wieder: ‘Scheiße, die klingen immer gleich.’ Man ist in beiderlei Hinsicht gefickt. Aber irgendwie kommen wir damit durch.” Es gibt wohl nur wenige Bands, die vom Sicherheitsnadel-Straßenpunk bis zur Metal-Matte eine generationsübergreifende Kampftrinker-Klientel ansprechen und fürstlich bedienen. Und anlässlich der diesjährigen Feierlichkeiten (und vielleicht auch weil Herr Kilmister an diesem 24. Dezember eine große sechs vor die Null schreiben kann) lassen sich Lemmy und seine Jungs erst recht nicht lumpen, sondern reichen uns pünktlich zum Fest, je nach entsprechendem Glaubensbekenntnis, eine Neuauflage von ‘Inferno’, ihrer letzten Kracherscheibe. Selbstredend in feinster Aufmachung, sprich in exklusives Motörhead-Geschenkpapier gehüllt. Darin befindet sich dann neben besagtem Album eine durchweg lohnenswerte Bonus-DVD, prall gefüllt mit erlesenen Songs vom diesjährigen Jubiläums-Konzert, abermals im ehrwürdigen Londoner Hammersmith, und das aktuelle Video zu ‘Whore House Blues’ samt Drehdokumentation. Richtig lustig wird es dann, wenn die geschichtliche Abrissbirne in der über einstündigen Band-Doku ‘The Guts And The Glory – Motörhead’s Story’ kreist, und es ein schonungsloses Wiedersehen mit alten Weggefährten wie Drum-Urgestein Philthy ‘Animal’ Taylor und Fast Eddie Clarke gibt. Zu guter Letzt wird dieses ultimative Rundum-Glücklich-Paket noch mit einem erhellenden Feature über Joe Petagno veredelt, der Mann, der nicht nur einst das Warpig-Wahrzeichen kreierte, sondern dessen graphische Geniestreiche seitdem nahezu jedes Coverartwork der Band zieren und für die optische Aufmachung von Metal-Scheiben stilbildend geworden sind. Zeitlos – nie schien dieses Stichwort treffender als im Jubilar-Fall Motörhead. Damit das auch in Zukunft so bleibt, verschwendet Lemmy glücklicherweise nicht auch nur einen müden Gedanken an einen Altersruhestand. “Warum sollte ich aufhören? Ich bin besser als die meisten anderen Bastarde in diesem Wettbewerb. Jemand hat mir vor kurzem mal gesagt, ich sollte aufhören und Platz für jüngere Bands machen. Ich soll Platz für Limp Bizkit machen? – Ich denk’ nicht dran! Die meisten jungen Bands sind sowieso scheiße. Musik ist mein Leben und ohne sie bin ich tot. Was soll mich also stoppen? Nur der Tod, sonst nichts!” Und weil es so schön ist, gibt es als Bonus direkt noch einen typischen Lemmy als praktisch anwendbare Altersweisheit zum Abschluss: “Eine Sache beschäftigt mich wirklich: Leute die älter werden, schneiden sich immer die Haare kurz. Was soll das? Lasst es wachsen und deckt damit die schlechten Nachrichten ab!” Danke, Lemmy. Danke, Motörhead.

Text: Frank Thießies

 

Inferno 30th Anniversary Edition
Die Fakten

Neben einer kleinen aber feinen Auswahl von sechs Stücken vom diesjährigen Jubiläumskonzert im ‘Hammersmith’ zu London, wo vor gut 24 Jahren der unumstrittene Live-Album-Klassiker “No Sleep “Til Hammersmith” dokumentiert wurde, gibt es außerdem: Den Videoclip zu Motörheads erstem waschechten Akustik-Song, “Whore House Blues”, samt Making Of, mehr als eine Stunde Interviews mit allen maßgeblich beteiligten Motörhead-Musikern in “The Guts And The Glory – Motörhead’s Story” sowie ein Porträt des Cover-Künstlers Joe Petagno, der sich für das geniale Artwork der meisten MH-Albumcover verantwortlich zeichnet.

Tracklist Hammersmith Gig:
Killers
Tragedy
Whore House Blues
Love For Sale
(We Are) The Road Crew
Bomber