Musik, auf die sich in unseren geschmacksdivergenten Zeiten ein relativ großer Hörerkreis unabhängig von sonstigen persönlichen Vorlieben einigen kann, verkommt immer mehr zu einer Ausnahmeerscheinung. System Of A Down setzten sich mit ‘Mesmerize/Hypnotize’, einer monumentalen Doppelalbum-Fortsetzungsveröffentlichung, nun endgültig an deren Speerspitze. Bereits Teil eins dieses Zwillingsalbums untermauert so nachhaltig das immense Innovationspotenzial der armenischstämmigen Kalifornier, dass SOAD mit der später dieses Jahr noch erfolgenden Vollendung durch ‘Hypnotize’ allerbeste Chancen haben, später als die Band gerühmt zu werden, die den kompromisslosen Crossover ins neue Jahrtausend gerettet hat.

Schwere Riff-Geschütze treffen auf wunderbare Harmoniebögen, Stakkato-Attacken munden in versöhnlicher melodischer Auflösung, dazu sogar mal Synthesizer, oder auch Akustik-Gitarren – die neuen SOAD-Songs sind immer mehr als nur die Summe ihrer teils erstaunlichen Einzelteile. Dahinter steht natürlich ein Konzept, wenn nicht sogar fast schon eine philosophische Sichtweise der Dinge, die Gitarrist und Hauptkomponist Daron Malakian folgendermaßen formuliert: “Unsere Platten werden, egal was wir machen, immer soft, heavy, oder auch verrückt sein, und daran wird sich nichts ändern. Wir sind nun mal Menschen und haben immer all diese unterschiedlichen Seiten und Aspekte in uns. Für uns ist es normal, Extreme zu kombinieren, manchmal fällt auch der Begriff Schizophrenie. Ich bin mir jetzt nicht sicher, was das über mich persönlich aussagt“, bekundet Daron mit einem Lachen. Ebenfalls extrem ist dann auch der Zwiespalt, über dem SOAD als durchaus sozial und politisch ambitionierte Band tänzeln, wenn es darum geht, zwischen Meinung und Meinungsbildung zu differenzieren. “Ich habe keine politischen Ambitionen. Es geht mir darum, Dinge allgemein in Frage zu stellen. Ich habe zum Beispiel auch nichts gegen Leute, die für den Krieg im Irak sind. Aber ich habe etwas gegen diejenigen, die für den Krieg sind, ohne das begründen zu können. Wenn du mir deine Begründung geben kannst, und du darüber nachgedacht hast und es deine Meinung ist, dann kann ich das mehr respektieren, als wenn deine Meinung dem Fernsehen stammt.” Somit erklärt sich dann auch der im verwandten Bedeutungsverhältnis der beiden Albumteile evozierte generelle Kritikpunkt an jeglicher Fremdsteuerung. Also doch ein durchaus kritischer Blick auf unsere Gesellschaftsform?
“Ich denke bei beiden Platten geht es darum, von etwas kontrolliert zu sein, ohne zu wissen, wovon genau”, erläutert Daron, ohne jedoch eine aufklärerische Bekehrer-Verbissenheit an den Tag zu legen. Denn wenn Daron und Sänger Serj neben einer reflektiert revolutionären Räson ein weiteres prägnantes Persönlichkeitsmerkmal besitzen, dann ist das ihr Humor. Manchmal anarchistisch absurd und manchmal eben auch mit dem sprichwörtlich vorgesetzten Galgen im Hintergrund. “Wir sind Leute, die sich Gedanken machen, aber zugleich auch über Dinge lachen. Wenn ich George Bush im Fernsehen sehe, macht mich das nicht wütend, sondern ich muss lachen. Ich finde es witzig, dass wir in diesem unseren Zeitalter immer noch Bomben auf andere Leute schmeißen. Aber nachdem ich darüber gelacht habe, wird mir klar, dass das gar nicht so witzig ist, weil es ja tatsächlich real ist.” Womit wir also wieder beim subtil schizophrenen Extrem-Problem unserer an Widersprüchen nicht gerade armen Gesellschaft wären. “Bei SOAD gibt es nie nur ein einziges Thema, es geht immer um den ganzen Komplex. Und gerade in diesen Zeiten… Erst wenn sich die Welt ändert, wird sich auch unsere Musik ändern.” Keine Drohung, sondern ebenso wie die Musik der Band, einfach Ausdruck eines wahrhaft vielschichtigem Systemverständnis.

Text: Frank Thießies