Bedenkt man die dem fertigen Produkt innewohnende Distanzlosigkeit in Beziehung zu seinen Machern, ist es nicht weiter schlimm, dass Simon Fowler, Sänger, Songschreiber und Gentleman der britischen Band Ocean Colour Scene nicht in der Lage ist, sein eigenes Album zu beschreiben. Was allerdings ein bisschen vermessen klingt, ist seine weitere Antwort auf diese Frage, nämlich dass man ja auch nicht in der Lage sei, das ‘White Album’ der Beatles zu beschreiben.

Aber der Birminghamer ist lediglich mit einem brillanten Humor gesegnet, denn nach einer kurzen Pause meinerseits in Anbetracht dieser Selbstüberschätzung bricht er am anderen Ende der Leitung in schallendes Gelächter aus und entschuldigt sich, er habe es nicht ernst gemeint. Tatsächlich ist das aktuelle, mittlerweile siebte Album der Band mit dem etwas wirren Namen ‘A Hyperactive Workout For The Flying Squad’ eine mehr oder weniger runde Sache geworden, die von etwas jämmerlichen Geständnissen in ‘I Love You’ bis hin zu ‘Riverboat Song’-ähnlichen Hits wie ‘Everything Comes At The Right Time’ reichen und oft nur marginal an das erinnern, was die vier Jungs vor zehn Jahren gemacht haben.

Ob das nun daran liegt, dass sie älter geworden sind, unprätentiös und vielleicht sogar ein wenig ideenlos ihrer Arbeit als Musiker nachgehen oder sich einfach nicht für gängige Kritikermeinungen interessieren? Tatsache ist, dass sie in England gerade von renommierten Radio-Sendern eingeladen werden und Paul Weller wieder einmal ein Song für die aktuelle Platte beisteuerte. Im Zusammenhang mit der Band gibt es folgende Geschichte, die Simon Fowler gern erzählt:

“Noel Gallagher begrüßte vor fast zehn Jahren in der ausverkauften Royal Albert Hall unser wartendes Publikum mit folgendem Satz: ‘Ladies und Gentlemen, freut euch auf einen Abend voller Dad-Rock, hier sind Ocean Colour Scene.’ Was er damals ironisch meinte, ist heute vielleicht nicht mehr ganz so an den Haaren herbeigezogen”, lacht Simon und fährt fort: “Was soll ich sagen, was wir jetzt machen, ist dann Grandad-Rock oder was? Es ist für uns eine Zeit angebrochen, in der wir genau wissen, wie wir spielen und was wir mögen. Nach all diesen Jahren fühlen wir uns wohl in unserer Haut, sind längst nicht mehr so angreifbar wie in den Anfangsjahren und haben uns so entwickelt, wie es diese tiefe Freundschaft zwischen uns verlangt hat.”

Ocean Colour Scene ist vielleicht schon länger keine Band mehr, die mit Brit-Pop in einem Atemzug genannt werden sollte. Außerdem ließ Alan McGee, Chef des legendären Creation Record-Labels, 1996 in einer Anzeige verlautbaren: ‘Brit-Pop – more like Shitpop’, und der musste es ja wissen, war er doch der Vater all jener Inselmenschen, die mit Gitarre und Beatles-Melodien im Hinterkopf Europa erobern sollten. Simon Fowler ist es herzlich egal, was der NME über ihn und seine Band denkt, und das ist lange nicht mehr etwas richtig Nettes gewesen. Er spielt einfach weiter, lässt sich von jungen Bands wie Franz Ferdinand beeindrucken, wird weiterhin Fish’n’Chips essen und ein fast infantiles, aber sehr symphatisches Interesse für Camilla Parker Bowles und Prinz Charles besitzen. Dass dabei seit geraumer Zeit keine allzu prächtigen Alben mehr herauskommen, ist eine andere Sache. Aber wer kann schon einen Gentleman kritisieren?

Text: Rebekka Bongart